Alexander Korte und die Debatte über trans Jugendliche: Wenn Skepsis zum politischen Programm wird
- Lizbeth

- vor 16 Stunden
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Wer in Deutschland nach Stimmen sucht, die vor trans Jugendlichen, Pubertätsblockern oder geschlechtlicher Selbstbestimmung warnen, stößt schnell auf Alexander Korte. Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater wird regelmäßig als Experte präsentiert. Seine Positionen verdienen Widerspruch, nicht weil Kritik an medizinischen Entwicklungen verboten wäre, sondern weil seine öffentliche Argumentation oft auf Misstrauen, Verzerrung und alten Denkmustern beruht. Besonders relevant wird das, weil er nicht am Rand steht, sondern aus dem Umfeld einer der renommiertesten deutschen Universitäten spricht.
Warum Alexander Korte mehr ist als nur ein Einzelmeinungsgeber
Alexander Korte ist seit 2010 Leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des LMU Klinikums. 1 Zusätzlich ist er Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie mit der Zusatzbezeichnung Sexualmedizin sowie Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft 2.
Das ist keine Nebensache. Die LMU München zählt zu den bekanntesten Universitäten Deutschlands, besonders im medizinischen Bereich. Wer dort in leitender Position arbeitet, profitiert automatisch von institutioneller Glaubwürdigkeit. Wenn eine Person mit dieser Rolle öffentlich spricht, hören Medien, Politik und Öffentlichkeit anders zu.
Genau deshalb muss man zwischen zwei Ebenen unterscheiden. Alexander Korte ist selbstverständlich berechtigt, eigene fachliche Einschätzungen zu äußern. Gleichzeitig bedeutet seine institutionelle Stellung, dass diese Aussagen mehr Gewicht entfalten als private Kommentare.
Das Grundmuster seiner öffentlichen Positionen
Wer Interviews, Buchankündigungen und öffentliche Auftritte betrachtet, erkennt wiederkehrende Motive.
Trans Jugendliche erscheinen bei ihm häufig nicht primär als Menschen mit ernst zu nehmender Identität und individuellem Leidensdruck, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Dynamiken. Immer wieder stehen Begriffe wie Hype, Trend, Einfluss, Verführung oder Fehlentwicklung im Raum.
Im Januar 2019 machte er in einem Spiegel-Interview auf den enormen Zulauf an Jugendlichen aufmerksam, die ihr Geschlecht wechseln wollten. 2 Im Dezember 2019 warnte er dann in einem Interview mit der feministischen Zeitschrift Emma ausdrücklich vor einem "Trans-Hype". 3 Im taz-Interview von 2022 sagte er schließlich, es sei in bestimmten Szenen "hip, trans zu sein". 1
Das ist mehr als nur ein zugespitzter Satz. Es ist eine Rahmung. Aus einem persönlichen, oft belastenden Prozess wird eine Modebewegung. Aus Selbstfindung wird Nachahmung. Aus Identität wird Gruppendynamik.
Solche Frames wirken tief. Sie prägen, wie Eltern, Lehrkräfte, Therapeut:innen sowie Politiker:innen trans Jugendliche wahrnehmen.
Wenn vor allem Mädchen infrage gestellt werden
Auffällig ist, dass sich Kortes Argumentation oft auf Jugendliche richtet, die bei Geburt weiblich eingeordnet wurden. In Interviews nennt er Menstruation, Sexualisierung, Körperkonflikte, gesellschaftliche Rollenerwartungen oder mangelnde sexuelle Erfahrung als mögliche Hintergründe für Transitionswünsche. 3
Diese Fokussierung findet sich auch in seiner wissenschaftlichen Arbeit. 2023 veröffentlichte er gemeinsam mit Gisela Gille in der Fachzeitschrift Sexuologie einen Aufsatz mit dem Titel "Wahlverwandtschaften? Trans-Identifizierung und Anorexia nervosa als maladaptive Lösungsversuche für Entwicklungskonflikte in der weiblichen Adoleszenz". 2 Der Titel spricht für sich: Trans-Identifizierung und eine lebensbedrohliche Essstörung werden als strukturell vergleichbare Phänomene behandelt.
Das erinnert an ein sehr altes gesellschaftliches Muster. Wenn junge Menschen, die als Mädchen angesehen werden, über sich selbst sprechen, wird ihre Aussage häufiger psychologisiert, relativiert oder als Phase gedeutet.
Plötzlich geht es dann nicht mehr um die Frage, wer dieser Mensch ist, sondern darum, was angeblich hinter dem Gesagten steckt.
Das Problem ist nicht, dass psychische Begleitfaktoren betrachtet werden, das gehört zu guter Diagnostik. Problematisch ist, wenn weiblich gelesene Jugendliche strukturell weniger glaubwürdig erscheinen als andere.
Dann wird Medizin schnell zur moralischen Deutungshoheit genutzt.
