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Zu viele queere Menschen erleben täglich Ausgrenzung, weil über sie gesprochen wird, aber nicht mit ihnen. Wenn du diesen Beitrag teilst, hilfst du, Vorurteile abzubauen und Räume für Verständnis zu öffnen. Denn echte Akzeptanz beginnt mit Zuhören.

Sprache und Transidentität: Ein flexibles Mittel unserer Selbstbestimmung

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • 14. Jan.
  • 7 Min. Lesezeit
Love is the only language I speak fluently.
Liebe ist die einzige Sprache, welche ich fließend spreche.

Einleitung: Sprache als Spiegel der Gesellschaft

Sprache lebt. Sie entwickelt sich, passt sich an gesellschaftliche Veränderungen an und kann mitunter Debatten auslösen, welche über spezifische Begriffe hinausgehen. Insbesondere im Zusammenhang mit trans Identität zeigt sich, dass Begriffe zu Werkzeugen werden: Manchmal verletzend, manchmal befreiend. Wenn Menschen über sich selbst sprechen, ist Sprache mehr als Dekoration. Sie schafft Realität. Sie bestimmt, ob sich jemand gemeint, verstanden oder ausgeschlossen fühlt.

In den vergangenen Jahrzehnten hat ein grundlegender Wandel stattgefunden in der Art und Weise, wie wir über Geschlecht und Identität sprechen. Früher wurden trans Personen als medizinisches Phänomen und pathologisierend betrachtet, heute werden sie zunehmend als Teil unserer menschlichen Vielfalt verstanden. Dieser Wandel des Denkens spiegelt sich unmittelbar in unserer Sprache wider.

Die Evolution der Selbstbezeichnung

Von der Pathologisierung zur Selbstbestimmung

Viele trans Personen genießen die heutigen Möglichkeiten der Selbstbezeichnung. Ein großer Teil dieser Entwicklung ist eine Errungenschaft der letzten Jahre. Worte wie trans Frau oder trans Mann platzieren das kleine Wort trans an die Stelle eines Adjektivs, anstatt es als Teil eines zusammengesetzten Hauptworts zu verwenden. Diese Schreibweise fühlt sich für viele richtiger an, da sie nicht die Identität selbst verändert, sondern beschreibt, wie wir durchs Leben gehen. Sie weist darauf hin, dass "trans" kein Substantiv ist, das jemanden auf eine Besonderheit reduziert, sondern ein Aspekt unter vielen, so wie groß, intelligent und charmant.

Historisch wurden trans Personen lange Zeit durch medizinische Begriffe definiert; Diagnosen, die sie zu Patient:innen machten, bevor sie als Menschen wahrgenommen wurden. Die Neigung zu selbstgewählten Bezeichnungen kennzeichnet einen Bruch mit dieser Tradition. Sie zeigt: Die Identität einer Person wird nicht von Therapeut:innen oder Ärzt:innen bestimmt, sondern von der Person selbst.

Diversität der Begriffe

Gleiches gilt auch für Ausdrücke wie transident, die für einige Personen eine genauere Beschreibung darstellen, da sie enger mit Identität verbunden sind als mit einem äußeren, medizinisch definierten Begriff wie transgender. Andere ziehen genau diesen vor. Wiederum verwenden andere Begriffe wie nicht-binär, genderqueer oder agender, um ihre Erfahrungen außerhalb der binären Geschlechterkategorien zu beschreiben.

Diese Diversität ist kein Indiz für Verwirrung, sondern spiegelt die Komplexität und Individualität der Welt der Geschlechtsidentitäten wider. Entscheidend ist, dass die Entscheidung der Person selbst überlassen wird. Niemand hat das Recht, einer anderen Person vorzuschreiben, welcher Begriff für die eigene Identität der "richtige" sei.

Die Kraft der Sprache: Zwischen Verletzung und Anerkennung

Sprache als Mittel der Marginalisierung

Sprache dient nicht nur dem Beschreiben. Sie ist in der Lage, auszugrenzen. Viele sind mit Beispielen aus den Medien oder Alltagsdiskussionen vertraut, in denen falsche oder veraltete Begriffe verwendet werden, die trans Personen auf eine Diagnose, einen medizinischen Vorgang oder Sensationslust reduzieren, oft auch Ablehnung erzeugen. Solche Bezeichnungen haben keine neutrale Konnotation. Sie tragen veraltete Auffassungen in sich und intensivieren das Empfinden, zur Begutachtung freigegeben zu sein.

Besonders problematisch sind Begriffe, die trans Personen als "getäuscht" oder "nicht echt" darstellen, sowie Formulierungen, die, das bei der Geburt zugewiesene, Geschlecht betonen, anstatt die tatsächliche Identität zu respektieren. Eine derartige Ausdrucksweise entmenschlicht und reduziert trans Personen auf Objekte öffentlicher Neugier, anstatt sie als Subjekte ihres eigenen Lebens zu zu betrachten.

