Mut zur Selbstbestimmung und die Angst davor in einer unsicheren Zeit
- Lizbeth

- 6. Aug. 2025
- 2 Min. Lesezeit

In den nächsten Tagen werde ich einen ganz wichtigen Schritt für mich gehen: Ich werde meinen Geschlechtseintrag im Standesamt ändern lassen. Für mich ist das mehr als ein bürokratischer Akt, es ist ein tiefes Bekenntnis zu meiner Identität, ein Schritt in Richtung Selbstbestimmung und Sichtbarkeit. Doch gleichzeitig begleitet mich eine wachsende Unsicherheit.
Diese Unsicherheit hat viele Gründe, vor allem aber die politische Situation in Deutschland. Gerade in Bayern und auf Bundesebene erleben queere Menschen, insbesondere trans*, inter* und nicht-binäre Personen, derzeit verstärkte Anfeindungen und Einschränkungen ihrer Rechte. Die CDU beispielsweise verbietet Regenbogenflaggen in Parlamenten, setzt auf bürokratische Hürden beim Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) und erleichtert sogar die Abschiebung von queeren Geflüchteten in vermeintlich „sichere“ Herkunftsländer, die aber oft queerfeindlich sind (vgl. taz, 4. Juni 2025).
Diese Maßnahmen sind keine Einzelerscheinungen, sondern Teil eines breiteren politischen Trends. In einem Wahlprogrammentwurf von CDU/CSU wird das SBGG faktisch abgeschafft (vgl. dgti, Dezember 2024), medizinische Maßnahmen für trans* Jugendliche verboten und geschlechtersensible Sprache zurückgedrängt. Gleichzeitig ignoriert die Union die dramatisch steigende Gewalt gegen LSBTQIA*, so meldete das Bundeskriminalamt 2025 einen Anstieg von 105% bei Straftaten aus „geschlechtsbezogener Diversität“ (BKA-Lagebild, 2025).
Das macht mir Angst. Es ist beängstigend, dass ein Schritt, der für mich persönlich wichtig ist, in einer politischen Umgebung stattfindet, die zunehmend feindlich ist. Die Gefahr, ausgegrenzt, überwacht oder sogar in meiner Sicherheit bedroht zu werden, ist real. Diese Ängste erinnern an die dunklen Zeiten der 1980er Jahre, als insbesondere schwule Männer mit der AIDS-Krise stigmatisiert, isoliert und kriminalisiert wurden (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, 2023). Damals standen Menschen wie Rita Süssmuth (CDU) als progressive Stimmen gegen repressive Kräfte, heute fehlen solche klaren Fürsprecher*innen leider oft.
Und doch ist genau jetzt mein Mut wichtiger denn je. Indem ich meinen Geschlechtseintrag ändere, stelle ich mich gegen die Unsichtbarkeit, gegen die Versuche, queeres Leben auszublenden oder zu delegitimieren. Ich stelle mich gegen die Angst und gegen das Schweigen.
Denn die Realität ist: Wir sind viele. Queere Menschen sind ein Teil unserer Gesellschaft, mit unveräußerlichen Rechten auf Freiheit, Sicherheit und Anerkennung. Die politische Situation mag uns herausfordern, aber sie definiert nicht unsere Identität.
Ich glaube an die Kraft der Gemeinschaft, an Solidarität und an die vielen mutigen Menschen, die tagtäglich für unsere Rechte einstehen. Jede Teilnahme an einem CSD, jede Petition, jede Stimme zählt. Wir müssen sichtbar bleiben, wir müssen laut sein, auch wenn der Gegenwind stark ist.
Es ist ein Kampf gegen die Rückschritte, gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Und dieser Kampf beginnt bei jedem einzelnen von uns.
Mein Weg ist ein Aufruf an alle, die ebenfalls unsicher sind, die Angst haben und dennoch ihren Mut nicht verlieren wollen: Du bist nicht allein. Wir stehen zusammen, für eine Welt, in der Vielfalt gefeiert wird und nicht zur Zielscheibe wird.
Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Mut heißt, trotz der Angst weiterzugehen.
Eure, Lizbeth


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