Der Versuch, trans Sein zu pathologisieren
Besonders heikel werden Kortes Aussagen dort, wo er Geschlechtsdysphorie mit Anorexia nervosa vergleicht und von einem gestörten Körperbild spricht. Im taz-Interview von 2022 sagte er wörtlich: "Beide Phänomene haben ein gestörtes Körperbild gemein. Ein magersüchtiges Mädchen leidet auch brutal unter ihrem vermeintlichen Zu-dick-Sein. Bei Kindern mit Geschlechtsdysphorie sind wir geneigt, dieses unsägliche Narrativ vom 'im falschen Körper geboren' unhinterfragt zu übernehmen. Was für ein Blödsinn!". 1
Natürlich darf man populäre Kurzformeln ("im falschen Körper geboren") kritisieren. Viele trans Menschen nutzen sie selbst nur begrenzt, weil sie komplexe Erfahrungen verkürzen.
Doch der Schritt vom Kritikwort zur Pathologisierung ist klein. Wenn Transidentität vor allem als Wahrnehmungsproblem dargestellt wird, verschiebt sich das gesamte Bild. Dann geht es nicht mehr darum, Menschen in ihrer Realität zu begleiten, sondern ihre Realität grundsätzlich anzuzweifeln.
Pubertätsblocker nur als Bedrohung erzählen
Korte äußert sich seit Jahren kritisch zu Pubertätsblockern. Risiken medizinischer Eingriffe zu benennen ist legitim und notwendig. Medizin braucht Aufklärung, Abwägung und Zurückhaltung.
Problematisch wird es, wenn fast nur Risiken sichtbar gemacht werden und mögliche Entlastung systematisch in den Hintergrund rückt.
Pubertätsblocker sind keine banale Maßnahme. Sie sind aber auch nicht automatisch Ausdruck eines medizinischen Skandals. Internationale Leitlinien wie jene der World Professional Association for Transgender Health beschreiben sie als mögliche Option in sorgfältig geprüften Einzelfällen.
Wer dagegen fast ausschließlich mit Abschreckung argumentiert, schafft kein Gleichgewicht. Er produziert Angst.
Seine Rolle in Deutschland: Anschlussfähig für konservative Kulturkämpfe
In Deutschland existiert seit einigen Jahren ein bekanntes Muster. Positionen, die früher randständig wirkten, werden durch einzelne Fachpersonen mit akademischem Titel salonfähig gemacht.
Alexander Korte ist dafür ein Beispiel. Ein besonders konkreter Beleg ist das Dossier "Ideologie statt Biologie im ÖRR", das er 2022 gemeinsam mit mehreren Wissenschaftler:innen verfasste. Es bildete die Grundlage für einen Artikel in der Welt vom 1. Juni 2022, in dem unter anderem die Sendung mit der Maus kritisiert wurde. Ein breites Bündnis aus medizinischen, politischen und queeren Gruppen in München veröffentlichte daraufhin eine öffentliche Richtigstellung. Die Kritiker:innen warfen dem Dossier vor, Eigendefinitionen einzuführen, Studienergebnisse ohne Kontext zu präsentieren und Einzelbeobachtungen als vermeintlichen wissenschaftlichen Konsens darzustellen. 4 Auch der damalige Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, bezeichnete den Beitrag öffentlich als wissenschaftlich unfundiert und attestierte ihm Homo- und Transfeindlichkeit. 2
Hinzu kommt, dass Korte im November 2020 als einzig geladener ärztlicher Experte zu einer Anhörung im Bundestag zum Transsexuellengesetz eingeladen wurde. 5 Dort sprach er sich gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetz aus. Die Tatsache, dass er in diesem politischen Moment als die medizinische Stimme präsentiert wurde, illustriert seine institutionelle Wirkung besonders deutlich.
Sein Buch "Hinter dem Regenbogen", erschienen 2024, führt dieses Muster fort. Darin beschreibt er Transidentität als "neue Identifikationsschablone", die auf eine Gruppe "vulnerabler Jugendlicher" trifft, und warnt vor einer transaffirmativen Behandlung, die er als auf falschen Annahmen beruhend bezeichnet. 6 Das zeigt: Seine Argumentationsmuster sind kein frühes Interview-Ausrutscher, sondern ein durchgängiges publizistisches Programm.
Dadurch entsteht eine problematische Dynamik. Ein Mediziner formuliert Skepsis. Kulturkämpfer machen daraus Beweise. Politiker:innen übernehmen Schlagworte. Betroffene zahlen den Preis.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jede seiner Aussagen bewusst politisch motiviert wäre. Aber öffentliche Wirkung zählt. Und diese Wirkung reicht deutlich über den medizinischen Raum hinaus.