Eine respektvolle Sprache als Grundlage des Vertrauens

Menschen, die im Alltag respektvolle Worte wählen, schaffen Räume für Vertrauen. Eine gute Basis des Vertrauens ist entscheidend für den Austausch, für Aufklärung und für gesellschaftliches Lernen. Die Nutzung richtiger Pronomen, selbstgewählter Namen und respektvoller Bezeichnungen ist nicht übertriebene "Political Correctness", sondern elementare Höflichkeit, die gleiche Höflichkeit, die wir allen Menschen schulden.

Es geht nicht darum, fehlerfrei zu sein und niemals Fehler zu machen. Es geht um die eigene Bereitschaft zu lernen, sich zu verbessern und die Unabhängigkeit des Gegenübers anzuerkennen.

Diversität anstelle von Einheitsbrei

Die Individualität von Sprache

Es ist wichtig zu begreifen, dass es keine universelle Lösung gibt. Sprache orientiert sich nicht an einem Bewertungskatalog, sondern an der Erfahrung derer, die sie nutzen. Für einige wirkt ein Begriff ermutigend, für andere hingegen fremd oder einfach nur technisch. Das stellt kein Problem dar, sondern zeigt, dass Diversität ihren Platz in unserem Leben hat.

Diese Vielfalt können wir in verschiedenen kulturellen und sprachlichen Kontexten finden. Was in einem Land oder einer Sprache als respektvoll angesehen wird, kann in anderen Kontexten anders wirken. Trans Communities auf der ganzen Welt entwickeln Begriffe und Ausdrucksformen, die ihrer spezifischen Realität entsprechen.

Die zentrale Frage: "Wie möchtest du genannt werden?"

Die zentrale Frage lautet immer: Wie möchtest du genannt werden? Wer diese Frage mit aufrichtigem Interesse angeht und die Antwort akzeptiert, fängt an, Hindernisse abzubauen. Diese einfache Praxis, fragen statt annehmen, stellt einen Akt des Respekts dar, der weit über trans Themen hinausreicht. Sie inst einer Anerkennung dessen, dass jeder Mensch Experte ihrer:seiner selbst ist.

Politik und Sprache: Worten gestalten Gesetze

Die politische Dimension der Sprache

Sprache dient auch und gerade der Politik als machtvolles Instrument. Diskussionen über Selbstbestimmung, gesetzliche Anerkennung oder die Rechte von trans Menschen beginnen oft mit der Auseinandersetzung um Begriffe. Einige argumentieren, es sei unwichtig, wie jemand genannt wird; das Gegenteil ist der Fall! Worte gestalten Gesetze, und Gesetze gestalten das Leben.

Wenn in Gesetzestexten der Begriff "Geschlechtsangleichung" anstatt "Geschlechtsanpassung" verwendet wird, vermittelt dies die Botschaft, dass das Geschlecht bereits existiert und nur der Körper angepasst wird, nicht umgekehrt. Sobald Selbstbestimmungsgesetze es Menschen ermöglichen, ihren Personenstand ohne erniedrigende Gutachten zu ändern, beginnt die Anerkennung von Rechten.

Rechtliche Anerkennung durch sprachliche Präzision

Ein Staat, welcher anerkennt, dass Menschen das Recht haben, ihren Namen und Geschlechtseintrag ohne entwürdigende Verfahren zu ändern, leitet diesen Wandel mit Sprache ein. Der Staat legt das Fundament für die Akzeptanz, dass die Realität sich bewegt. In Deutschland war das 2024 in Kraft getretene Selbstbestimmungsgesetz ein Zeichen für solchen einen Paradigmenwechsel.

Der gesellschaftliche Stellenwert respektvoller Sprache

Würdigung durch Worte

Weshalb all dies von Bedeutung ist? Sprache ist keine Randerscheinung. Sie ist das erste Mittel, um Menschen einander näher zu bringen. Wer sich für Ausdrücke entscheidet, die dem anderen Eigenverantwortung überlassen, bringt damit auch zum Ausdruck: Ich akzeptiere dich. Ich nehme dich wahr. Ich erlaube Dir zu existieren, ohne, dass Du dich rechtfertigen musst. Für viele trans Personen stellt dieser simple Akt einen Moment der Erleichterung dar.

Oft verwenden trans Personen einen erheblichen Teil ihrer Energie darauf, sich zu erklären, zu rechtfertigen und gegen Missverständnisse zu kämpfen. Setzt jemand von Beginn an respektvolle Sprache ein, entfällt diese Belastung. Wir schaffen Raum für echte Begegnungen, für Gespräche über Interessen, Träume und Alltägliches, nicht nur, aber hin und wieder auch, über Geschlecht und Identität.

