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AfD Sachsen-Anhalt 2026: Ein Programm, das versucht meine Familie unsichtbar zu machen

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • 6. Mai
  • 5 Min. Lesezeit
Figur ohne Kopf
Kopf ab ... das wäre denen evtl. auch ganz recht

Ich sitze an unserem Esstisch. Meine jüngere Tochter liegt nebenan mit Schmerzen nach einem Sportunfall, die ältere ist gerade an der Uni, meine Frau arbeitet noch, die Katze schläft auf dem Sonnenstuhl und der Kater auf der Bank auf dem Balkon. Es ist ein ganz normaler Tag. Eine ganz normale Familie.

Ich lebe nicht in Sachsen-Anhalt. Aber das neue Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt betrifft auch mich. Weil ich weiß, wie das funktioniert. Was heute in einem Landesverband als Programm beschlossen wird, taucht morgen in der nächsten Landespartei auf und übermorgen im Bundestagswahlprogramm. Ideen wandern. Besonders schlechte Ideen verbreiten sich erschreckend schnell.

Also habe ich mir die Mühe gemacht, Teile des Programms zu lesen. Nicht weil ich Masochistin bin, obwohl man das nach dieser Lektüre durchaus werden könnte; sondern weil ich wissen will, was eine Partei, die ernsthaft Regierungsverantwortung anstrebt, mit mir, meiner Frau und unseren Töchtern vorhat.

Die kurze Antwort: nichts Gutes.

"Normative Normalität": Wenn der Staat entscheidet, was eine Familie ist

Das Programm lässt von Beginn an keine Zweideutigkeit zu. Die AfD fordert, dass

"die Ehe aus Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen, durch die Politik als normative Normalität anerkannt und besonders gefördert werden" muss.

Normative Normalität. Das klingt nach Wissenschaft, ist aber schlicht Ideologie. Es ist die politische Ansage, dass meine Familie keine echte Familie ist. Dass zwei Frauen, die zwei Kinder großziehen, lieben und durch Ups und Downs schleppen, keine vollwertige Einheit darstellen, sondern allenfalls eine zu tolerierende Abweichung vom Soll.

Und falls noch Zweifel bestehen: Das Programm spricht sich "klar gegen die staatliche Bewerbung und Förderung alternativer Lebensentwürfe" aus. Was die AfD "alternativ" nennt, ist für meine Familie schlicht Realität.

Alleinerziehende werden immerhin kurz erwähnt, aber ausschließlich als Notfall, nicht als Wahl. Das Programm stellt sich

"entschieden entgegen",

jeden Versuch, Einelternfamilien als "normalen, fortschrittlichen oder gar erstrebenswerten Lebensentwurf" zu propagieren. Wer also bewusst allein erzieht, wessen Familie anders gestaltet ist als Vater-Mutter-Kind, bekommt vom Staat die Botschaft: Du machst etwas falsch.

"Frühsexualisierung": Das große Wort für das große Nichts

Einer der aggressivsten Abschnitte des Programms befasst sich mit dem, was die AfD "Frühsexualisierung" nennt. Konkret geht es darum, dass Kinder in Kitas und Grundschulen erfahren dürfen, dass es verschiedene Familienformen gibt. Ein Kita-Koffer der Landesregierung, der laut Programm den "Normalitätsbegriff der Familie ein Stück weit hinterfragt", wird als Angriff auf Kinder dargestellt.

Die AfD schreibt:

"Ziel dieser Kampagnen ist nicht nur, mehr Akzeptanz für jede Form 'alternativer Lebensentwürfe' zu erreichen. Vielmehr werden die verschiedensten Ausprägungen nicht-normaler Geschlechtsidentitäten oder abseitiger sexueller Vorlieben geradezu beworben und bei Kindern im Kindergarten- oder Grundschulalter ins Bewusstsein gerückt. Das ist übergriffig und geht zu weit!"

"Nicht-normale Geschlechtsidentitäten." "Abseitige sexuelle Vorlieben." Ich bin eine trans Frau. Meine Identität ist nach dieser Logik "nicht normal" und "abseitig". Und die Tatsache, dass meine Tochter weiß, wer ihr Daddy ist, gilt als "Frühsexualisierung".

Ich muss kurz durchatmen.

Meine Tochter nennt mich Daddy. Das war ihr Name für mich, bevor ich mich geoutet habe, und sie hat ihn behalten. Weil er ihr gehört, weil er unsere Geschichte trägt, und weil es schlicht ihr gutes Recht ist. Ich habe ihr erklärt, wer ich bin und warum ich jetzt anders aussehe als früher. Sie war interessiert, aber am Ende des Tages war nur wichtig, dass ich bleibe wer ich bin.

Das ist keine Indoktrination. Das ist Erziehung. Das ist Familie.

Die AfD kündigt an, "alle staatlichen Kampagnen und Programme einzustellen, die Kinder vor der Pubertät mit sexuellen Themen konfrontieren". Das mag vernünftig klingen, bis man versteht, dass die bloße Existenz meiner Familie nach dieser Definition bereits ein "sexuelles Thema" ist.

Trans sein als "Störung": Pathologisierung als Programm

Als trans Frau trifft mich ein Abschnitt des Programms besonders hart. Unter dem Titel "Keine Pubertätsblocker und geschlechtsangleichenden Hormontherapien für Kinder und Jugendliche" schreibt die AfD:

"Immer mehr Kinder leiden unter einer sogenannten 'Geschlechtsdysphorie', also einer Störung, sich nicht mit dem eigenen Geschlecht identifizieren zu können. Angefeuert wird dieser Trend durch die Translobby und Organisationen, die sich der Regenbogenideologie verschrieben haben."

