Spitznamen ... süß gemeint, aber Schmerzen gesät
- Lizbeth

- 1. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Okt. 2025

Es passiert mir immer wieder: Menschen nennen mich Liz, Lizzy oder nutzen andere Abkürzungen für meinen Namen. Für viele ist das ein lieb gemeinter Ausdruck von Freundschaft oder Nähe, doch für mich ist es ein Trigger. Ungefragt einen Spitznamen für mich zu nutzen, das löst in mir keine Wärme, sondern Schmerz aus.
Vielleicht überrascht das, denn in unserer Kultur gelten Kosenamen und Abkürzungen oft als Zeichen von Zuneigung. Doch für mich ist mein Name mehr als ein Wort: Er steht für meine Identität, für meinen Weg, für mein Sein. Wenn jemand ungefragt daran herumkürzt, fühlt es sich an, als würde ein Stück von mir abgeschnitten.
Besonders auffällig: Mit meinem alten, männlichen Namen ist mir das fast nie passiert, seit ich erwachsen bin. Heute, mit meinem weiblichen Namen, scheint es fast automatisch zu sein. Und dabei fällt mir auf: Männernamen werden seltener "verniedlicht" - Frauennamen hingegen fast selbstverständlich.
Namen als Teil von "Doing Gender"
Die Soziologin Jane Pilcher (siehe: Names and “Doing Gender”: How Forenames and Surnames Contribute to Gender Identities, Difference, and Inequalities) hat gezeigt, dass Namen ein wichtiger Teil dessen sind, was in der Genderforschung als "Doing Gender" bezeichnet wird: Geschlecht ist nicht nur ein biologisches oder rechtliches Merkmal, sondern wird im Alltag immer wieder durch Handlungen, Sprache und Symbole hergestellt. Der Vorname ist dabei ein zentrales Element.
Ein Vorname signalisiert Geschlecht und weckt sofort gesellschaftliche Erwartungen.
Namen verstärken Differenz: Sie verweisen nicht nur darauf, ob jemand als Frau oder Mann gelesen wird, sondern bringen die Person in ein ganzes Geflecht von Rollenbildern und Normen.
Der Umgang mit Namen, also ob jemand mit vollem Namen, Spitznamen oder Koseform angesprochen wird. ist Teil dieser alltäglichen "Herstellung" von Geschlecht.
In diesem Licht wird klar: Wenn mein Name verkürzt wird, passiert nicht nur eine sprachliche Kleinigkeit. Es ist Teil eines größeren sozialen Prozesses, in dem weibliche Identität oft weniger ernst genommen, dafür "näherbar" und "verniedlichbar" gemacht wird.
Patronizing Language - Süß gemeint, aber herabwürdigend
Das European Institute for Gender Equality beschreibt unter dem Begriff "patronising language" sprachliche Muster, die zwar freundlich oder liebevoll wirken können, aber gleichzeitig eine Hierarchie zwischen den Sprechenden aufbauen (siehe: Gender-sensitive communication: Patronising language). Typische Beispiele sind:
Verniedlichungen („-chen“, „-lein“, Kurzformen)
Kosenamen, die nicht in einem intimen Verhältnis abgesprochen sind
Abwandlungen des Vornamens, die ohne Einverständnis verwendet werden
Das Problem: Diese Sprache suggeriert Nähe, die vielleicht gar nicht da ist, und sie kann das Gegenüber trivialisieren, also kleiner, harmloser oder weniger ernst erscheinen lassen.
Gerade Frauen sind von solchen Formen überproportional betroffen. Während Männer häufiger mit vollem Namen oder sogar Nachnamen angesprochen werden, was Distanz und Respekt signalisiert, werden Frauen öfter mit Kosenamen oder Kurzformen bedacht.
In meinem Fall zeigt sich das sehr deutlich: Während mein früherer, männlicher Name fast nie verändert wurde, scheint mein weiblicher Name für viele wie eine Einladung zu sein, ihn umzuwandeln. Bietet der Name sich dazu an? Eventuell. Aber was macht das für ein Unterschied? Mein alter Name gab dazu nicht weniger Anlass, im Gegenteil, Verniedlichungen dessen sind im Alltag anderer nicht selten. Aber diese kamen für mich nie ungefragt!
Was vielleicht nett gemeint ist, trifft mich in Wirklichkeit ins Mark, weil es die Ernsthaftigkeit meiner Identität unterläuft.
Verniedlichungen in kulturellem Vergleich
Die Sprachwissenschaft zeigt, dass Verniedlichungen von Namen kein deutsches oder europäisches Phänomen sind, sondern in fast allen Kulturen vorkommen. Ein Beispiel: In arabischen Sprachgemeinschaften sind sogenannte diminutive names weit verbreitet. Darunter werden Abwandlungen von Namen verstanden, welche die Zuneigung, Vertrautheit oder eine besondere Bindung ausdrücken. (siehe: Mark D. Shockley: Diminutive names in Peninsular Arabic)
Das zeigt, dass Menschen weltweit dazu neigen, Namen spielerisch zu verkürzen oder umzuwandeln. Die Funktion der Verniedlichung ist jedoch stark kulturell geprägt. Was in einem Kontext als liebevolle Nähe gilt, kann in einem anderen als unangemessen oder sogar respektlos empfunden werden.
Für Transpersonen ist dieser Unterschied besonders bedeutsam: Der selbstgewählte Name ist das Resultat eines langen und oft schmerzhaften Prozesses der Selbstfindung. Wenn andere diesen Namen abändern, ob aus Gewohnheit oder vermeintlicher Freundschaft, kann es sich wie eine Missachtung der eigenen Geschichte und Identität anfühlen.
Fazit: Warum mein Name nicht verhandelbar ist
Spitznamen sind kein harmloser Spaß. Sie können liebevoll sein, aber auch abwertend. Die Forschung zeigt:
Namen sind ein wesentlicher Teil von Doing Gender und prägen, wie Geschlecht im Alltag hergestellt wird.
Frauen werden sprachlich häufiger durch patronisierende Spracheformen "klein gemacht".
Verniedlichungen sind kulturell verbreitet, aber ihr Wert hängt vom Kontext und vom Einverständnis ab.
Für mich persönlich heißt das: Mein Name ist Lizbeth. Nicht Liz. Nicht Lizzy. Einfach Lizbeth. Und ich wünsche mir, dass er auch so respektiert wird, weil er nicht nur ein Wort ist, sondern Ausdruck meiner Identität.
Als ich noch ein Kind war, heute würde man sagen, in der Grundschule, so zwischen sechs und zehn Jahren, wurde mein Name oft verkürzt. Um mich zu ärgern! Gleichzeitig wurde die gleiche Variante bei Mädchen ganz selbstverständlich als freundschaftliche Form verwendet. Für mich war das damals schwer zu verarbeiten: Ich wusste nichts über Transgender-Themen, und die Vorstellung war mir völlig fremd. Es fühlte sich schmerzhaft an, "zum Mädchen gemacht" zu werden, obwohl ich ein Junge war, ich versuchte, ins Erwartungsbild des harten Jungen zu passen. Auch heute noch kommen diese Gefühle sofort wieder hoch, egal wer oder wann jemand meinen Namen "verniedlicht".
Abschließend sei aber auch gesagt, für mich ist es okay, wenn ihr "Lizbett" [lˈɪzbət] sagt, weil das Englische "th" ein Problem ist. Aber bitte nicht "Liesbet". Danke ❤️
Eure, Lizbeth [lˈɪzbəθ]
2025/10/13 - leichte Updates im letzten Abschnitt zum Thema Aussprache, inkl. ILA-Notation




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