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Von GLBT zu LGBTQIA*

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • 15. Apr.
  • 5 Min. Lesezeit
Regenbogen aus Punkten auf blauem Untergrund
Subtiler Regenbogen

Die Geschichte einer sich wandelnden Abkürzung

Bezeichnungen für Gemeinschaften entstehen selten zufällig. Sie wachsen aus politischen Kämpfen, gesellschaftlichen Veränderungen und den Bedürfnissen der Menschen, die sich in ihnen wiederfinden möchten. Das gilt besonders für die Abkürzung, mit der heute die Vielfalt queerer Identitäten beschrieben wird. Was heute als LGBTQIA* bekannt ist, begann in einer deutlich kürzeren Form. Und der Weg dorthin erzählt weit mehr als nur eine sprachliche Geschichte.

Er erzählt von Solidarität, Ausgrenzung, politischen Kämpfen innerhalb der Community und davon, wessen Stimme wann gehört wurde.

Die frühen Jahre: Warum stand das G vorne?

In den 1960er und frühen 1970er Jahren war es vor allem die Schwulenbewegung, die im öffentlichen Bewusstsein sichtbar war. Als symbolischer Ausgangspunkt der modernen queeren Bewegung gelten die Stonewall-Aufstände vom 28. Juni 1969 in New York: Als Polizeibeamte das Stonewall Inn in der Christopher Street stürmten, wehrten sich die Gäste erstmals kollektiv gegen die systematischen Razzien. ¹ Die Konflikte dauerten mehrere Tage und gaben einer ganzen Bewegung neuen Auftrieb. ⁵

"Der Aufstand rund um das Stonewall Inn wurde zum Symbol: Er zeigt, dass eine einzelne Entscheidung, eine instinktive Reaktion auf Unrecht, der Auslöser für eine ganze Bewegung sein kann." - Amnesty International, 2019 ⁴

Weniger bekannt ist dabei oft, wer an vorderster Front stand: Transfrauen wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, überwiegend schwarze und lateinamerikanische Queere, obdachlose Jugendliche. ⁹ Der Aufstand war, wie die Historikerin Lillian Fadermann beschreibt, ein Aufstand von ganz unten. ¹¹ Dennoch prägten vor allem schwule (weiße) Männer die entstehenden Organisationen, Medien und politischen Strukturen. ³ Die Abkürzung GLBT, mit G an erster Stelle, spiegelte diese Machtverteilung wider. ²

Chronologie

Jahr

Ereignis

1969

Stonewall-Aufstände in New York, Gründung der Gay Liberation Front (GLF). Erster Christopher Street Liberation Day ein Jahr später. ¹

1970er

Die Schwulenbewegung dominiert die queere Politik. Lesbische Frauen und Transpersonen sind Teil der Bewegung, aber oft an den Rand gedrängt. ³

1979

In Deutschland finden in Bremen und Berlin die ersten Christopher Street Days statt. ³

1983

AIDS-Krise verändert die queere Bewegung grundlegend. Lesbische Frauen übernehmen Führungsrollen und Care-Arbeit, die der Rest der Gesellschaft verweigert. ⁸

1990er

Wechsel von GLBT zu LGBT als anerkannte Standardform. Das L an erste Stelle als Anerkennung lesbischer Beiträge. Mitte der 1990er setzt sich LGBT international durch. ²

1999

In Deutschland wird der "Schwulenverband in Deutschland" zum "Lesben- und Schwulenverband" (LSVD) umbenannt. ⁷

2016

GLAAD empfiehlt offiziell, das Q standardmäßig zu verwenden. LGBTQIA* setzt sich zunehmend durch. ⁷

Warum aus GLBT schließlich LGBT wurde

Der Wechsel vollzog sich in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren, und war keine sprachliche Kleinigkeit. Er war eine bewusste politische Entscheidung, geboren aus der AIDS-Krise.

Als ab 1983 die Immunschwächekrankheit AIDS die schwule Community traf, ignorierten staatliche Institutionen die Betroffenen oder stigmatisierten sie. ³ Es waren lesbische Frauen, die in dieser Situation eine entscheidende Rolle übernahmen: Sie pflegten Sterbende, spendeten Blut, übernahmen Führungsrollen in der ACT UP-Bewegung und queeren Organisationen, während große Teile der Gesellschaft den Erkrankten demonstrativ den Rücken zukehrte. ⁷ ⁸

"Gemeinsam formten Schwule und Lesben eine starke Allianz, die sich unterstützte, als Freunde und Liebhaber starben." - Zeitzeugin Alex Danzig, zitiert im Qiio Magazin  ⁷

Mit den ersten wirksamen AIDS-Behandlungen in den späten 1990er Jahren entstand Raum für Anerkennung. In den USA wurden Gay Community Centers zu Lesbian and Gay Community Centers umbenannt. ⁷ Die Reihenfolge der Buchstaben wurde verändert, L vor G, als sichtbares Symbol dafür, dass die Bewegung nicht allein von schwulen Männern getragen worden war. ⁸ Mitte der 1990er Jahre hatte sich LGBT als internationale Standardform durchgesetzt. ² ⁶

Von LGBT zu LGBTQIA*: Wer fehlte noch?

