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Sichtbarkeit rettet Leben.

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Lou Sullivan: Ein Leben, das nicht geplant war

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • vor 2 Tagen
  • 11 Min. Lesezeit
Portrait von Louis Graydon Sullivan
Louis Graydon Sullivan (Mariette Pathy Allen, wikipedia)

Lou Sullivan suchte sein Leben lang nach Worten für eine Wirklichkeit, welche in den Vorstellungen seiner Zeit nicht vorkommen sollte. Er war ein trans Mann und er war schwul. Für ihn selbst war das kein Widerspruch. Für viele Ärzt:innen und Therapeut:innen, von deren Zustimmung seine medizinische Transition abhing, war es jedoch einer.

In den 1970er- und 1980er-Jahren orientierte sich die medizinische Versorgung trans Personen häufig an einem äußerst engen Bild. Ein trans Mann sollte sich möglichst eindeutig männlich verhalten, Frauen begehren und nach der Transition ein unauffälliges heterosexuelles Leben führen. Wer nicht in diese Erzählung passte, riskierte, von Hormonen und Operationen ausgeschlossen zu werden. 1 Sullivan passte nicht hinein. Statt seine eigene Existenz an das medizinische Modell anzupassen, begann er, dieses infrage zu stellen.

Doch sein Vermächtnis reicht weit über diesen Kampf hinaus. Sullivan schrieb Briefe, führte jahrzehntelang Tagebuch, beriet andere trans Männer, sammelte medizinische Informationen, organisierte Treffen und veröffentlichte Rundbriefe. Er half dabei, aus einzelnen, voneinander isolierten Menschen eine sichtbare und handlungsfähige Gemeinschaft entstehen zu lassen.

Auf der Suche nach einem Bild von sich selbst

Louis Graydon Sullivan wurde am 16. Juni 1951 in Wauwatosa im US-Bundesstaat Wisconsin geboren, als drittes von sechs Kindern einer streng katholischen Familie, und wuchs in Milwaukee auf. 2 Bereits als Kind übernahm er beim Spielen bevorzugt männliche Rollen. In seinen Tagebüchern nannte er dies später "playing boys". 2 Mit zehn Jahren begann er regelmäßig Tagebuch zu führen. Diese Aufzeichnungen begleiteten ihn fast bis zu seinem Tod und dokumentieren nicht nur seine Transition, sondern auch seine Wünsche, Beziehungen, Ängste, seine Sexualität und die Suche nach einem lebbaren Selbstbild.

Das Besondere an diesen Tagebüchern liegt auch in ihrem frühen Beginn. Sullivan schrieb bereits lange bevor er Begriffe kannte, mit welchen er sich hätte beschreiben können. Damit entstand kein nachträglich geglätteter Lebensbericht, in welchem alle früheren Erlebnisse zwangsläufig auf ein bereits bekanntes Ziel zulaufen. Seine Einträge zeigen vielmehr einen Menschen im Werden. Sie bewahren Unsicherheit und Erkenntnis, Sehnsucht und Widerspruch nebeneinander.

Als Jugendlicher fühlte sich Sullivan zu Männern hingezogen und interessierte sich für männliche Rollenbilder. Mit siebzehn begann er eine langjährige Beziehung mit einem sich selbst als "feminin" beschreibenden männlichen Partner, in welcher beide mit Geschlechterrollen spielten. 2 Rockmusiker, die Beatles, unangepasste junge Männer und die schwule Subkultur wurden zu Bezugspunkten. Doch Menschen, in welchen er sich vollständig wiederfinden konnte, fand er kaum. Trans Männer waren im öffentlichen Leben nahezu unsichtbar. Schwule trans Männer kamen selbst in einem Großteil der damaligen medizinischen Literatur nicht vor.

Diese Abwesenheit war nicht bloß ein Mangel an Repräsentation. Sie hatte praktische Folgen. Wer keine Worte für die eigene Erfahrung findet, kann schwer nach Unterstützung suchen. Wer in Fachbüchern nicht vorkommt, läuft Gefahr, von Fachleuten für unmöglich erklärt zu werden.

