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Zwischen Angst und Hoffnung: Was Mecklenburg-Vorpommern und Berlin über Deutschland erzählen

Autorenbild: Lizbeth
Lizbeth
vor 15 Minuten
11 Min. Lesezeit
Stimmzettel eine Wahl
Stimmzettel

Letzten Sonntag hat Deutschland zwei sehr unterschiedliche Antworten gegeben.

In Mecklenburg-Vorpommern wurde die AfD stärkste Kraft. In Berlin gewann die Linke. In Schwerin dominierte am Wahlabend die Angst vor dem nächsten großen Schritt der extremen Rechten. In Berlin entstand dagegen etwas, das ich nach den vergangenen Wochen beinahe nicht mehr erwartet hatte: Hoffnung.

Keine unbeschwerte Hoffnung. Keine Entwarnung. Aber der sichtbare Beweis, dass Wut, Unsicherheit und der Wunsch nach Veränderung nicht zwangsläufig bei der AfD landen müssen.

Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hatte ich geschrieben, wie sehr mir die politische Entwicklung in Deutschland Angst macht. Zwei Wochen später ist diese Angst nicht kleiner geworden. Die AfD hat nun auch Mecklenburg-Vorpommern gewonnen. Gleichzeitig zeigt Berlin, dass eine andere Antwort möglich ist.

Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Wahlsonntags.

Mecklenburg-Vorpommern: Die AfD gewinnt, aber sie regiert nicht

Das Ergebnis aus Mecklenburg-Vorpommern ist erschreckend deutlich. Die AfD kommt auf 38,2 Prozent. 2021 waren es 16,7 Prozent. Innerhalb von fünf Jahren hat sie ihr Ergebnis damit mehr als verdoppelt. Die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig erreicht 35,5 Prozent. Dahinter folgen die Linke mit 6,5 und die Grünen mit 5,7 Prozent. Die CDU scheitert mit 4,9 Prozent an der Fünfprozenthürde, das BSW mit 4,8 Prozent ebenfalls. Die FDP fällt auf 1,0 Prozent. Die Wahlbeteiligung steigt von 70,8 auf 78,1 Prozent. [1]

Der neue Landtag hat 71 Sitze. Die AfD erhält 32, die SPD 29, die Linke und die Grünen jeweils fünf. Für eine absolute Mehrheit sind 36 Stimmen erforderlich. [1]

Auch die Wahlkreiskarte hat sich dramatisch verändert. Die AfD gewann 22 der 36 Direktmandate. 2021 hatte sie ein einziges gewonnen. Die SPD fiel von 34 auf 14 Direktmandate. Die CDU verlor auch ihr bislang einziges Direktmandat. [2]

Das ist kein Protest, welcher nur am Rand der Gesellschaft stattfindet. Das ist eine Partei, die fast vier von zehn gültigen Zweitstimmen erhalten hat. Sie ist tief in das Land vorgedrungen und hat in zahlreichen Wahlkreisen Mehrheiten gewonnen, in welchen sie vor fünf Jahren noch weit zurücklag.

Als trans Frau kann ich dieses Ergebnis nicht wie eine gewöhnliche Verschiebung zwischen Parteien betrachten. Für mich geht es bei der AfD nicht nur um Steuern, Energiepreise oder Verwaltungsreformen. Es geht um eine politische Kraft, deren Wahlprogramm in Mecklenburg-Vorpommern unter anderem Verbote von Regenbogenflaggen, geschlechtergerechter Sprache und Pubertätsblockern sowie die Abschaffung des Selbstbestimmungsgesetzes fordert. [20]

Deshalb löst ein solches Ergebnis bei mir keine abstrakte Sorge aus. Es macht mir Angst.

Und trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied zu Sachsen-Anhalt: In Mecklenburg-Vorpommern existiert eine politisch realistische demokratische Mehrheit.

