Der Mythos vom "Desistance": Warum die 80-Prozent-Behauptung nicht trägt
- Lizbeth

- vor 4 Stunden
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Einleitung: Eine Behauptung mit enormen Folgen
Kaum ein Argument taucht in Debatten über trans Jugendliche so häufig auf wie dieses: Die meisten Kinder würden ihre Transidentität im Laufe der Pubertät "wieder verlieren" oder sie "wachsen heraus". Oft wird behauptet, etwa 80 Prozent aller trans Jugendlichen würden später doch cis-geschlechtlich leben.
Diese Behauptung hat enorme politische und medizinische Konsequenzen. Sie wird genutzt, um Pubertätsblocker zu verbieten, geschlechtsangleichende Behandlungen zu verzögern und generell einen möglichst restriktiven Umgang mit trans Jugendlichen zu rechtfertigen. Die dahinterstehende Botschaft lautet: Unterstützung sei gefährlich, Abwarten dagegen vernünftig.
Doch genau diese scheinbar wissenschaftliche Gewissheit zerfällt bei näherer Betrachtung erstaunlich schnell.
Eine systematische Literaturübersicht aus dem Jahr 2022 mit dem Titel "Defining Desistance: Exploring Desistance in Transgender and Gender Expansive Youth Through Systematic Literature Review" analysierte die wissenschaftliche Grundlage dieses gesamten Narrativs. 1 Das Ergebnis fällt deutlich aus: Die Forschung rund um "Desistance" ist methodisch schwach, begrifflich unscharf und historisch stark von pathologisierenden Vorstellungen geprägt.
Was bedeutet "Desistance" überhaupt?
Schon die Grundfrage wirkt banal, ist aber zentral: Was genau soll eigentlich "verschwinden"?
Die Literaturübersicht zeigt, dass es darauf keine einheitliche Antwort gibt. In den untersuchten Veröffentlichungen wurden völlig unterschiedliche Dinge unter dem Begriff "Desistance" zusammengefasst: das Verschwinden von Geschlechtsdysphorie, ein Wechsel der Geschlechtsidentität, das Ende von Leidensdruck oder schlicht das Ausbleiben medizinischer Behandlung.
Diese Definitionen beschreiben jedoch nicht dasselbe. Geschlechtsdysphorie ist ein psychischer Leidensdruck aufgrund der Diskrepanz zwischen Körper, sozialer Rolle und Geschlechtsidentität. Eine trans Person kann Dysphorie erleben, muss es aber nicht. Ebenso kann eine Person trans oder nicht-binär sein, ohne jemals medizinische Maßnahmen zu wollen.
Trotzdem wurden diese Aspekte in vielen Studien gleichgesetzt. Wenn eine Person keine Dysphorie mehr angab oder eine Klinik nicht mehr aufsuchte, wurde daraus häufig geschlossen, sie sei nun cisgeschlechtlich. 1 Genau hier beginnt das wissenschaftliche Problem.
Die Übersicht identifizierte insgesamt 30 unterschiedliche Definitionen von "Desistance" in der gesichteten Literatur, die sich vier übergeordneten Themenbereichen zuordnen lassen:
Das Verschwinden der Diagnose Geschlechtsdysphorie nach Beginn der Pubertät
Ein Wechsel der Geschlechtsidentität von trans/geschlechtsexpansiv zu cis
Das Verschwinden von Leidensdruck rund um Geschlechtsidentität und körperliche Inkongruenz
Das Verschwinden des Wunsches nach medizinischen Interventionen
Die berühmte "80-Prozent-Zahl"
Die oft zitierte Behauptung, rund 80 Prozent trans Kinder würden später "desistieren", basiert auf wenigen älteren Follow-up-Studien. Die Literaturübersicht analysierte vier zentrale quantitative Studien mit insgesamt 251 Teilnehmenden. Daraus ergab sich rechnerisch ein gewichteter Durchschnitt von etwa 83 Prozent "Desistance". 1
Das klingt zunächst eindrucksvoll. Doch die eigentliche Frage lautet nicht, welche Zahl herauskam, sondern: Wie wurde sie erzeugt? Und genau dort zerfällt die Aussagekraft dieser Studien.