Erste Texte aus der queeren Bewegung in Milwaukee

Nach der Schule arbeitete Sullivan als Sekretär und wurde Mitglied der Gay People's Union in Milwaukee. Anfang der 1970er-Jahre verwendete er für sich zunächst Begriffe, welche heute historisch oder unpassend wirken. 1973 veröffentlichte er im GPU News den Text "A Transvestite Answers a Feminist". Ein Jahr später folgte "Looking Towards Transvestite Liberation", ein Text, welcher in der schwul-lesbischen Presse breit nachgedruckt wurde. 23

Diese frühen Texte entstanden zu einer Zeit, in welcher sich die heute geläufige Sprache rund um trans Identität noch nicht etabliert hatte. Sullivan griff das Vokabular auf, welches ihm zur Verfügung stand, und begann zugleich, dessen Grenzen zu verschieben. Er verband Fragen geschlechtlicher Selbstbestimmung mit den Ideen der Gay Liberation. Geschlechtliche Normen erschienen dabei nicht als private Eigenart einzelner Menschen, sondern als gesellschaftliche Ordnung, welche Freiheit ermöglicht oder verhindert.

Bis 1975 beschrieb Sullivan sich mit dem damals üblichen Ausdruck "female-to-male transsexual". Im selben Jahr zog er mit seinem damaligen Partner nach San Francisco. Dort hoffte er auf mehr Verständnis, Kontakte zu anderen trans Personen und Zugang zu medizinischer Versorgung. Doch auch in San Francisco stieß er auf eine Grenze, welche in keinem Stadtplan eingezeichnet war.

Ein schwuler trans Mann im medizinischen System

Die damaligen Genderkliniken entschieden nicht nur darüber, welche medizinischen Maßnahmen angeboten wurden. Sie entschieden zugleich, wessen Geschichte als glaubwürdig galt. Von trans Menschen wurde häufig erwartet, eine standardisierte Biografie vorzutragen. Dazu gehörten eine möglichst frühe und eindeutige Ablehnung der bei der Geburt vorgenommenen Geschlechtszuweisung, stereotyp männliche oder weibliche Interessen und vor allem eine Sexualität, welche nach der Transition heterosexuell erschien. 1

Sullivan begehrte Männer. Damit passte er nicht in das Bild eines trans Mannes, welches viele Behandelnde voraussetzten. Seine sexuelle Orientierung wurde nicht als unabhängiger Teil seiner Persönlichkeit betrachtet, sondern als Beleg gegen seine Geschlechtsidentität. Bereits 1976 beantragte er beim Gender Dysphoria Program der Stanford University Hilfe und wurde abgelehnt, allein aufgrund seines Bekenntnisses, schwul zu sein. 1,4 In den folgenden Jahren lebte er zeitweise wieder als vermeintlich heterosexuelle Frau, bevor er sich 1979, ermutigt durch den Kontakt zur trans Lehrerin Steve Dain, ein zweites Mal um Aufnahme bewarb. 4 Am 17. Oktober 1979 reichte er seinen vollständigen Antrag ein, am 12. März 1980 traf die schriftliche Ablehnung ein. 14 Die erhaltenen Unterlagen und seine Tagebücher zeigen, wie stark die Versorgung von der Bereitschaft abhing, die erwartete Geschichte zu erzählen.

Sullivan wusste, dass Offenheit ihn medizinische Unterstützung kosten konnte. Zeitweise erwog er, seine Darstellung gegenüber Ärzt:innen zu verändern und ein Interesse an Frauen anzudeuten. 1 Gerade darin wird die Macht des Gatekeepings sichtbar. Das System prüfte nicht einfach eine bereits vorhandene Wahrheit. Es brachte Erzählungen hervor, welche trans Personen aus strategischen Gründen lernen mussten, um versorgt zu werden.

