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4. Advent: Gelegenheit Mitgefühl zu üben

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • 21. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit
Adventskranz mit vier leuchtenden Kerzen
Vierter Advent

Der vierte Advent ist ein wenig wie die letzte Kurve vor dem Ziel. Während draußen die Lichterketten flackern, türmen sich drinnen Geschenke, Einkaufslisten und Erwartungen. Für viele sind die Feiertage, die Familie, Traditionen und gewohnte Abläufe eine Freude. Gleichzeitig haben aber auch viele eine Sorge: Was wird geschehen, wenn ich an diesem Tisch sitze, mit meiner Geschichte, meiner Identität, meinen Umständen? Was geschieht, wenn andere am liebsten alles wie früher hätten?

Der Advent wird häufig als eine Phase der Einkehr charakterisiert. Aber vielleicht ist er vor allem das: Zeit zum Üben. Für Empathie. Für den liebevollen Umgang mit Wandel. Für das aufrichtige Bemühen darum, wie wir einander wahrnehmen wollen.

Wenn Vertrautheit enger wird

Familienfeiern vereinen Menschen, die sich nahe stehen, aber dennoch oft nicht wirklich kennen. Für Menschen, die queer, trans oder nicht-binär sind oder gerade erst anfangen, Worte für ihre eigenen Gefühle zu finden, sind diese Tage oft von Ambivalenz geprägt. Einerseits ist das Verlangen nach Gemeinschaft, andererseits aber die Angst: Wird man mich, meine Gefühle, respektieren? Wird über mich geredet, anstatt mit mir zu reden? Ist es nötig, dass ich mich wieder klein mache, mein "Ich" verstecke, um die Harmonie zu wahren?

Zugleich kann es für Eltern, Großeltern und Verwandte schwierig sein, sich von vertrauten Bildern zu trennen. Das Kind, an das sie gedacht haben, passt vielleicht nicht mehr zu der Person, welche heute vor ihnen steht. Es bedarf Zeit, um die passende Sprache zu finden, um sich von überholten Vorstellungen zu lösen, um Fehler zu machen und aus diesen zu lernen.

Für diese Situationen gibt es kein vorgefertigtes Drehbuch. Doch allen Anwesenden steht etwas zur Verfügung: Mitgefühl. Die eigene Einstellung gegenüber Veränderungen. Die Wahl, andere für sich entscheiden zu lassen, auch wenn man etwas nicht nachvollziehen kann, Angst hat oder sich verletzt fühlt.

Mitgefühl ist nicht gleichzusetzen mit einer Meinung

Mitgefühl bedeutet nicht, dass man allem zustimmt oder alles sofort versteht. Mitgefühl bedeutet: Ich akzeptiere, dass du das fühlst, was du fühlst. Auch wenn deine Realität nicht in meine Schubladen passt, darf sie existieren. Ich verschließe mein Herz nicht, nur weil mein Kopf noch Fragen hat.

Das kann im Einzelnen so aussehen: Die geoutete Person darf müde sein. Es ist erlaubt, genervt zu sein von den immer wiederkehrenden Fragen. Personen dürfen Grenzen festlegen, wenn Diskussionen übergriffig werden, es ist erlaubt  zu sagen: "Heute möchte ich nicht erklären, sondern einfach mit euch am Tisch sitzen." Gleiches gilt auch für deren Partner und Kinder.

Die Angehörigen können überfordert sein. Es ist erlaubt, ehrlich zu sagen: "Ich brauche ein wenig Zeit, um deinen neuen Namen zu verinnerlichen" oder "Ich habe Angst, einen Fehler zu machen". Doch sie tragen auch Verantwortung: nicht dafür, dass ihre Reaktionen perfekt sind, sondern dafür, dass ihr Unbehagen nicht die Person belastet, die sich ohnehin in der verletzlichsten Position befindet.

Änderungen beim Weihnachtsessen

Am Weihnachtstisch bündeln sich die Erwartungen: an die Speisen, an die Rituale, an die Rollen. "Du warst doch immer die, die…" oder "Schon als kleiner Junge hast du immer…", solche Äußerungen sind zwar wohlwollend gemeint, aber sie schmerzen, da sie eine frühere Version von jemandem fixieren und die gegenwärtige Person unsichtbar machen. Wer Mitgefühl zeigt, hinterfragt diese Sätze, ehe sie geäußert werden.

Andere Dinge können den Tisch stattdessen prägen: Fragen, ohne Druck auszuüben. Aufmerksames Zuhören, wenn jemand von ihrem:seinem Jahr berichtet, von Therapie, von innerem Chaos und von ersten Schritten zu sich selbst. Die Bereitschaft, Namen und Pronomen tatsächlich ernst zu nehmen. Anzuerkennen, dass es keine Phase ist, sondern Ausdruck der eigenen Identität.

