Trans Geschichte sichtbar machen: Rosa von Praunheim
- Lizbeth

- vor 5 Stunden
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Rosa von Praunheim habe ich erst durch die Todesmeldung kennengelernt (siehe tagesschau: Rosa von Praunheim mit 83 Jahren gestorben). Dieses Wissen-zu-spät-Gefühl kommt mit einem kleinen Stich und ist gleichzeitig ein Startpunkt für mich. Denn genau dafür soll die Reihe "Trans Geschichte" da sein: für Namen, Werke und Bewegungen, die man nicht erst im Nachruf entdecken sollte.
Rosa von Praunheim starb 2025 im Alter von 83 Jahren in Berlin, nur wenige Tage nachdem er seinen langjährigen Lebensgefährten Oliver Sechting geheiratet hatte. Diese späte, sehr öffentliche Geste von Nähe und Alltag erzählt bereits viel über ihn. Öffentlich sein war bei Rosa von Praunheim nie nur Pose. Es war Methode, Haltung und manchmal auch kalkulierte Provokation. (siehe schwules museum berlin: In Gedenken an Rosa von Praunheim (1942-2025))
Ein Name als Erinnerung, ein Leben als Material
Rosa von Praunheim wurde 1942 in Riga während der deutschen Besatzung unter dem Namen Holger Radtke geboren. Sein erstes Lebensjahr verbrachte er in einem Waisenhaus. Später wueder er von einem aus Ostpreußen stammenden Ehepaar adoptiert. Er wuchs als Holger Mischwitzky zunächst in Teltow-Seehof bei Berlin, später nach der Flucht der Adoptiveltern 1953 in Frankfurt am Main auf. Den Künstlernamen wählte er nicht zufällig: "Rosa" verweist auf den rosa Winkel, mit dem homosexuelle Menschen in Konzentrationslagern stigmatisiert wurden, "Praunheim" auf den Frankfurter Stadtteil seiner Jugend. Der Name ist damit Hommage, Mahnung und Herkunftserzählung in einem (siehe Rose von Praunheim: Rosagrafie).
Besonders berührend ist, dass er die eigenen Anfänge erst spät vollständig verstand. Im Zuge der Arbeiten an seinem Film "Meine Mütter - Spurensuche in Riga" erfuhr er, dass er adoptiert worden war und seine leibliche Mutter Edith nach Kriegsende in einer psychiatrischen Klinik in Berlin verhungerte. Der Dokumentarfilm folgt seiner Recherche von Riga über das Waisenhaus bis zu dieser Familiengeschichte und zeigt exemplarisch, wie eng Privates und Politisches in seinem Werk verschränkt sind. (siehe RiffReporter: Nachruf auf den Regisseur und Künstler Rosa von Praunheim – Der Mann, der immer Rosa blieb)
Über die Jahrzehnte wurde er zu einem der produktivsten queeren Filmemacher Deutschlands mit rund 150 Filmen. Dazu schrieb er Theaterstücke, Bücher und war als Professor für Regie an der Film- und Fernsehakademie Babelsberg tätig. (siehe wikipedia: Rose von Praunheim)
Der Film, der nicht nett sein wollte
Früh machte er sich in der westdeutschen Nachkriegskultur als Filmemacher bemerkbar, etwa mit "Die Bettwurst" (1970), einem mit Laiendarsteller:innen gedrehten Null-Budget-Film, der zum Kultklassiker wurde. Der eigentliche Auftritt in der Öffentlichkeit kam 1971 mit "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", produziert für den WDR. Der Film prangerte Selbsthass, Angepasstheit und bürgerliche Doppelmoral an und wurde nicht als höfliches Plädoyer, sondern als Angriff auf Verhältnisse, Scham und Konformitätsdruck wahrgenommen. (siehe filmportal: Rosa von Praunheim)
Die Wirkung war konkret: Der Film gilt als Initialzündung der modernen Schwulen- und Lesbenbewegung in der Bundesrepublik, in dessen Umfeld sich Dutzende neue schwule Emanzipationsgruppen gründeten. Anfang der 1970er war offene queere Sichtbarkeit alles andere als selbstverständlich. Der §175 stand noch im Strafgesetzbuch, gesellschaftliche Akzeptanz war brüchig und selektiv. Dass Rosa von Praunheim in dieser Situation nicht leise war, sondern laut, konfrontativ und sichtbar, begründet einen wesentlichen Teil seines historischen Gewichts (siehe Rose von Praunheim: Rosagrafie).