Sprache als verbindendes Element zwischen unseren Generationen

Interessant sind Unterschiede in der Nutzung von Sprache zwischen den Generationen. Trans Personen jüngeren Alters verwenden häufig ein anderes Vokabular als die älteren Generationen, die ihre Identität noch in einer Zeit entdeckten, in der andere Begriffe unseren Alltag prägten. Generationenbedingte Differenzen sind selbstverständlich und verdienen einen respektvollen Umgang. Niemand muss seine Selbstbezeichnung anpassen, nur weil sich der allgemeine Sprachgebrauch weiterentwickelt.

Praktische Aspekte: Sprache im Alltag

Pronomen und Namensverwendung

Die Verwendung von Pronomen und Namen ist ein besonders sensibler Bereich. Oft durchlaufen trans Personen einen Prozess, in dem sie ihren Namen ändern und möglicherweise andere Pronomen verwenden als die, die ihnen bei Geburt zugewiesen wurden. Es ist ein Zeichen von Respekt, konsequent den richtigen Namen und die korrekten Pronomen zu verwenden.

Fehler sind normal, vor allem zu Beginn einer Transition oder bei Personen, die sich schon lange kennen. Maßgeblich ist der Umgang mit diesen Fehlern: Eine kurze Entschuldigung, das Korrigieren des Fehlers und dann weitermachen sind in Ordnung. Die betroffene Person empfindet die Situation oft dann unangenehmer, wenn man sich übertrieben entschuldigt oder rechtfertigt. Fehler sind menschlich und auch trans Personen unterlaufen diese Fehler hin und wieder, auch wir müssen Gewohnheiten, welche sich ein Leben lang gebildet haben, über Board werfen.

Sprache in Institutionen und Medien

Institutionen, Bildungseinrichtungen und Medien tragen eine besondere Verantwortung. Mit ihrer Art der Sprache beeinflussen sie öffentliche Debatten und steuern die gesellschaftliche Wahrnehmung von trans Personen. Wichtige Schritte hin zu einer inklusiveren Gesellschaft sind journalistische Leitfäden, die eine respektvolle Berichterstattung fordern und institutionelle Richtlinien, die eine diskriminierungsfreie Sprache vorschreiben.

Perspektive: Sprache in Bewegung

Der stetige Wandel

Es wird weiterhin Diskussionen darüber geben, wie wir über Identität sprechen. Sie werden sich wandeln, neue Begriffe hervorbringen und alte verabschieden. Das ist keine Unsicherheit, es zeigt Reife. Eine Gesellschaft, welche bereit ist, ihre Sprache zu ändern, hilft allen Menschen sich zu bewegen und zu öffnen.

Unsere Sprache wird sich weiterentwickeln, neue Begriffe werden entstehen, einige werden sich etablieren, während andere wieder verschwinden. Dieser Vorgang ist gesund und natürlich. Er demonstriert unsere gesellschaftliche Bereitschaft, zu lernen und uns anzupassen. Wir verstehen, dass die Kategorien und Begriffe, welche wir bisher verwendet haben, der Realität nicht gerecht werden. Nicht nur in Bezug auf trans Personen, sondern in allen Bereichen unserer Gesellschaft.

Die Zukunft inklusiver Sprache

Die Zukunft gehört einer Sprache, die Raum für alle schafft. Es bedeutet nicht, dass jede:r in jedem Moment alle Begriffe kennen und nutzen muss. Es heißt, dass die Grundhaltung passt: Offenheit statt Abwehr, Neugier statt Vorurteil und Respekt statt Ignoranz.

Auch technische Neuerungen wie geschlechtsneutrale Formulierungen, diverse Geschlechtseinträge auf Formularen und die Option, Pronomen anzugeben, fördern eine inklusivere Sprach- und Dokumentationspraxis. Obwohl diese Änderungen klein erscheinen, haben sie eine große symbolische und praktische Bedeutung.

Fazit: Das Recht auf die eigenen Worte

Es ist wichtig, dass jeder Mensch selbst beschreiben darf, wer sie:er ist, ohne dass andere ihr:ihm die passenden Worte entziehen. Sprache ist ein dynamisches Mittel, das sich den Menschen anpassen muss, nicht umgekehrt. Sprache ist kein ein statisches System.

Die sprachlichen Veränderungen im Zusammenhang mit trans Identität sind Teil eines umfassenderen Prozesses: Der Hoffnung auf Anerkennung, Würde und Selbstbestimmung. Indem man sich auf diesen Prozess einlässt und bereit ist, zu lernen und die eigene Sprache anzupassen, leistet man einen konkreten Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft. Letztlich geht es nicht nur um die gewählten Worte, entscheidend ist, was wir mit ihnen ausdrücken: Bestätigen wir die Identität der Menschen oder sprechen wir sie ihnen ab? Egal, ob wir Brücken bauen oder Mauern errichten. Ob wir zuhören oder wegschauen.

Jede:r Einzelne muss entscheiden, wie offen unsere Gesellschaft den Menschen gegenüber sein darf. In jedem Gespräch, jeder Begegnung und mit jedem Wort.

Eure, Lizbeth

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