Und wenn ein Fehler passiert, und das wird vorkommen, so ist die Reaktion entscheidend: Eine ehrliche Entschuldigung wird akzeptiert. Ein genervtes Augenrollen mit der anschließenden Bemerkung "Man wird ja wohl noch…" tut weh. Es sind die kleinen Korrekturen, nicht die vollkommene Fehlerfreiheit, in denen sich Mitgefühl zeigt.

Zweifel vor dem Outing und danach

Viele queere Jugendliche und junge Erwachsene denken darüber nach, ihr Coming-out in der Zeit um die Feiertage zu vollziehen. Nicht aus romantischen Gründen, sondern weil dies oft die einzige Gelegenheit ist, dass alle zur selben Zeit am gleichen Ort versammelt sind. Andere bringen die Angst mit in die Weihnachtszeit, dass ihre Identität aufgedeckt oder sie von jemandem geoutet werden, obwohl sie dafür nicht bereit sind.

Mitgefühl kann auch bedeuten, als Eingeweihte Vertraulichkeit zu wahren und keinen Druck für ein Coming-out aufzubauen.

Jede:r, die:der sich selbst outen will, darf das Tempo und den Rahmen festlegen. Es gibt kein Fest auf der Welt, welches wichtiger ist als die eigene Sicherheit.

Wer als nahestehende Person von einem Coming-out erfährt, atmet möglicherweise zunächst tief durch und trifft dann die bewusste Entscheidung: Ich werde später nach Einzelheiten fragen, aber heute zeige ich erst einmal, dass du so, wie du bist, zu mir gehörst.

Entstehen dadurch Spannungen, ist es ratsam, diese nicht leise zu akzeptieren, sondern sie zur Sprache zu bringen. Nicht als großes Drama am Tisch, sondern während eines Spaziergangs, bei einer Tasse Tee in der Küche oder mit einem ehrlichen "Ich möchte dich verstehen, kannst du mir helfen?"

Mitgefühl auch mit den Erschöpften

Weihnachten ist für viele Menschen anstrengend, nicht nur für queere Jugendliche und junge Erwachsene. Eltern pendeln zwischen beruflichen Verpflichtungen, psychischer Gesundheit, organisatorischen Belastungen und ihren eigenen ungeklärten Problemen. Oft merkt niemand, dass Kinder und Jugendliche die Stimmungen der Erwachsenen mittragen.

Das bedeutet auch ehrlich zu beobachten, wo Überforderung besteht. Wer muss ständig diejenige Person sein, die Stärke zeigt? Wer funktioniert lediglich noch? Wer zieht sich durch die Adventszeit, da alle anderen etwas erwarten?

Mitgefühl kann bedeuten, Aufgaben absichtlich kleiner zu gestalten. Den idealen Braten durch eine weniger komplizierte Speise auszutauschen. "Wir müssen jetzt mal alle nett sein" durch ein "Wir dürfen heute alle so sein, wie wir uns fühlen" zu ersetzen. Es sollte auch deutlich ausgesprochen werden, wenn es besser ist, manche Gespräche der Feiertage auf später zu verschieben, damit niemand am Ende mit seinen Gefühlen allein dasteht.

Advent als Lernzeit

Ein anderer Blick auf diese Wochen könnte vielleicht hilfreich sein: Sie sind nicht eine Prüfung, die man bestehen oder grandios verpatzen kann, sondern Lernzeit. Am Heiligabend ist niemand plötzlich ein Meister oder eine Meisterin des Mitgefühls. Doch jede kleine bewusste Reaktion, jedes "Ich nehme mir kurz Zeit zum Atmen, bevor ich antworte" und jede korrigierte Formulierung beweisen den Willen zum Lernen.

Der Advent ist die Zeit des Wartens. Vielleicht auch darauf, dass Beziehungen wieder entstehen dürfen. Dass Väter und Mütter lernen, ihr Kind aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Dass Brüder und Schwestern erkennen, wie wichtig ihre Unterstützung ist. Dass Familien sich verändern und vergrößern, anstatt nur enger zusammenzurücken.

Mitgefühl mag sanft erscheinen, aber es schenkt viel Kraft. Mitgefühl bewahrt, solidarisiert und kreiert Umfelder, in denen Menschen nicht nur trotz ihrer Biografie, sondern gerade mit dieser präsent sein dürfen.

Vielleicht handelt es sich bei dieser Frage letztlich um die wahre Adventsfrage: Welches Licht wollen wir entzünden? Eine Sache, die nur strahlt, wenn alle Rollen passen und jeder so ist wie früher? Oder eines, das gerade dann warm bleibt, wenn vieles anders verläuft als gedacht?

Möge der vierte Advent eine kleine Übungsarena dafür sein, wie wir uns selbst und anderen in schwierigen Zeiten begegnen. Und mögen genügend Mitgefühl und Verständnis im Raum vorhanden sein, damit all diejenigen, die sich verändern, dennoch sagen können: Hier ist mein Platz.

Eure, Lizbeth

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