Und weiter:

"Wir fordern eine Rückkehr zum verantwortungsbewussten Umgang mit seelischen Störungen statt einer verklärenden Normalisierung!"

Da ist es. In aller Deutlichkeit. Transidentität ist für die AfD eine "seelische Störung", angeheizt von einer mysteriösen "Translobby". Ich bin also, nach dieser Logik, das Ergebnis einer Störung und ideologischer Einflussnahme. Nicht eine Frau, die weiß, wer sie ist. Nicht eine Mutter. Nicht Daddy. Eine Störung.

Das ist keine politische Meinungsverschiedenheit. Das ist Menschenfeindlichkeit mit Fußnoten.

Der Geldhahn: Wer nicht ins Bild passt, bekommt nichts

Besonders perfide ist die Ankündigung, Organisationen die Förderung zu entziehen, die an dem beteiligt sind, was das Programm als "pervers-linke Agitation" bezeichnet. Wörtlich:

"Um dem entgegenzusteuern, werden wir Vereinen und Organisationen, die sich an solcher Agitation beteiligen, jede Form öffentlicher Förderung und steuerlicher Vergünstigung entziehen."

Was ist "pervers-linke Agitation"? Dem Kontext des Programms nach: Aufklärungsarbeit zu LGBTQIA*-Themen, queere Jugendberatung, Antidiskriminierungsarbeit, Projekte für Regenbogenfamilien. All das soll keine staatliche Unterstützung mehr erhalten.

Gleichzeitig sollen Projekte, die "Familien" im AfD-Sinne fördern, bevorzugt gefördert werden. Der Staat würde also aktiv entscheiden: Diese Familie ist förderungswürdig. Jene nicht.

Für queere Jugendliche, die in ihren Herkunftsfamilien keine Unterstützung finden und auf Beratungsstellen angewiesen sind, hätte das konkrete, lebensverändernde Folgen. Und da dieses Gedankengut nicht an Landesgrenzen haltmacht, ist das eine Bedrohung, die alle angeht.

Sprache als Waffe

Das Programm verbietet Gendersprache im gesamten amtlichen Sprachgebrauch. Schulen, Gerichte, Ministerien, Kommunalverwaltung, Landtag: überall nur noch "traditionelle Schreibweisen." Die AfD kündigt sogar an, eine eigene Richtlinie zu erlassen,

"die alle Formen vermeidet, die durch feministische Ideologie oder Genderideologie motiviert sind."

Das klingt nach einer Sprachpolizei in die andere Richtung, und das ist es auch. Wer aus der offiziellen Sprache verabschiedet wird, verschwindet aus dem öffentlichen Bewusstsein. Sprache ist nicht neutral. Sprache entscheidet, wer sichtbar ist und wer nicht.

Und die AfD hat sehr klare Vorstellungen davon, wer nicht sichtbar sein soll.

Heute Sachsen-Anhalt, morgen überall

Ich lebe nicht in Sachsen-Anhalt. Aber ich wäre naiv, würde ich denken, das schützt mich.

Parteiprogramme sind Blaupausen. Sie beschreiben nicht nur, was in einem Bundesland geplant ist, sie beschreiben auch, wohin eine Partei insgesamt will. Das Programm der AfD Sachsen-Anhalt ist detailliert, konsequent und ideologisch kohärent. Es ist kein Ausreißer. Es ist ein Versuchsballon.

Meine Tochter wächst in einem Land auf, in dem diese Partei in Teilen bereits politische Macht besitzt und bundesweit teilweise zweitstärkste Kraft ist. Sie wächst in einem Land auf, in dem ihr Daddy laut einem Parteiprogramm eine "seelische Störung" hat. In dem ihre Familie keine förderungswürdige Familie ist. In dem Lehrer:innen und Erzieher:innen zur "strikten politischen Neutralität" verpflichtet werden sollen, was in der Praxis bedeutet: Schweigen über alles, was nicht ins Bild passt.

Ein letztes Wort

Warum soll ich meine Existenz verteidigen müssen? Warum soll ich Argumente dafür liefern müssen, dass meine Familie eine Familie ist? Ich bin es leid, ein Programm zu lesen, das die Menschen, die ich liebe, und mich mit Begriffen wie "pervers", "abseitig" und "nicht normal" beschreibt und das sich dann noch "Demokratie" und "Bürgerfreiheit" auf die Fahnen schreibt.

Aber ich tue es. Weil Schweigen keine Option ist. Weil meine Tochter sehen soll, dass man aufsteht.

Und weil auch in Sachsen-Anhalt am 6. September gewählt wird.

Eure, Lizbeth

Quelle: AfD Regierungsprogramm Sachsen-Anhalt 2026, afd-regierungsprogramm.de, abgerufen April 2026

1 Kommentar

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Jobst
20. Mai
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Liebe Lizbeth,


Du bist mir eine geschätzte, liebe Nachbarin und ich bewundere deine Courage und Standfestigkeit - dich hier auch öffentlich und politisch zu positionieren!


Die menschenfreundliche Politik der AfD ist ganz sicher die schlechteste also keine Alternative für unser Land!


Und wenn alle demokratisch-gesinnten Menschen zusammenstehen, wird dieser Spuk sich auch nicht durchsetzen.


Damit unser Kinder in Frieden und einer die Würde aller Menschen achtenden Gesellschaft aufwachsen und unsere Familien, wie divers sie auch gestrickt und gelebt werden, hier gedeihen können, wisset, dass wir Euch Viere gerne hier haben und an Eurer Seite sind!


Beste Grüße

Jobst u. Familie


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