SPD, Linke und Grüne verfügen gemeinsam über 39 Sitze. Das sind drei mehr als für die absolute Mehrheit notwendig. Die bisherige rot-rote Regierung allein kommt nur noch auf 34 Mandate, könnte aber durch die Grünen erweitert werden. Die SPD hat angekündigt, Gespräche mit beiden Parteien aufzunehmen. Die Grünen zeigen sich dazu bereit. Die Linke signalisiert ebenfalls Gesprächsbereitschaft, macht aber deutlich, dass es kein einfaches Weiter-so geben werde. [3]

Manuela Schwesig hat damit sehr gute Chancen, Ministerpräsidentin zu bleiben, obwohl die SPD die Wahl verloren hat. Das ist kein Missachten des Wahlergebnisses. In einer parlamentarischen Demokratie regiert nicht automatisch die stärkste Partei. Es regiert, wer eine Mehrheit im Parlament organisieren kann.

Die AfD hat die Wahl gewonnen. Sie besitzt aber keine Mehrheit und keine Partnerin. Selbst ihr Kandidat Leif-Erik Holm rechnet inzwischen mit einer Regierung aus SPD, Linken und Grünen. [3]

Das erleichtert mich. Beruhigen kann es mich nicht.

Mit 32 von 71 Sitzen verfügt die AfD über deutlich mehr als ein Drittel der Mandate. Für Entscheidungen, die eine Zweidrittelmehrheit verlangen, wären 48 Stimmen notwendig. Die übrigen drei Fraktionen kommen zusammen nur auf 39. Die AfD besitzt damit eine Sperrminorität. Sie kann zwar nicht allein regieren, aber sie kann Entscheidungen blockieren, für welche die Landesverfassung eine Zweidrittelmehrheit verlangt.

Hinzu kommt eine ungewöhnliche parlamentarische Situation. Bilden SPD, Linke und Grüne tatsächlich eine gemeinsame Regierung, wäre die AfD die einzige Oppositionsfraktion. Sie könnte jede Auseinandersetzung als Kampf gegen ein geschlossenes politisches Lager inszenieren. Das macht die Koalition nicht undemokratisch. Es bedeutet aber, dass sie besonders transparent, streitfähig und selbstkritisch regieren müsste.

Eine Regierung, die sich nur als Bollwerk gegen die AfD versteht, wird nicht reichen. Sie muss beweisen, dass demokratische Politik den Alltag der Menschen tatsächlich verbessern kann. Sonst könnte die AfD in fünf Jahren noch stärker sein.

Berlin zeigt, dass Unzufriedenheit auch anders beantwortet werden kann

Während mich das Ergebnis aus Mecklenburg-Vorpommern erschreckt, empfinde ich Berlin als Hoffnungsschimmer.

Die Linke gewinnt die Wahl mit 25,7 Prozent. 2023 waren es nur 12,2 Prozent. Sie hat ihr Ergebnis mehr als verdoppelt und erzielt ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Berliner Abgeordnetenhauswahl. Die CDU fällt von 28,2 auf 18,8 Prozent. Die AfD steigt von 9,1 auf 16,3 Prozent. Die Grünen erreichen 14,3 und die SPD 12,1 Prozent. BSW und FDP scheitern mit 4,7 und 2,5 Prozent am Einzug. Die Wahlbeteiligung steigt um 11,3 Punkte auf 74,2 Prozent. [4, 5]

Im neuen Abgeordnetenhaus erhält die Linke 47 Sitze, die CDU 34, die AfD 29, die Grünen 26 und die SPD 22. Für eine Mehrheit werden 80 der insgesamt 158 Sitze benötigt. [6]

Linke, Grüne und SPD kommen gemeinsam auf 95 Mandate. Das ist keine Mehrheit, die von einer einzelnen Stimme oder einem zufälligen Überhangmandat abhängt. Es ist eine komfortable politische Mehrheit von 15 Sitzen.