Die Reaktion aus dem Fachbereich
Kortes Positionen sind innerhalb der Fachwelt nicht unwidersprochen geblieben. Bereits 2019 kritisierten mehrere Fachkolleg:innen sein Spiegel-Interview in einem offenen Brief. Sie warfen ihm vor, seine Positionen seien "im Lichte aktueller medizinischer Standards bedenklich" und könnten Behandlungssuchende stigmatisieren, diskriminieren und verunsichern. 2 Der Deutschlandfunk stellte fest, dass Korte von Medien regelmäßig zitiert werde, ohne dass dabei deutlich werde, dass er zum Teil Außenseitermeinungen vertrete. 2
Das ist relevant, weil es zeigt: Die Skepsis seinen Aussagen gegenüber kommt nicht nur von Betroffenen oder Aktivist:innen, sondern aus dem medizinischen Fachbereich selbst.
Die besondere Verantwortung der LMU München
Die Ludwig-Maximilians-Universität München und das LMU Klinikum tragen nicht automatisch Verantwortung für jede private oder öffentliche Aussage einzelner Mitarbeitender. Wissenschaft lebt von Pluralität.
Aber bedeutende Institutionen tragen Verantwortung für Standards.
Wenn leitende Personen regelmäßig mit Aussagen auffallen, die von vielen Betroffenen als delegitimierend erlebt werden und die aus dem eigenen Fachbereich Widerspruch erfahren, stellt sich eine berechtigte Frage: Wie sichtbar sind an derselben Institution zeitgemäße, evidenzbasierte und sorgfältig affirmative Versorgungsansätze? Und welche Maßnahmen ergreift die Institution, um klarzustellen, dass trans Jugendliche keine ideologische Projektionsfläche sind, sondern Patient:innen mit Anspruch auf respektvolle Versorgung?
Denn Schweigen wirkt ebenfalls. Gerade renommierte Einrichtungen prägen, was als fachlich seriös gilt.
Was moderne Leitlinien anders machen
Aktuelle medizinische Leitlinien arbeiten anders als alarmistische Debatten.
Die deutsche AWMF betont bei Geschlechtsinkongruenz im Kindes- und Jugendalter Selbstbestimmung, sorgfältige Diagnostik, individuelle Begleitung und die Vermeidung von Schaden.
Der Ausgangspunkt lautet nicht: Wie stoppen wir das?
Sondern: Was braucht dieser junge Mensch konkret?
Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Warum das reale Folgen hat
Wenn Jugendliche überall hören, sie seien Opfer eines Trends, verwirrt, beeinflusst oder falsch beraten, suchen viele später Hilfe. Manche verstecken sich. Manche entwickeln stärkeren Leidensdruck. Manche verlieren Vertrauen in medizinische Systeme.
Debatten sind nie nur Debatten.
Sie entscheiden mit darüber, ob junge Menschen Unterstützung finden oder erst einmal lernen, sich selbst zu misstrauen.
Fazit
Alexander Korte ist keine unbedeutende Randfigur, sondern eine öffentlich sichtbare Stimme mit institutionellem Gewicht aus München. Genau deshalb muss seine Argumentation kritisch geprüft werden.
Nicht weil Kritik an Transition verboten wäre. Sondern weil seine wiederkehrenden Narrative häufig mehr Zweifel an Identitäten produzieren als Hilfe für Menschen.
Deutschland braucht in dieser Frage weder Aktivismus ohne Standards noch Skepsis als Dogma.
Deutschland braucht kluge, menschliche, evidenzbasierte Versorgung.
Und Universitäten wie die LMU sollten Orte sein, an denen genau das sichtbar wird.
Eure, Lizbeth
Quellen
taz, Mai 2022: Interview mit Alexander Korte, "Es ist hip, trans zu sein". https://taz.de/Jugendpsychiater-ueber-Transidentitaet/!5845336/
Wikipedia-Eintrag Alexander Korte (mit Belegen zu Spiegel-Interview 2019, offenem Brief der Kolleg:innen, Deutschlandfunk-Kritik, Queer-Beauftragtem, DGSMTW-Vorstandstätigkeit, Publikationsliste inkl. Sexuologie-Aufsatz 2023). https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Korte
Emma, Dezember 2019: Interview mit Alexander Korte, "Was richten wir da an?". https://www.emma.de/artikel/was-richten-wir-da-337375
Kritische Medizin München, 2022: Richtigstellung zum Dossier "Ideologie statt Biologie im ÖRR". https://kritischemedizinmuenchen.de/trans-in-der-medizin-veroeffentichung-einer-richtigstellung/
Deutsches Ärzteblatt, November 2020: Kontroverse zur Ausweitung der sexuellen Selbstbestimmung zwischen Ärzten und Juristen. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/117968
Kohlhammer Verlag, 2024: Alexander Korte, "Hinter dem Regenbogen". https://elibrary.kohlhammer.de/book/10.17433/978-3-17-045589-4




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