"Ein wenig leiser?" – Warum Polemik gegen LGBTQIA* brandgefährlich ist
- Lizbeth

- 24. Sept. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Okt. 2025

Als Chefredakteur der Welt am Sonntag schrieb Jacques Schuster kürzlich:
Das nächste Unwort des Jahres sollte "LGBTQ" werden. (…) Nichts gegen diese Menschen! (…) Aber vielleicht geht es ein wenig leiser?
Was als ironisch-provokanter Meinungsbeitrag daherkommt, ist in Wahrheit ein gefährlicher Angriff auf Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Sicherheit queerer Menschen. Solche Rhetorik ist nicht harmlos, sie wirkt. Sie verstärkt Diskriminierung, befeuert Gewalt und untergräbt Grundrechte.
Sprache formt Realität
Sprache ist nie neutral. Wenn ein Wort wie "LGBTQ" verspottet wird ("Zungenbrecher", "Unwort"), dann sendet das eine Botschaft: Die Identität von Millionen Menschen ist lästig, störend, unnötig kompliziert. Ironie kann so zur Abwertung werden.
Forschung zeigt: Abwertende Sprache und Hate Speech wirken wie ein Brandbeschleuniger in Gesellschaften. Sie normalisieren Vorurteile und erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Gewalt. Studien belegen, dass politische Rhetorik, die Minderheiten diffamiert, mit steigenden Hassverbrechen korreliert. (siehe: "Hate speech and real harm", UN)
"Vielleicht geht es ein wenig leiser?" – der Ruf nach Unsichtbarkeit
Schuster behauptet, queere Menschen seien "zu laut", zu sichtbar in Serien, zu präsent in Debatten, zu aufdringlich beim Gendern. Doch was bedeutet "leiser treten"? Nichts anderes als: unsichtbar werden.
Unsichtbarkeit aber war jahrzehntelang Realität und führte zu Gewalt, Depressionen und Suizid. Erst Sichtbarkeit brachte Fortschritte: Eheöffnung, Antidiskriminierungsgesetze, gesellschaftliche Akzeptanz. Sichtbarkeit heißt: endlich auch in Serien, Nachrichten oder Schulen vorzukommen, so wie heterosexuelle Menschen seit jeher selbstverständlich vorkommen. (siehe: Accelerating Acceptance 2023, GLAAD)
Die Aufforderung, wieder "leiser" zu sein, ist also keine harmlose Bitte um Ruhe. Sie ist eine Forderung nach Machtverschiebung, zurück in die Unsichtbarkeit.
Fakten statt Polemik: Gewalt gegen LGBTQIA* nimmt zu
Während Schuster Überdruss beklagt, zeichnet die Realität ein anderes Bild:
Deutschland: Straftaten gegen queere Menschen steigen kontinuierlich. Laut BKA hat sich die Zahl der erfassten Taten gegen sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität in den letzten Jahren massiv erhöht. (siehe: Lagebericht zur Sicherheit von LSBTIQ*, BKA)
Europa: ILGA-Europe dokumentiert für 2023 einen "besorgniserregenden Anstieg" von Hasskriminalität und politischer Hetze gegen LGBTQIA*. (siehe: Annual Review 2023, ILGA)
International: Berichte zu Angriffen, bis hin zu Terroranschlägen auf queere Clubs (z. B. Club Q in Colorado), zeigen die tödlichen Folgen von enthemmter Rhetorik.
Die Botschaft ist klar: Wer heute über "zu viel Sichtbarkeit" klagt, tut dies in einem Klima wachsender Bedrohung und schüttet damit Wasser in die Mühlen jener, die Gewalt rechtfertigen.
Psychische Gesundheit: Worte können Leben kosten
Wissenschaftlich ist belegt, dass Diskriminierung und Stigmatisierung die psychische Gesundheit massiv belasten.
