Die Bedeutung von Sprache für die eigene Identität
- Lizbeth

- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit

Sprache ist mehr als nur ein neutrales Werkzeug. Sie gestaltet die Wahrnehmung der Wirklichkeit, schafft Gemeinschaftsgefühl, aber sie kann auch ausschließen. Sie hat einen starken Einfluss darauf, wie wir uns selbst und andere sehen. In Bezug auf trans Identitäten ist dieser Effekt besonders stark: Begriffe, Anreden und Pronomen sind mehr als nur Worte, sie sind ein Zeichen der Anerkennung des inneren Erlebens und der persönlichen Würde. Immer wieder erzählen trans und nicht-binäre Menschen, dass sie erst durch das Finden der richtigen Worte zu ihrer Identität erkennen konnten, dass sie sich selbst leben und lieben können.
Selbstbezeichnungen und Pronomen spielen eine entscheidende Rolle in diesem Wandel der Sprache. Die traditionellen binären Geschlechterrollen "Mann" und "Frau" sind Teil einer engen gesellschaftlichen Norm, welche viele Menschen nicht vollständig oder gar nicht einschließt. Deshalb verwenden trans und nicht-binäre Menschen eine Vielzahl von Bezeichnungen, wie trans, transgender, transident, nicht-binär oder agender. Diese benennen jeweils verschiedene Facetten der eigenen geschlechtlichen Identität. Ein Oberbegriff wie trans ist hilfreich, um verschiedene Identitätserfahrungen sichtbar zu machen, ohne sie in ein starres Schema zu zwängen. Wissenschaftler:innen heben die Bedeutung einer sorgfältigen Begriffsanalyse hervor, um so viele Lebenswirklichkeiten wie möglich einzubeziehen und anzuerkennen. (siehe Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Benachteiligung von Trans*Personen, insbesondere im Arbeitsleben)
Pronomen zeigen diesen Zusammenhang besonders klar auf. Forschungsergebnisse belegen, dass es eine enge Verbindung zwischen der Nutzung von Identitätspronomen und dem Gefühl von Wertschätzung und Akzeptanz gibt. In vielen Ländern werden inklusive Pronomen wie they/them im Englischen oder neutrale Formen in anderen Sprachen mittlerweile als Zeichen des Respekts verwendet, um Menschen zu unterstützen, die außerhalb des binären Geschlechtermodells leben. In Deutschland nutzen einige das Neopronomen dey für sich. Wissenschaftler:innen heben hervor, dass inklusive Pronomen weit mehr als ein linguistisches Spielzeug sind. Sie beeinflussen tatsächlich, wie sicher und angenommen Menschen im Alltag werden. (siehe ResearchGate: Exploring the Evolution of Gender Identity through Subject Pronouns: A Comparative Study of Gender Equality Communities)
Gleichzeitig existieren Begriffe, die verletzend und ausschließend sein können, wie Misgendern oder dead naming. Misgendern bedeutet, eine Person mit falschen geschlechtlichen Pronomen oder Ausdrücken anzusprechen, während dead naming die Verwendung eines ehemaligen Namens beschreibt, der nicht mehr mit dem aktuellen Selbstbild übereinstimmt. Betroffene empfinden beide Phänomene oft als verletzend oder entwertend, weil sie Identität und Selbstbestimmung nicht anerkennen. Forschungsergebnisse belegen, dass wiederholtes Misgendern negative psychische Auswirkungen wie Stigmatisierung und erhöhte Belastung zur Folge haben kann, während die Nutzung von Namen und Pronomen, die jemandem am Herzen liegen, mit einem besseren Wohlbefinden verbunden sind.
Die Entwicklung der Sprache steht im Fokus umfassender gesellschaftlicher Diskussionen über Inklusion, Sichtbarkeit und Machtverhältnisse. Sprache ist nicht nur ein Spiegelbild der persönlichen Identität, sondern auch der gemeinsamen Normen und Werte. Aus diesem Grund sind Gespräche über gendergerechte Sprache und trans-inklusive Kommunikation nicht nur eine Frage der Grammatik, sie sind ein Versuch, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu hinterfragen und Räume zu schaffen, in denen Menschen jenseits von starren Kategorien akzeptiert werden. (siehe Phaidra: Eine Untersuchung des Einflusses der Translation auf die Darstellung von Geschlechtsidentitäten anhand Autobiografien von Trans* Personen)
Es wird derzeit auch darüber diskutiert, wie wir Sprache in Institutionen, Medien oder Schulen inklusiv gestalten können, ohne Menschen zu vereinnahmen, sondern ihnen Raum zum Ausdruck zu geben. In den Bereichen der Bildung und der professionellen Kommunikation wird immer mehr betont, dass es nicht ausreicht, nicht falsch zu adressieren. Vielmehr sollten wir aktiv bestätigende Sprache verwenden, welche Wertschätzung, Sicherheit und Zugehörigkeit schafft. (siehe: Oxford Academic: Beyond Pronouns 101: Linguistic Advocacy for Trans-Inclusive Language in the College Classroom)
Die Beschäftigung mit Sprache ist für viele ein Weg sich selbst zu finden,Begriffe zu entdecken, welche es uns erlaubt, unser Innerstes nach außen zu tragen und zu leben. Sprache gibt uns die Möglichkeit die Begriffe zu entdecken, welche unsere Erfahrungen widerspiegeln. Die sprachliche Selbstermächtigung ist der Schlüssel zur Anerkennung und zum Respekt vor der eigenen Identität. Sie ist ein Schritt in eine Gesellschaft, die Vielfalt nicht nur duldet, sondern diese aktiv sichtbar macht und wertschätzt.
Eure, Lizbeth




Kommentare