Schließlich fand Sullivan noch im Jahr 1979 Ärzt:innen außerhalb der großen Genderkliniken, welche bereit waren, ihn zu unterstützen. Im November 1979, im Alter von 28 Jahren, begann er mit der Einnahme von Testosteron, ein Jahr später folgte eine Mastektomie. 10,2 Weitere medizinische Schritte folgten bis 1986. Sein persönlicher Zugang zur Versorgung löste jedoch das grundsätzliche Problem nicht. Andere schwule trans Männer konnten weiterhin vor denselben verschlossenen Türen stehen.

Sullivan beließ es deshalb nicht bei der Forderung, als individuelle Ausnahme akzeptiert zu werden. Er argumentierte dafür, Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung voneinander zu unterscheiden. In Gesprächen, Briefen und Vorträgen wandte er sich an Mediziner:innen und Fachorganisationen. Zwischen 1988 und 1990 führte er mit dem Psychiater Ira B. Pauly mehrere aufgezeichnete Gespräche unter dem Titel Female to Gay Male Transsexualism. 10 Sullivan nutzte darin die eigene Biografie als Erfahrungswissen. Er trat nicht nur als Patient auf, über welchen gesprochen wurde, sondern als Gesprächspartner, welcher das medizinische Wissen selbst korrigierte.

Es wäre zu einfach, die heute verbreitete Unterscheidung zwischen Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung einer einzigen Person zuzuschreiben. Sullivan machte jedoch mit außergewöhnlicher Beharrlichkeit sichtbar, welche Folgen es hatte, beides miteinander zu verwechseln. Seine Existenz widerlegte das Modell, mit welchem ihm die Versorgung verweigert worden war.

Aus eigener Erfahrung wird gemeinsames Wissen

Sullivans Aktivismus begann nicht erst vor Fachgremien. Ein großer Teil seiner Arbeit fand in Wohnungen, Briefumschlägen, kleinen Gruppen und selbst produzierten Veröffentlichungen statt. Dort begegnete er einem Problem, welches viele frühe trans Netzwerke prägte: Informationen waren schwer auffindbar, medizinische Kontakte wurden mündlich weitergegeben und viele Menschen glaubten, mit ihren Erfahrungen allein zu sein.

Über die Gruppe Golden Gate Girls/Guys und seine Arbeit bei der Janus Information Facility kam Sullivan mit anderen trans Menschen in Kontakt. 6 Ab 1980 beriet er dort trans Männer und Menschen, welche ihre geschlechtliche Identität noch erkundeten, als einer der ersten FTM-Peerberater der Einrichtung. Als Peerberater brachte er etwas ein, was die medizinische Fachwelt häufig nicht anbieten konnte: Wissen aus eigener Erfahrung, verbunden mit praktischen Hinweisen und dem Gefühl, tatsächlich verstanden zu werden.

Er sammelte Informationen über Kleidung, Coming-out, Hormone, Operationen, medizinische Anlaufstellen und den Alltag während einer Transition. Daraus entstand sein Handbuch Information for the Female-to-Male Crossdresser and Transsexual. Die erste Fassung erschien 1980, weitere überarbeitete Ausgaben folgten, darunter die zweite Auflage 1985. 4 Das Buch war kein abstrakter medizinischer Text. Es bündelte erreichbares Wissen für Menschen, welche oft keinen Zugang zu kompetenter Beratung hatten und blieb über ein Jahrzehnt der einzige praktische Leitfaden für FTM-Personen. 10

Sein Ansatz war grundlegend: Wissen über trans Leben sollte nicht ausschließlich in Kliniken liegen. Es sollte den Menschen gehören, welche es benötigten.

Briefe als frühes Netzwerk

Lange vor E-Mail, Foren und sozialen Netzwerken waren Briefe ein zentrales Werkzeug trans Selbstorganisation. Sullivan korrespondierte mit trans Menschen, Aktivist:innen, Ärzt:innen, Therapeut:innen und Herausgeber:innen. Zu seinen wichtigen Kontakten gehörte der kanadische trans Aktivist Rupert Raj, welcher mit seinem 1982 gegründeten Rundbrief Metamorphosis in Toronto ebenfalls Verbindungen zwischen trans Männern aufbaute und Sullivan bei der Gestaltung des eigenen Rundbriefs mutmaßlich als Vorbild diente. 5,6

Diese Korrespondenzen dienten mehreren Zwecken zugleich. Sie vermittelten medizinische Kontakte und Veröffentlichungen. Sie ermöglichten Beratung über große Entfernungen. Sie halfen bei der Planung von Treffen und schufen persönliche Beziehungen zwischen Menschen, deren lokales Umfeld oft keine vergleichbaren Kontakte bot. Manchmal war bereits die Antwort eines anderen trans Mannes eine entscheidende Botschaft: Du bist nicht der Einzige. Deine Erfahrung existiert auch außerhalb Deines eigenen Zimmers.