Elif Eralp könnte damit als erste Politikerin der Linken Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Sie will mit Grünen und SPD über eine gemeinsame Regierung sprechen. Auch die Berliner Grünen streben dieses Bündnis ausdrücklich an. [5, 7]

Natürlich werden diese Gespräche nicht einfach. Besonders die von der Linken geforderte Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne kann zum Konflikt mit der SPD werden. Die Grünen verlangen von der Linken außerdem eine eindeutige Haltung gegen Antisemitismus. [5]

Aber politische Unterschiede sind kein Argument gegen Koalitionsverhandlungen. Sie sind der Grund, weshalb Koalitionsverhandlungen notwendig sind.

Der Hoffnungsschimmer besteht für mich auch nicht darin, dass in Berlin plötzlich alle Probleme verschwunden wären. Die AfD hat deutlich zugelegt. 16,3 Prozent sind kein beruhigendes Ergebnis. Wer aus diesem Wahlabend eine einfache Geschichte vom weltoffenen Berlin erzählen will, welches der extremen Rechten eine klare Absage erteilt habe, macht es sich zu leicht.

Entscheidend ist etwas anderes: Die AfD konnte den Protest nicht für sich allein beanspruchen.

Die Linke gewann nach der Wählerwanderungsanalyse von Infratest dimap netto rund 75.000 Stimmen aus dem bisherigen Nichtwählerlager. Hinzu kamen rund 57.000 Stimmen von den Grünen, 39.000 von der SPD und 16.000 von der CDU. Diese Zahlen sind Schätzungen auf Grundlage amtlicher Statistik und repräsentativer Befragungen, keine individuelle Nachverfolgung von Stimmen. Sie zeigen aber, wie breit die Partei mobilisieren konnte. [8]

Besonders stark war sie bei jungen Menschen. 43 Prozent der Wählerinnen und Wähler unter 25 Jahren entschieden sich laut Nachwahlbefragung für die Linke. Gegenüber 2023 ist das ein Zuwachs von 25 Prozentpunkten. [9]

Das macht mir Hoffnung, weil es einer Erzählung widerspricht, die in Deutschland immer mächtiger wird. Junge Menschen sind nicht zwangsläufig für die Demokratie verloren. Nicht jede Enttäuschung führt nach rechts. Nicht jede Wut sucht nach Schwächeren, auf welche sie treten kann.

In Berlin wurde Unzufriedenheit mit einer sozialen Antwort verbunden. Bezahlbare Wohnungen, Schutz vor Verdrängung und die Frage, ob Menschen sich ihre eigene Stadt noch leisten können, standen im Zentrum des Wahlkampfs von Elif Eralp. Man muss nicht jede Forderung der Linken teilen, um anzuerkennen, dass hier konkrete Alltagssorgen politisch aufgegriffen wurden. [9]

Vielleicht liegt darin die eigentliche Botschaft von Berlin: Die AfD wird nicht dadurch kleiner, dass demokratische Parteien ihre Sprache übernehmen. Sie wird kleiner, wenn andere Parteien glaubwürdig zeigen, dass Veränderung auch solidarisch, demokratisch und menschlich möglich ist.

Drei Wahlen, drei Abstürze der CDU

Zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin liegt noch eine dritte Wahl. Am 6. September gewann die AfD Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent. Die CDU stürzte dort von 37,1 auf 17,2 Prozent ab. Sie verlor 25 ihrer 40 Sitze und gewann kein einziges Direktmandat mehr. 2021 hatte sie noch 40 von 41 Wahlkreisen direkt gewonnen. 2026 gingen 38 Direktmandate an die AfD und drei an die Linke. [10, 11]

Die Bilanz der CDU innerhalb von zwei Wochen ist verheerend:

Land

vorheriges Ergebnis

Ergebnis 2026

Veränderung

Sitze vorher

Sitze 2026

Sachsen-Anhalt

37,1 %

17,2 %

-19,9 Punkte

40

15

Mecklenburg-Vorpommern

13,3 %

4,9 %

-8,4 Punkte

12

0

Berlin

28,2 %

18,8 %

-9,5 Punkte

52

34

In allen drei Ländern bleibt die CDU unter 20 Prozent. In Sachsen-Anhalt wurde sie mehr als halbiert. In Mecklenburg-Vorpommern verschwindet sie erstmals aus einem Landesparlament. In Berlin verliert sie voraussichtlich das Rote Rathaus.