Trans Geschichte im Werk: frühe Bilder, frühe Bündnisse
Für "Trans Geschichte sichtbar machen" ist entscheidend, dass Rosa von Praunheim sich nicht auf schwule Sichtbarkeit beschränkte. Er erzählte immer wieder Geschichten von Menschen, die im queeren und trans Spektrum lebten und arbeiteten, und schuf Räume für ihre Perspektiven. (siehe sooner: Rosa von Praunheim) Die Unterstützung der trans Community ist bis heute auch in der LGBTQIA* Bewegung kein Selbstläufer.
"Stadt der verlorenen Seelen" (1983) ist ein queeres Musical, das Begehren, Außenseitertum, Kunst und Überleben zusammenführt und mit einer diversen Besetzung von Drag-Performer:innen, trans und anderen queeren Figuren arbeitet. Damit setzt der Film frühe filmische Marker für ein queeres Ensemblekino, in dem trans und gender-nonkonforme Personen nicht nur Randfiguren sind, sondern das Zentrum der Erzählung bilden (siehe Rose von Praunheim: Rosagrafie).
Noch direkter im Sinne trans politischer Sichtbarkeit wird "Vor Transsexuellen wird gewarnt" (Originaltitel "Transexual Menace", 1994/1996), eine Dokumentation über trans Menschen und eine trans Aktionsgruppe in den USA. Der Film zeigt Alltag, Arbeit, Gewalt, Selbstbehauptung und Organisierung und positioniert Transaktivismus als politische Bewegung, nicht als sensationelle Ausnahme. Für einen deutschsprachigen Filmkontext der 1990er, in dem trans Leben in Mainstreammedien meist exotisiert oder pathologisiert wurden, ist diese klare Parteinahme bemerkenswert. (siehe queer: Rosa von Praunheim gestorben)
Begriffe haben sich seither verändert, und viele Quellen der 1980er und 1990er nutzen Worte, die wir heute anders oder gar nicht mehr verwenden würden. Wichtiger als die historische Terminologie ist hier der Schritt, trans Menschen überhaupt als handelnde Subjekte mit Stimme, Politik und Würde zu zeigen, und das in einer Zeit, in der sie im deutschen Film weitgehend unsichtbar blieben.
Ein weiterer wichtiger Bezugspunkt ist "Ich bin meine eigene Frau" (1992), sein Film über die ostdeutsche Transvestitin und Sammlerin Charlotte von Mahlsdorf, der den Internationalen Kritikerpreis in Rotterdam erhielt und eine ikonische Figur der deutsch-deutschen Trans- und Queer-Geschichte ins Licht rückte. Auch hier verbindet er persönliche Biografie, deutsche Geschichte und Fragen nach Geschlecht und Selbstbestimmung. (siehe Rose von Praunheim: Rosagrafie)
Aids, Moralpanik und Gegenbilder
Rosa von Praunheim reagierte früh und drastisch auf die Aids-Krise und die moralische Panik, die sie begleitete. Mit der schwarzen Komödie "Ein Virus kennt keine Moral" (1985) legte er einen der ersten Spielfilme zum Thema Aids vor. Er attackierte darin bürgerlichen Anstand, staatliches Wegschauen und Konflikte innerhalb der Community und nahm bewusst in Kauf, als schrill oder überzogen zu gelten, um Stigmatisierung sichtbar zu machen. (siehe RiffReporter: Nachruf auf den Regisseur und Künstler Rosa von Praunheim – Der Mann, der immer Rosa blieb)
In den späten 1980ern drehte er zudem eine "Aids-Trilogie" aus den Dokumentarfilmen "Positive", "Silence = Death" (beide 1989) und "Feuer unterm Arsch" (1990), die Aids-Aktivismus in New York und Berlin zeigen. Parallel engagierte er sich öffentlich für Safer Sex und Aufklärung, was ihn bei manchen als moralisch oder panikmachend erscheinen ließ, während andere in ihm eine unverzichtbare Stimme gegen Ignoranz und Verdrängung sahen.