Die Briefe zeigen zudem, dass frühe trans Männer-Community nicht durch eine einzelne Organisation plötzlich entstand. Sie wuchs aus vielen Verbindungen. Menschen lasen Rundbriefe, schickten Artikel weiter, empfahlen Ärzt:innen, berichteten von Operationen und stellten einander neue Kontakte vor. Community war weniger ein fester Ort als ein Netz, welches mit jeder Antwort dichter wurde.

Von Treffen zu FTM

1986 begann Sullivan in San Francisco regelmäßige Treffen für trans Männer zu organisieren. Aus dieser Arbeit entwickelte sich die Gruppe, welche später als FTM International bekannt wurde. 6 Die Treffen boten einen geschützten Raum für Austausch, Information und gegenseitige Unterstützung. Dabei ging es nicht nur um medizinische Transition. Es ging um Beziehungen, Sexualität, Arbeit, gesellschaftliche Sichtbarkeit und die Frage, wie ein Leben als trans Mann überhaupt aussehen konnte.

1987 erschien die erste Ausgabe des schlichten Rundbriefs FTM. Was zunächst nur wenige Seiten umfasste, entwickelte sich über insgesamt 67 Ausgaben zu einer der bekanntesten Verbindungen zwischen transmaskulinen Menschen weit über San Francisco hinaus. 6 Der Rundbrief enthielt Artikel, Hinweise auf Bücher und Filme, Berichte aus dem Alltag sowie einen Briefkasten, an welchen Leser ihre Fragen richten konnten.

Die Herstellung war ausgesprochen praktisch und improvisiert. Frühe Ausgaben wurden auf einem Büro-Kopierer vervielfältigt und von Sullivans Wohnung aus verschickt. Neutrale Umschläge schützten die Privatsphäre der Empfänger. Sullivan trug einen Teil der Kosten selbst. Menschen, welche kein Geld für ein Abonnement hatten, sollten dennoch nicht von Informationen ausgeschlossen werden.

Gerade diese unscheinbaren Einzelheiten erzählen viel über Selbstorganisation. Eine Community entsteht nicht nur durch große Reden. Sie entsteht auch dadurch, dass jemand Papier bezahlt, Adressen verwaltet, Briefe beantwortet, Räume organisiert und dafür sorgt, dass eine Sendung nicht unfreiwillig zum Outing führt.

Nach Sullivans Tod führte Jamison Green die Treffen und den Rundbrief weiter, überführte die Gruppe in eine gemeinnützige Organisation und erweiterte ihren Namen um den Zusatz "International", um die inzwischen weltweite Reichweite abzubilden. 6 FTM erschien bis 2008 in insgesamt 67 Ausgaben. Unter der späteren Leitung erreichte die Publikation zeitweise bis zu 1.500 Menschen in 17 Ländern. 6 Aus einer kleinen, lokal organisierten Gruppe war ein internationales Netzwerk geworden.

Geschichte bewahren, bevor sie erneut verschwindet

Sullivan wollte nicht nur gegenwärtige Informationen zugänglich machen. Er suchte auch nach trans Geschichte. Nachdem er einen Vortrag des Historikers Allan Bérubé gesehen hatte, begann er intensiv über Jack Bee Garland zu recherchieren. Garland hatte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als Mann gelebt und war Teil der Geschichte San Franciscos. 1990 veröffentlichte Sullivan die Biografie From Female to Male: The Life of Jack Bee Garland. 2

Die Arbeit an Garland war mehr als eine historische Nebenbeschäftigung. Sullivan kannte das Gefühl, in Bibliotheken nach Menschen wie sich selbst zu suchen und nichts zu finden. Indem er Garland sichtbar machte, schuf er eine Vergangenheit, auf welche andere zurückgreifen konnten. Er bewahrte einen Vorgänger davor, wieder aus der Geschichte zu verschwinden.