Das Minority-Stress-Modell (Meyer 2003) zeigt: ständige Erwartung von Ablehnung, Verstecken der Identität und erlebte Diskriminierung führen zu erhöhten Risiken für Depressionen und Suizidalität. (siehe: Prejudice, Social Stress, and Mental Health in Lesbian, Gay, and Bisexual Populations: Conceptual Issues and Research Evidence)
Trevor Project (USA, 2022/23): 45 % der queeren Jugendlichen haben in den letzten 12 Monaten ernsthaft einen Suizidversuch erwogen. Das Risiko sinkt drastisch, wenn sie in ihrem Umfeld Akzeptanz erfahren. (siehe: 2022 National Survey on LGBTQ Youth Mental Health)
EU-Grundrechteagentur (FRA): LGBTI-Personen in Europa berichten in großer Mehrheit von Diskriminierung, viele verbergen ihre Identität aus Angst. Sichtbarkeit wird als Risiko erlebt – und gleichzeitig als Schutz, wenn Gesellschaften sie akzeptieren. (siehe: Zunehmende Gewalt und Belästigung gegen intersexuelle Menschen in der EU)
Ein Leitartikel, der diese Sichtbarkeit verspottet, verstärkt genau diesen Druck: leiser sein, unsichtbarer sein, zurück ins Versteck.
"Die Mehrheit wird vergessen"
Schuster schreibt, 88 % der Deutschen seien heterosexuell, 49 % lebten in Familien, 75 % hätten keinen Migrationshintergrund und diese Mehrheit werde übergangen.
Das ist ein klassisches Mehrheitsargument, aber auch ein gefährliches. Demokratie bedeutet nicht: die Mehrheit bestimmt alles. Demokratie bedeutet: Minderheitenrechte sind geschützt, gerade weil die Mehrheit immer mehr Stimmen hat.
Es ist schlicht falsch, dass die Mehrheit "vergessen" werde. Heterosexualität ist nach wie vor die unhinterfragte Norm in Schule, Medien, Politik. Die Sichtbarkeit queerer Menschen bedroht diese Mehrheit nicht. Sie erweitert die Gesellschaft um Perspektiven, die immer schon da waren, nur eben unsichtbar gemacht wurden.
Von der Kolumne zum Gesetz... Worte ebnen den Weg
Wer heute LGBTQIA*-Unterstützer:innen als "Missionare" verspottet, liefert Narrative, die international bereits in Gesetzesverschärfungen münden: Russland mit seinem "Propagandagesetz", Ungarn mit Verboten von Schulaufklärung, US-Bundesstaaten mit Einschränkungen von Gesundheitsversorgung für Trans-Personen.
In all diesen Fällen stand am Anfang: Sprache. Polemik. Spott. "Zu laut, zu viel, zu sichtbar." Und dann folgte Politik.
Journalistische Verantwortung
Meinungsjournalismus darf zuspitzen, provozieren, unbequem sein. Aber mit Reichweite kommt Verantwortung.
Internationale Organisationen wie UNESCO (siehe: The importance of teaching and learning about the Holocaust) und OSZE (siehe: Medienfreiheit und Entwicklung) haben klare Leitlinien für Journalist*innen im Umgang mit Minderheiten: keine Entmenschlichung, keine Normalisierung von Vorurteilen, Fakten gegen Hass.
Chefredakteur:innen großer deutscher Zeitungen haben Macht. Sie können Debatten öffnen, Verständnis schaffen, Vielfalt erklären. Oder sie können Vorurteile verstärken und die Sicherheit von Millionen Menschen untergraben. Jacques Schuster hat Letzteres gewählt.
Mein Wunsch
Ich bin trans. Ich weiß, was Worte auslösen können: Angst, Scham, Unsichtbarkeit. Aber ich weiß auch, was Sichtbarkeit bewirkt: Sicherheit, Solidarität, Hoffnung.
Wenn jemand fordert, wir sollten "leiser" werden, dann sage ich: Nein. Wir waren schon viel zu lange leise.
Sichtbarkeit rettet Leben. Polemik dagegen gefährdet sie. Und das ist der Unterschied zwischen Meinungsfreiheit und verantwortungsloser Hetze.
Eure, Lizbeth




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