Methodische Probleme der Studien
Die Autorin der Literaturübersicht bewertet sämtliche relevanten quantitativen Studien als methodisch schwach. Keine einzige Studie wurde als qualitativ gut eingestuft. 1 Dafür gibt es mehrere Gründe.
1. Klinische Vorauswahl: Nicht alle Teilnehmenden waren trans
Viele Kinder in den Studien waren nicht einmal eindeutig trans. Einige Studien schlossen Kinder ein, die lediglich geschlechtsnonkonformes Verhalten zeigten, etwa Jungen, die als feminin wahrgenommen wurden, oder Mädchen mit maskulinem Verhalten. Das bedeutet: Nicht alle Teilnehmenden identifizierten sich überhaupt als trans.
Gerade ältere Studien vermischten Geschlechtsidentität mit Geschlechterrollen und sexueller Orientierung. Ein femininer Junge wurde automatisch als möglicher "Fall" betrachtet. Die Literaturübersicht weist explizit darauf hin, dass frühe Studien häufig eher Homosexualität als Transidentität untersuchten. 1 Wenn man Kinder untersucht, die nie wirklich trans waren, überrascht es natürlich nicht, dass viele später nicht als trans leben.
2. Verlust von Teilnehmenden als methodisches Problem
Mehrere Studien werteten Menschen automatisch als "desisted", wenn sie bei Nachuntersuchungen nicht mehr erreichbar waren oder die Klinik nicht mehr besuchten. Das ist methodisch hochproblematisch, denn Menschen verschwinden aus Studien aus den unterschiedlichsten Gründen: Umzug, familiäre Konflikte, Angst vor Stigmatisierung, schlechte Erfahrungen mit dem medizinischen System, finanzielle Probleme oder psychische Belastung. Trotzdem wurden sie teilweise automatisch der Gruppe "nicht mehr trans" zugerechnet, was die Ergebnisse massiv verzerrt.
So schloss beispielsweise die Studie von Wallien und Cohen-Kettenis (2008) Teilnehmende, die nicht mehr an der Klinik erschienen, direkt in die "Desistance"-Gruppe ein, ohne deren tatsächliche Geschlechtsidentität zu erheben. 2
3. Historischer Kontext und pathologisierende Voraussetzungen
Ein besonders wichtiger Punkt ist der historische Hintergrund dieser Forschung. Die frühen Studien entstanden zwischen den 1960er und 1980er Jahren. Damals galten sowohl Homosexualität als auch Transidentitäten vielerorts noch als psychische Störungen. Einige Studien versuchten aktiv, geschlechtsnonkonformes Verhalten zu reduzieren oder zu verhindern. Die Literaturübersicht beschreibt, dass Teilnehmende psychologischen Interventionen ausgesetzt wurden, die darauf abzielten, "gender-deviantes" Verhalten zu unterdrücken. 1
Die Forschung war also nicht neutral. Sie fand in einem gesellschaftlichen Klima statt, das Transidentitäten grundsätzlich als unerwünschte Entwicklung betrachtete. Ergebnisse aus diesem Kontext können kaum als Grundlage für aktuelle klinische Entscheidungen dienen.
4. Fehlende Repräsentativität
Die Studien konzentrierten sich fast ausschließlich auf weiße Kinder aus mittleren bis oberen sozialen Schichten. Intersektionale Faktoren wie Herkunft oder sozioökonomischer Status, die die Möglichkeiten zur Geschlechtsexploration und -expression erheblich beeinflussen können, wurden kaum berücksichtigt. 1
Der Begriff selbst ist problematisch
Hinzu kommt etwas, das selten erwähnt wird: Schon der Begriff "Desistance" ist ideologisch aufgeladen. Die Literaturübersicht erklärt, dass der Begriff ursprünglich aus der Kriminologie stammt, wo er das Aufhören von problematischem oder kriminellem Verhalten bezeichnet. 1 Später wurde er unter anderem im Zusammenhang mit oppositionellem Verhalten bei Kindern verwendet.