Auch an der Gründung der heutigen GLBT Historical Society war Sullivan als Gründungsmitglied beteiligt. 15 Er half bei der Herausgabe des Rundbriefs und katalogisierte die frühe Zeitschriftensammlung. Sammeln, Ordnen und Bewahren waren für ihn politische Tätigkeiten. Eine Bewegung, welche ihre Dokumente verliert, muss ihre Geschichte immer wieder von vorn beginnen.

Sullivan archivierte zugleich sein eigenes Leben. Seine hinterlassenen Unterlagen umfassen Tagebücher, Briefe, Fotografien, Gedichte, Essays, medizinische Dokumente, Forschungsunterlagen sowie Ton- und Videoaufnahmen. 2 Das Archiv bewahrt nicht nur die Geschichte eines bekannten Aktivisten. Es dokumentiert auch die alltägliche Arbeit, aus welcher eine Bewegung entsteht.

2019 veröffentlichten Ellis Martin und Zach Ozma eine Auswahl aus 24 Tagebüchern unter dem Titel We Both Laughed in Pleasure: The Selected Diaries of Lou Sullivan, 1961–1991. 11 Darin erscheint Sullivan nicht nur als historische Symbolfigur. Sichtbar wird ein humorvoller, sinnlicher, manchmal verzweifelter und oft lebenshungriger Mensch. Seine Texte handeln von Körpern und Begehren, von Einsamkeit, Beziehungen, Kleidung, Musik und der Freude darüber, endlich als der Mann wahrgenommen zu werden, welcher er war.

Das ist bedeutsam, weil trans Geschichte häufig auf Gewalt, Medizin und juristische Auseinandersetzungen reduziert wird. Sullivans Tagebücher enthalten all diese Konflikte. Sie bewahren jedoch ebenso Lust, Nähe, Eitelkeit, Hoffnung und Glück. Auch das ist historisches Wissen.

Aktivismus inmitten der AIDS-Krise

1986 wurde bei Sullivan HIV diagnostiziert, im Anschluss an eine geschlechtsangleichende Operation. 2 Zu diesem Zeitpunkt erhielt er eine sehr begrenzte Lebenserwartung von etwa zehn Monaten. Er lebte noch fünf Jahre und intensivierte in dieser Zeit seine Arbeit. Er veröffentlichte weiter, betreute das FTM-Netzwerk, arbeitete an seiner Biografie über Jack Bee Garland und setzte sich gegenüber medizinischen Fachleuten für die Anerkennung schwuler und lesbischer trans Menschen ein.

Die AIDS-Krise gehörte dabei nicht nur zu seiner persönlichen Krankheitsgeschichte. Auch innerhalb der trans Männer-Community mussten Informationen über HIV, Safer Sex und Versorgung verbreitet werden. 1990 widmete sich ein FTM-Treffen ausdrücklich der AIDS-Prävention. Damit wurde ein Thema aufgegriffen, bei welchem trans Männer sowohl in allgemeinen HIV-Angeboten als auch in der damaligen Forschung leicht übersehen werden konnten.

Lou Sullivan starb am 2. März 1991 im Alter von 39 Jahren an den Folgen von AIDS. 2 Dass sein Netzwerk nach seinem Tod weiterbestand, war kein Zufall. Es war das Ergebnis jahrelanger Arbeit, welche Wissen nicht an eine einzelne Person binden wollte. Andere konnten übernehmen, weil es Treffen, Verteiler, Publikationen, Kontakte und ein gemeinsames Selbstverständnis gab.

Was von Lou Sullivan bleibt

Lou Sullivans Geschichte wird häufig auf einen prägnanten Satz verkürzt: Er bewies, dass ein trans Mann schwul sein kann. Doch eigentlich musste dies nie bewiesen werden. Schwule trans Männer existierten unabhängig davon, ob Ärzt:innen sie verstanden oder medizinische Kategorien ihnen einen Platz einräumten.

