top of page

Jede Stimme zählt, jede Geschichte bewegt.

Wenn dich dieser Beitrag berührt oder zum Nachdenken gebracht hat, teile ihn weiter. Viele Menschen wissen noch zu wenig über queeres Leben, aber Aufklärung beginnt mit einem geteilten Link, einem Gespräch, einem offenen Herzen.

Als Ally ehrlliche Unterstützung leisten

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • vor 22 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit
Mann mit T-Shirt: Good Intentions are not enough
Allys unterstützen aktiv

Mein Ratgeber für cis Personen

Viele cis Personen wollen helfen. Sie meinen es gut, sagen die richtigen Dinge, teilen Inhalte oder nehmen öffentlich Stellung. Trotzdem empfinden viele trans, inter und nicht-binäre Menschen diese Unterstützung als anstrengend, oft widersprüchlich oder sogar verletzend. Es ist selten darauf zurückzuführen, dass kein guter Wille vorhanden wäre. Der Grund dafür ist, dass es beim Allyship nicht nur um Zustimmung geht. Es handelt sich um die innere Einstellung, einen Lernprozess und eine Praxis, die bestehende Machtverhältnisse auf- und angreift.

Forschung aus den Bereichen Sozialwissenschaften und Psychologie verdeutlicht schon seit langem, dass gut gemeinte Unterstützung dann problematisch wird, wenn sie strukturelle Unterschiede ignoriert. In ihren Richtlinien zur Arbeit mit trans und gendernonkonformen Menschen erläutert die American Psychological Association sehr deutlich, dass Unterstützung immer im Zusammenhang mit Macht, Privilegien und gesellschaftlicher Normierung verstanden werden muss [1]. Cis Personen leben in einer Welt, die auf sie maßgeschneidert ist. Es geschieht selten, dass Pronomen hinterfragt werden. Dokumente passen. Medizinische Versorgung ist zugänglich, ohne dass sie die eigene Identität erklären müssen. Diese Selbstverständlichkeit beruht auf strukturellem Privileg und ist nicht das Ergebnis individueller Leistungen.

Ally sein – kurz & konkret


  • Zuhören heißt, Erfahrungen ernst zu nehmen und nicht zu relativieren

  • Eigene Privilegien erkennen und Verantwortung übernehmen

  • Nicht für trans Personen sprechen, sondern Raum schaffen

  • Fehler eingestehen, korrigieren und daraus lernen

  • Bildung selbst übernehmen, anstatt andere erklären zu lassen

  • Unterstützung im Alltag zeigen, nicht nur in Ausnahmesituationen

  • Ally zu sein, als Prozess zu verstehen, nicht als Status

Allysein beginnt, wenn dieses Privileg nicht geleugnet, sondern reflektiert wird. Es geht nicht darum, Schuld zu erzeugen, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen.

Zuhören bedeutet, Erfahrungen nicht zu beurteilen

Häufig schlägt Hilfe ins Gegenteil um, wenn cis Personen von trans Personen erfahrene Diskriminierung versuchen kleinzureden. Sie zeigen oft reflexhaft eine beschwichtigende Reaktion: Bemerkungen wie „Das war bestimmt nicht so gemeint“ oder „Ich glaube, die Person wollte dich nicht verletzen“ zielen darauf ab, die Harmonie zu wahren, lenken jedoch von grundlegenden Problemen ab. Die Erfahrungen der betroffenen Person werden relativiert, während die Absichten Dritter hervorgehoben werden.

In The Transgender Issue veranschaulicht die britische Autorin Shon Faye eindrucksvoll, wie belastend diese Art der Relativierung ist. Sie verdeutlicht, dass trans Menschen nicht unter einem mangelnden Verständnis für ihre Absichten leiden, sondern unter der permanenten Infragestellung ihrer Wahrnehmung. Zuhören heißt also, das Erlebte zu akzeptieren, es ist nicht sofort einzuordnen, nicht erklärbar und es nicht zu verteidigen [2].

Psychologisch betrachtet ist genau das ein Moment der Entlastung. Die APA weist darauf hin, dass die Validierung von Erfahrungen einen wesentlichen Schutzfaktor gegen Minderheitenstress darstellt. Häufig fängt Unterstützung mit einem simplen „Danke, dass du mir das erzählt hast“ an [1].

Unterstützung ist kein Rettungsprojekt

Ein weiterer häufiger Fehler, der in einer gut gemeinten Allyship gemacht wird, ist das Einnehmen von Sprecher:innenrollen. Cis Personen erläutern in Gesprächen die Lebensrealitäten von trans Personen, verfassen lange Threads „für trans Menschen“ oder nehmen stellvertretend das Wort, obwohl die Betroffenen selbst anwesend sind. Dieses Verhalten erfolgt selten aus böser Absicht erfolgt, es vermittelt aber den Eindruck, dass die Betroffenen selbst es nicht darlegen können.

Julia Serano untersucht dieses Muster schon früh in Whipping Girl. Sie schildert, auf welche Weise cis Personen durch angebliche Solidarität die Kontrolle über die Interpretation behalten und dadurch die bestehenden Machtverhältnisse festigen [3]. Unterstützung besteht nicht darin, die Stimme zu erheben, sondern darin, Platz zu schaffen. Nicht Sichtbarkeit zu übernehmen, sondern diese zu ermöglichen.