Damit ist die AfD nun in drei ostdeutschen Flächenländern stärkste Kraft bei einer Landtagswahl geworden: nach Thüringen 2024 nun auch in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Was 2024 noch als Ausreißer eines einzelnen Bundeslands diskutiert wurde, liest sich zwei Jahre später wie ein Muster.

Es wäre zu einfach, Friedrich Merz für jede einzelne Niederlage allein verantwortlich zu machen. In Sachsen-Anhalt fehlte nach dem Rückzug Reiner Haseloffs dessen erheblicher Amtsbonus. In Mecklenburg-Vorpommern wurde die CDU im stark personalisierten Duell zwischen Manuela Schwesig und der AfD aufgerieben. In Berlin belasteten die Krise um Kai Wegner und der späte Wechsel zu Stefan Evers den Wahlkampf. [3, 5]

Aber drei derart schwere Einbrüche in so unterschiedlichen Ländern lassen sich auch nicht mehr als voneinander unabhängige Betriebsunfälle behandeln.

Die Bundespolitik hat der CDU keinen Rückenwind gegeben. Das räumte Merz am Wahlabend selbst ein. [12] Im ARD-Deutschlandtrend von Anfang September lag die Union bundesweit bei 21 Prozent, die AfD bei 27 Prozent. Nur 13 Prozent der Befragten waren mit der Arbeit des Bundeskanzlers zufrieden. 84 Prozent waren mit der Arbeit der Bundesregierung unzufrieden. [13]

Das ist der bundespolitische Hintergrund, vor welchem die drei Wahlniederlagen stehen.

Durchhalten ohne Rückhalt

Friedrich Merz trat ungewöhnlich früh am Wahlabend vor die Kameras. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht sicher, ob die CDU in Mecklenburg-Vorpommern die Fünfprozenthürde überspringen würde. Er nannte das dortige Abschneiden ein "Desaster", schloss persönliche Konsequenzen jedoch aus und bekräftigte seinen Reformkurs. Was nun zu tun sei, erfordere "Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld", erklärte er. Diese Eigenschaften werde er als Parteivorsitzender und Bundeskanzler aufbringen. [12, 14]

Genau hier liegt für mich das Problem.

Merz beschreibt Verantwortung als die Bereitschaft, trotz Widerstands weiterzumachen. Seine Kritikerinnen und Kritiker verstehen Verantwortung dagegen als Bereitschaft, aus einem sichtbaren Scheitern Konsequenzen zu ziehen.

Was er Standhaftigkeit nennt, wirkt zunehmend wie die Weigerung, die Wirkung der eigenen Politik anzuerkennen.

Natürlich beweist eine empörte Kommentarspalte nichts über die Haltung eines ganzen Landes. Auch anonyme Aussagen aus einer Bundestagsfraktion sind keine organisierte Revolte. Als Stimmungsbild sind die Reaktionen dennoch interessant, gerade weil sich dieselben Motive an so vielen Stellen wiederholen.

Unter dem auf Instagram veröffentlichten Mitschnitt seiner Ansprache sammelten sich zahlreiche Rücktrittsforderungen und Vorwürfe des Realitätsverlusts. Das Nachrichtenportal news.de wertete diese Reaktionen aus. Sie sind nicht repräsentativ, zeigen aber, wie weit Merz' Selbstbild als entschlossener Reformer und seine öffentliche Wahrnehmung auseinanderliegen. [15]

FOCUS online berichtet unter Berufung auf Gespräche mit CDU-Abgeordneten, Insidern und Kommunalpolitikern von Ratlosigkeit, Wut und einer "Schockstarre" in Teilen der Partei. Ein namentlich zitierter Berliner CDU-Politiker formulierte den für Merz wohl bittersten Vorwurf: Er sei angetreten, um die AfD zu halbieren. Tatsächlich habe er die CDU halbiert. Andere Gesprächspartner konnten zwar erklären, weshalb es so nicht weitergehen könne, aber nicht, wie eine personelle Alternative aussehen sollte. [16]

Das beschreibt die gegenwärtige Lage präzise: Friedrich Merz besitzt noch sein Amt. Ob er noch den Rückhalt besitzt, den dieses Amt braucht, ist eine andere Frage.