Sullivans Leistung bestand darin, aus dieser Existenz Konsequenzen zu ziehen. Wenn ein medizinisches Modell reale Menschen ausschloss, musste nicht der Mensch korrigiert werden, sondern das Modell. Wenn Informationen fehlten, konnten Betroffene sie sammeln und miteinander teilen. Wenn keine Community sichtbar war, konnten Briefe, Treffen und Rundbriefe eine entstehen lassen. Wenn die Geschichte keine Vorbilder zu enthalten schien, lohnte es sich, genauer in den Archiven zu suchen und selbst ein Archiv zu hinterlassen.

Er schuf keine trans Männer-Community allein. Seine Arbeit war Teil eines größeren Netzes, zu welchem unter anderem Rupert Raj, Jamison Green und viele heute weniger bekannte Briefpartner, Helfer und Leser gehörten. Doch Sullivan verband auf besondere Weise persönliche Offenheit, praktische Fürsorge, politische Forderungen und historische Arbeit.

Vielleicht liegt darin sein wichtigstes Vermächtnis. Sichtbarkeit bedeutete für ihn nicht nur, selbst gesehen zu werden. Sie bedeutete, Bedingungen zu schaffen, unter welchen andere einander finden, Wissen weitergeben und ihr eigenes Leben nicht mehr für unmöglich halten mussten.

Hinweis zur Sprache

In den historischen Quellen erscheinen Begriffe wie "transsexual", "transvestite", "female-to-male" und die Abkürzung "FTM". Einige davon werden heute seltener verwendet oder von vielen trans Personen abgelehnt. In diesem Beitrag tauchen sie dort auf, wo sie für Sullivans Selbstbeschreibung, die damaligen medizinischen Kategorien oder die Namen seiner Veröffentlichungen und Organisationen wichtig sind. Sie sollten nicht unkritisch auf heutige trans Personen übertragen werden.

Eure, Lizbeth

Quellen und weiterführende Literatur

  1. GLBT Historical Society: Primary Source Set: Lou Sullivan

  2. Online Archive of California und GLBT Historical Society: Louis Graydon Sullivan papers, 1755–1991

  3. Digital Transgender Archive: Lou Sullivan Collection

  4. Lou Sullivan: Information for the Female-to-Male Crossdresser and Transsexual, 2. Auflage, 1985

  5. Digital Transgender Archive: Correspondence from Lou Sullivan to Rupert Raj

  6. University of Victoria Libraries: The FTM Newsletters

  7. Megan M. Rohrer und GLBT Historical Society: Man-i-fest: FTM Mentorship in San Francisco, 1976–2009

  8. K. J. Rawson: Living and Dying as a Gay Trans Man: Lou Sullivan's Rhetorical Legacy, Peitho, Band 22, Ausgabe 4, 2020

  9. Anna Wiegand: Barred from Transition: The Gatekeeping of Gender-Affirming Care during the Gender Clinic Era, Intersect, Band 15, Ausgabe 1, 2021

  10. Ira B. Pauly und Lou Sullivan: Female to Gay Male Transsexualism, aufgezeichnete Interviews ab 1988

  11. Lou Sullivan, herausgegeben von Ellis Martin und Zach Ozma: We Both Laughed in Pleasure: The Selected Diaries of Lou Sullivan, 1961–1991, Nightboat Books, 2019

  12. Francisco J. González: Writing Gender with Sexuality: Reflections on the Diaries of Lou Sullivan, Journal of the American Psychoanalytic Association, Band 67, Ausgabe 1, 2019, S. 59–82

  13. Brice Smith: Lou Sullivan: Daring to Be a Man Among Men, Transgress Press, 2017

  14. Digital Transgender Archive: Lou Sullivan's Rejection Letter from Stanford University's Gender Dysphoria Program, 12. März 1980

  15. GLBT Historical Society: Following Lou: Searching the Archives for Our Queer Past


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