Allein diese Herkunft zeigt, welche Grundannahme mitschwingt: dass Transidentität etwas sei, von dem man idealerweise "wegkommt". Wer von "Desistance" spricht, setzt bereits voraus, dass das Ende einer Transidentität ein positives Ergebnis darstellt. Das beeinflusst nicht nur die Forschung, sondern auch die gesamte klinische und öffentliche Debatte.
Das Problem mit binären Vorstellungen
Die analysierten Studien arbeiteten fast ausschließlich mit streng binären Vorstellungen von Geschlecht: Man galt entweder als trans oder als cis. Nicht-binäre, genderfluide oder andere geschlechtliche Identitäten spielten praktisch keine Rolle.
Die Literaturübersicht kritisiert ausdrücklich, dass diese Forschung komplexe Geschlechtsidentitäten unsichtbar macht. 1 Das führt zu absurden Situationen: Eine Person könnte beispielsweise später nicht-binär leben, keine medizinischen Maßnahmen wünschen und trotzdem in den Studien als "desisted" gelten, obwohl sie sich weiterhin nicht mit ihrem Geburtsgeschlecht identifiziert. Die Realität menschlicher Identität wird dadurch künstlich vereinfacht und auf ein Entweder-oder-Schema reduziert.
Die politische Nutzung dieser Forschung
Besonders problematisch wird das alles dadurch, wie diese Zahlen politisch eingesetzt werden. Die Literaturübersicht verweist auf Gesetzesinitiativen in den USA und eine Gerichtsentscheidung in Großbritannien, die sich auf genau diese Narrative stützten, um geschlechtsangleichende Versorgung für Jugendliche einzuschränken oder zu verbieten. 1
Dabei wird oft so getan, als gäbe es eine wissenschaftliche Gewissheit: "Die meisten werden es später bereuen." Doch genau diese Gewissheit existiert in der Forschung nicht. Im Gegenteil: Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die Datenlage insgesamt schwach ist und der Begriff "Desistance" selbst aus dem klinischen und wissenschaftlichen Diskurs entfernt werden sollte. 1
Was sagt die Forschung tatsächlich über Persistenz aus?
Betrachtet man die Studien differenzierter, zeigt sich ein nuancierteres Bild. Studien, die klarer zwischen Kindern mit ausgeprägter Geschlechtsdysphorie und solchen mit lediglich geschlechtsnonkonformem Verhalten unterscheiden, berichten deutlich höhere Persistenzraten. Die Steensma-et-al.-Studie (2013) fand, dass Kinder mit intensiverer Dysphorie, einer frühen sozialen Transition und einer eindeutigen Identifikation als das andere Geschlecht deutlich häufiger als trans Jugendliche und Erwachsene leben. 3
Neuere Forschung, die auf deutlich klareren Einschlusskriterien basiert, deutet zudem darauf hin, dass Kinder, die sich klar und konsistent als trans identifizieren, dies in der weit überwiegenden Mehrheit auch im Erwachsenenalter tun. 4
Worum sollte es stattdessen gehen?
Die Literaturübersicht schlägt einen grundlegend anderen Ansatz vor: Nicht die Vorhersage zukünftiger Identitäten sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Unterstützung junger Menschen in ihrer Entwicklung.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn die "Desistance"-Debatte versucht im Kern, eine Art Echtheitstest zu konstruieren: Wer ist "wirklich" trans? Wer bleibt es dauerhaft? Wer darf medizinische Unterstützung bekommen? Diese Denkweise führt direkt zu Gatekeeping: Jugendliche müssen ihre Identität beweisen, möglichst konsistent, eindeutig und binär wirken.