Eine geeignete Leitfrage ist, wer von einer Handlung profitiert. Der zu unterstützenden Person, oder dem eigenen Bedürfnis, als Unterstützer:in wahrgenommen zu werden.

Fehler sind unausweichlich, Verantwortung jedoch nicht

Fehler sind ein Teil des Prozesses. Selbst engagierte und informierte Allies verwenden falsche Pronomen, stellen unüberlegte Fragen oder greifen auf stereotype Darstellungen zurück. Der Umgang mit dem Fehler ist entscheidend, nicht der Fehler selbst.

Forschung zur Fehlerkultur im Zusammenhang mit Diskriminierung hat ergeben, dass Rechtfertigungen die emotionale Belastung häufig wieder auf die betroffene Person zurücklenken. Aussagen wie „Ich habe es doch nicht so gemeint“ oder „Das ist für mich auch schwierig“ fordern von den Betroffenen Verständnis, auch wenn sie bereits betroffen sind.

In den Standards of Care der World Professional Association for Transgender Health (WPATH) wird hervorgehoben, dass respektvoller Umgang vor allem durch die Übernahme von Verantwortung entsteht. In der Regel sind eine kurze Entschuldigung, eine Korrektur und die sichtbare Bereitschaft zu lernen ausreichend. Ohne Aufregung. Ohne Selbstzentrierung [4, 5].

Bildung ist keine Pflichtaufgabe

Im Alltag werden trans Personen oft in die Rolle von Erklärenden gedrängt. Ihr Ziel ist es, Begriffe zu erklären, politische Diskussionen einzuordnen oder individuelle Entscheidungen zu begründen. Diese Erwartung erzeugt Druck auf trans Personen und langfristig Erschöpfung.

Deshalb unterstreichen Organisationen wie der Bundesverband Trans* und das Queer Lexikon deutlich, dass es eine Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft ist, Bildung zu gewährleisten. Jeder, der helfen möchte, kann sich informieren, ohne andere dafür zu beanspruchen. Literatur, Artikel, Präsentationen und öffentlich zugängliche Meinungen bieten eine Fülle von Materialien.

Auch das Erkennen, wann Fragen legitim sind und wann sie vor allem der eigenen Neugier dienen, ist ein Zeichen von Allysein.

Der Unterschied entsteht im Alltag

Unterstützung wird häufig mit besonderen oder zugespitzten Situationen verbunden: hitzigen Debatten, politischen Entscheidungen oder klar erkennbarer Diskriminierung. Für viele trans Menschen zeigt sich echte Entlastung jedoch im ganz normalen Alltag: in Besprechungen, in der Schule, bei Arztterminen oder in Gesprächen innerhalb der Familie.

Berichte von Transgender Europe demonstrieren, dass auch kleine strukturelle Entscheidungen erhebliche Auswirkungen haben können. Die konsequente Nutzung von Pronomen, selbst wenn die betreffende Person nicht anwesend ist. Das Eingreifen bei herabsetzenden Äußerungen. Die Berücksichtigung inklusiver Sprache in Formularen. Diese Tätigkeiten sind häufig nicht sichtbar, reduzieren aber auf einfache Art die stete Belastung [9].

Allysein ist ein Prozess

Niemand kann sich Allyship dauerhaft sichern. Weder handelt es sich um einen Endpunkt noch um einen Titel. Forschungen zum solidarischen Handeln belegen, dass effektive Unterstützung immer Selbstreflexion erfordert. Sie erfordert, dass man bereit ist, Kritik auszuhalten, eigene Annahmen zu überprüfen und sich auch in unangenehmen Situationen zurückzunehmen.

Aus diesem Grund definiert die Advocates for Trans Equality Allyship als eine kontinuierliche Praxis. Jeder, der diesen Prozess ernst nimmt, wird Fehler machen und dennoch eine unterstützende Rolle einnehmen. Wer ihn meidet, nutzt nur Symbole [10].

Ehrliche Hilfe wirkt entlastend

Ein letzter, eindeutiger Maßstab ist die Wirkung. Erzeugt das Verhalten für trans Personen Entlastung oder erzeugt es zusätzlichen Erklärungsbedarf, können sie sich dankbar zeigen oder müssen sie Verständnis aufbringen. Entsteht ein Raum für Sicherheit und Ruhe?

Allysein stellt weder ein Geschenk noch eine Selbstauszeichnung dar. Es ist eine Haltung, die Strukturen verändert. Leise, konsequent und häufig im Hintergrund.

Eure, Lizbeth

Referenzen


Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen

Newsletter abonnieren

Der Newsletter erscheint i.A. einmal im Monat und kann jederzeit abbestellt werden.

Vielen Dank für das Einreichen! Bitte überprüfe Dein Postfach und bestätige Deine Anmeldung zum Newsletter. Danke.

Copyright © 2025-2026 Lizbeth Wischnewski. Alle Rechte vorbehalten.

bottom of page