Auch die Form LGBT schloss nicht alle ein, die Teil der queeren Community sind. Bisexuelle Menschen fühlten sich oft unsichtbar oder wurden sowohl von der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft als auch von Teilen der Lesben- und Schwulenbewegung nicht anerkannt. ² Transpersonen, deren Anliegen grundlegend andere sind als Fragen der sexuellen Orientierung, standen jahrelang am Rand, obwohl Figuren wie Marsha P. Johnson beim Stonewall-Aufstand ganz vorne gestanden hatten. ¹⁰ Intergeschlechtliche Menschen, Asexuelle, Menschen, die sich keiner bestehenden Kategorie zuordnen wollten: Sie alle suchten nach Sichtbarkeit. ⁶

LGBTQIA* – was die Buchstaben bedeuten

L

Lesbisch 

Frauen, die sich zu Frauen hingezogen fühlen. Der Begriff geht auf die Insel Lesbos zurück, Heimat der antiken Dichterin Sappho. ⁶

G

Gay / Schwul

Ursprünglich ein positiv umgedeutetes Wort für gleichgeschlechtlich liebende Menschen, besonders Männer. ⁶

B

Bisexuell 

Menschen, die sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen. Die bisexuelle Bewegung begann sich in den 1970er Jahren zu emanzipieren. ²

T

Trans 

Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Aktivistinnen wie Kate Bornstein popularisierten den Begriff in den 1990ern. ⁷

Q

Queer / Questioning

Ursprünglich ein Schimpfwort, von Aktivist:innen zurückerobert als bewusst offener Identitätsbegriff. Ab 2016 offiziell von GLAAD empfohlen. ⁷

I

Intersex / Intergeschlechtlich 

Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig den medizinischen Kategorien "männlich" oder "weiblich" entsprechen. ⁶

A

Asexuell / Aromantisch / Agender

Menschen, die wenig oder keine sexuelle Anziehung empfinden, keine romantischen Gefühle haben oder sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen. ⁶

*

Offenheit

Die Liste ist bewusst unvollständig. Identitäten entwickeln sich weiter. ⁶

Der Begriff "queer" verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Er war lange ein Schimpfwort und wurde von Aktivist:innen bewusst zurückerobert. Als GLAAD 2016 das Q zur Standardform empfahl, begründete Präsidentin Sarah Kate Ellis das damit, der Begriff spiegle die immer vielfältigere Art wider, wie junge queere Menschen über ihre Identität sprechen. ⁷

Sprache als politisches Werkzeug

Die Entwicklung von GLBT zu LGBTQIA* zeigt, wie eng Sprache mit gesellschaftlicher Realität verbunden ist. ⁶ Jede Veränderung war Ausdruck einer Auseinandersetzung innerhalb der Community: Wer wird gesehen? Wer wird gehört? Wer fühlt sich ausgeschlossen? Die Reihenfolge der Buchstaben, ihre Erweiterung und manchmal auch die Kritik an ihnen sind Teil eines lebendigen, nie abgeschlossenen Aushandlungsprozesses. ²

Dabei gibt es auch heute noch Debatten, etwa darüber, ob die Abkürzung zu lang und damit zu unpraktisch wird, ob Transpersonen wirklich unter denselben politischen Dachbegriff fallen sollten wie Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung, oder ob das Q nicht bereits ausreicht, um die gesamte Vielfalt zu umfassen. ² Diese Diskussionen gehören dazu. Sie zeigen, dass die Gemeinschaft keine statische Einheit ist, sondern eine, die sich immer wieder neu verhandelt.

Auf den ersten Blick wirkt LGBTQIA* wie eine komplizierte Aneinanderreihung von Buchstaben. Hinter jedem davon steht ein Stück Geschichte. Der Wechsel von GLBT zu LGBT erinnert daran, dass Anerkennung innerhalb einer Bewegung immer wieder neu erkämpft werden muss. Die Erweiterung zeigt, dass gesellschaftliches Verständnis von Geschlecht und Sexualität vielschichtiger geworden ist. Und das Sternchen am Ende hält den Platz frei für alle, die noch keine eigene Zeile haben.

Diese Abkürzung ist kein Label. Sie ist ein Versprechen, das eine Gemeinschaft immer wieder an sich selbst erneuert.

Eure, Lizbeth

Quellen

  1. Wikipedia: Stonewall-Aufstand

  2. Wikipedia: LGBT

  3. Wikipedia: Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegung

  4. Amnesty International: 50 Jahre Stonewall – 50 Jahre Kampf gegen Diskriminierung (2019)

  5. Bundeszentrale für politische Bildung: Die Stonewall-Unruhen vom 28.6.1969

  6. National Geographic Deutschland: Von LGB bis LGBTQIA+: Der Identität einen Namen geben

  7. Qiio Magazin: LGBTQ* – eine dunkle Geschichte für ein buntes Akronym

  8. Campact Blog: Queere Held*innen: The Blood Sisters

  9. marx21: Queerer Klassenkampf: Die Stonewall Riots 1969 und ihre Folgen

  10. Demokratiegeschichten: Die Legende von Stonewall

  11. Lillian Fadermann: The Gay Revolution: The Story of the Struggle. Simon & Schuster, 2015.

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