Doch genau so funktionieren Menschen oft nicht. Identität kann sich entwickeln, Gefühle können sich verändern, Sprache kann sich wandeln. Das bedeutet nicht, dass frühere Erfahrungen falsch waren. Die Literaturübersicht formuliert diesen Gedanken klar: Geschlecht könne für viele Menschen ein fortlaufender Prozess der Exploration sein, und Veränderungen stellten keine "Ungültigmachung" früherer Identitäten dar. 1
Was in der öffentlichen Debatte oft fehlt
Die öffentliche Diskussion tut oft so, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: sofortige irreversible medizinische Eingriffe oder vollständiges Nichtstun. Die Realität sieht anders aus. Geschlechtsangleichende Versorgung besteht aus vielen einzelnen Schritten: Gespräche, soziale Transition, psychologische Unterstützung, Pubertätsblocker, Hormone und eventuell spätere operative Maßnahmen. Diese Schritte erfolgen nicht gleichzeitig und nicht automatisch.
Vor allem Pubertätsblocker werden häufig falsch dargestellt. Sie dienen gerade dazu, Zeit zu schaffen: Zeit zum Nachdenken, Zeit zur Entwicklung, Zeit ohne den zusätzlichen Druck einer unerwünschten körperlichen Pubertät. Ironischerweise wird ausgerechnet die Behandlung, die Raum für Exploration schaffen soll, oft mit der Begründung verboten, Jugendliche bräuchten mehr Zeit. Das heißt nicht, dass Pubertätsblocker nicht ohne Risiken sind, aber deshalb sollte man diese auch nicht verteufeln. Pubertätsblocker wurden entwickelt, um frühpubertierenden Kindern Zeit zu verschaffen, trans Jugendliche sind lediglich eine weitere Gruppe an Nutzer:innen.
Die eigentliche Frage
Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis dieser Forschung nicht, dass jede medizinische Entscheidung einfach wäre. Natürlich gibt es Unsicherheiten, selbstverständlich müssen Risiken sorgfältig abgewogen werden, natürlich brauchen Jugendliche gute Begleitung. Doch Unsicherheit ist kein Argument für Ablehnung, vor allem dann nicht, wenn dieselbe Forschung zeigt, dass die Grundlage der "80-Prozent"-Behauptung selbst wissenschaftlich nicht trägt.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: "Bleibt diese Identität für immer bestehen?" Sondern: "Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen junge Menschen sich sicher entwickeln können?"
Schlussgedanke
Die Erzählung vom massenhaften "Herauswachsen" trans Jugendlicher wirkt auf den ersten Blick wissenschaftlich. Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch etwas anderes: unscharfe Definitionen, schwache Studien, historische Vorannahmen, pathologisierende Perspektiven und politische Instrumentalisierung.
Die Forschung selbst kommt letztlich zu einem bemerkenswert klaren Ergebnis: Der Begriff "Desistance" hilft nicht dabei, junge Menschen besser zu verstehen. Er hilft vor allem dabei, sie in Kategorien einzuteilen und Versorgung zu verweigern.
Vielleicht wäre es an der Zeit, damit aufzuhören.
Eure, Lizbeth
Quellen
Karrington, B. (2022). Defining desistance: Exploring desistance in transgender and gender expansive youth through systematic literature review. Transgender Health, 7(3), 189–212.
Wallien, M. S. C., & Cohen-Kettenis, P. T. (2008). Psychosexual outcome of gender-dysphoric children. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 47(12), 1413–1423.
Steensma, T. D., McGuire, J. K., Kreukels, B. P. C., Beekman, A. J., & Cohen-Kettenis, P. T. (2013). Factors associated with desistence and persistence of childhood gender dysphoria: A quantitative follow-up study. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 52(6), 582–590.
Olson, K. R., Durwood, L., DeMeules, M., & McLaughlin, K. A. (2016). Mental health of transgender children who are supported in their identities. Pediatrics, 137(3), e20153223.




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