Seine Filme aus dieser Phase zeigen, wie schnell eine Gesellschaft in Rhetorik von Anstand und Sitte flüchtet, wenn queere Menschen besonders verwundbar sind, und wie Gegenbilder aussehen können, die Solidarität und Wut produktiv machen. (siehe RiffReporter: Nachruf auf den Regisseur und Künstler Rosa von Praunheim – Der Mann, der immer Rosa blieb)
Streit, Grenzen und die Frage nach dem richtigen Mittel
Zu seinem öffentlichen Bild gehört auch das Umstrittene. 1991 outete er in einer Fernsehsendung unter anderem Alfred Biolek und Hape Kerkeling gegen deren Willen, was ihm bis heute Kritik einträgt, auch aus queeren Kontexten. Die Aktion folgte seiner Logik, das Private politisch zu machen und Heuchelei aufzubrechen, setzte aber die Selbstbestimmung der Betroffenen über ihr eigenes Outing massiv zurück. (siehe Wikipedia: Rose von Praunheim)
Gerade für eine Reihe zur queeren und trans Geschichte ist diese Ambivalenz zentral. Emanzipatorische Projekte leben von Sichtbarkeit, aber auch von dem Recht, selbst zu bestimmen, wann und wie man sichtbar sein will. Rosa von Praunheim erinnert daran, dass queere Geschichte nicht aus perfekten Held:innen besteht, sondern aus konkreten Menschen mit blinden Flecken, mit Dringlichkeiten und mit Mitteln, die später kritisch hinterfragt werden müssen. (siehe schwules museum berlin: In Gedenken an Rosa von Praunheim (1942-2025))
Netzwerke, Vorbilder und queere Genealogien
Rosa von Praunheim arbeitete nicht im luftleeren Raum. Er bewegte sich zeitlebens in queeren Netzwerken und nutzte seine Bekanntheit, um Stimmen sichtbar zu machen, für die sich Mainstreammedien kaum interessierten. Darunter waren historische Figuren wie Magnus Hirschfeld, Anita Berber oder Charlotte von Mahlsdorf. In seinen Filmen, Büchern und Theaterarbeiten entwarf er immer wieder eine alternative Genealogie queer/trans Geschichte, die nicht nur aus Verfolgung besteht, sondern auch aus Lust, Kunst, Begehren und Solidarität. (siehe Rose von Praunheim: Rosagrafie)
Damit schuf er für viele jüngere Künstler:innen und Aktivist:innen den Rahmen, in dem sie sich verorten konnten: als Teil einer bewegten, widersprüchlichen, aber vorhandenen queeren Tradition in Deutschland. (siehe sooner: Rosa von Praunheim)
Was bleibt – und warum er in diese Reihe gehört
Rosa von Praunheim hat über Jahrzehnte hinweg ein Werk geschaffen, das queeres Leben nicht beiläufig mitlaufen lässt, sondern ins Zentrum rückt. Rund 150 Filme, internationale Festivalpräsenz, Theaterarbeiten, Lehre und Aktivismus ergeben einen Rhythmus des Dranbleibens: immer wieder ansetzen, immer wieder sichtbar machen. (siehe Wikipedia: Rose von Praunheim)
Für "Trans Geschichte sichtbar machen" ist er ein passender Auftakt, weil er Brücken markiert: zwischen schwuler Emanzipation in der Bundesrepublik, der Aids-Krise als gesellschaftlichem Kipppunkt, frühen filmischen Blicken auf trans Leben und Aktivismus und einer oft unbequemen Debatte über Sichtbarkeit und ihre Grenzen. Seine Filme erzählen nicht die ganze Geschichte, aber sie sind ein lautes, frühes Kapitel darin.
Vielleicht ist das der produktivste Umgang mit dem Gefühl, ihn erst durch eine Todesmeldung kennengelernt zu haben: nicht bei der Meldung stehen bleiben. Stattdessen Filme suchen, Interviews lesen, alte Debatten aufgreifen, neue Fragen stellen und die Linien weiterziehen zu trans und queeren Geschichten, die noch längst nicht auserzählt sind. (siehe sooner: Rosa von Praunheim)
Eure, Lizbeth




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