Ein Kanzler muss nicht gestürzt werden, um Macht zu verlieren. Machtverlust beginnt früher. Er beginnt, wenn Durchhalteparolen nicht mehr als Führung verstanden werden. Wenn Parteifreunde nur noch anonym sprechen. Wenn öffentliche Unterstützung demonstrativ organisiert werden muss. Wenn nach historischen Niederlagen niemand überzeugend erklären kann, weshalb ausgerechnet ein unveränderter Kurs die Lage verbessern soll.

Kurzfristig rechne ich trotzdem nicht mit einem Rücktritt. Landtagswahlen entfernen keinen Bundeskanzler aus dem Amt. Innerhalb der Union gibt es bislang keine erkennbare Mehrheit für eine Ablösung und keine Person, die offen gegen Merz antritt. Auch internationale Beobachter sehen wachsenden Druck, aber noch keine organisierte Herausforderung seiner Führung. [17]

Mittelfristig können die Folgen erheblich sein.

Merz wird bei seinen Reformvorhaben stärker auf Widerstand in der eigenen Fraktion treffen. Die SPD dürfte nach ihren eigenen Verlusten noch weniger bereit sein, unpopuläre soziale Einschnitte mitzutragen. Die Auseinandersetzung über den künftigen Umgang mit der AfD wird in der Union schärfer werden. Ein Teil wird eine weitere Verschiebung nach rechts verlangen. Ein anderer wird darauf hinweisen, dass genau dieser Versuch die AfD bislang nicht geschwächt hat.

Die Wählerwanderungen stützen diese zweite Warnung. In Mecklenburg-Vorpommern verlor die CDU netto rund 32.000 Stimmen an die AfD. In Berlin waren es rund 60.000. Wer Positionen und Sprache der AfD übernimmt, holt ihre Wählerinnen und Wähler nicht automatisch zurück. Häufig bestätigt er ihnen nur, dass das Original mit seiner Problembeschreibung recht gehabt habe. [18, 19]

Für die schwarz-rote Bundesregierung wird das Regieren dadurch nicht leichter. Die SPD kann auf Manuela Schwesig verweisen, die im Wahlkampf Distanz zur Bundesregierung herstellte und wesentlich stärker abschnitt als ihre Partei in Berlin. [21] Für sie entsteht ein Anreiz, gegenüber Merz mehr Distanz zu zeigen. Für die CDU entsteht gleichzeitig der Druck, in der Koalition sichtbarer eigene Forderungen durchzusetzen.

Aus einer ohnehin schwierigen Koalition könnte eine Regierung werden, in welcher beide Partner glauben, nur durch Abgrenzung voneinander überleben zu können.

Die falsche Antwort auf die AfD

Friedrich Merz wollte die AfD halbieren. Stattdessen ist sie bundesweit stärker geworden und hat innerhalb von zwei Wochen zwei Landtagswahlen gewonnen.

Das bedeutet nicht, dass jede politische Entscheidung der vergangenen Jahre falsch war oder dass ein anderer CDU-Vorsitzender die Entwicklung einfach hätte verhindern können. Die Ursachen des AfD-Aufstiegs sind tiefer. Wirtschaftliche Unsicherheit, mangelndes Vertrauen in Institutionen, ungelöste Infrastrukturprobleme, die Folgen gesellschaftlicher Umbrüche und eine professionelle rechtsextreme Mobilisierung lassen sich nicht einer einzigen Person zuschreiben.

Aber Merz muss sich an seinem eigenen Anspruch messen lassen.

Die Strategie, der AfD durch eine härtere Sprache, einen Kulturkampf gegen progressive Politik und die Übernahme einzelner rechter Deutungen Stimmen abzunehmen, ist erkennbar gescheitert. Sie hat die AfD nicht entzaubert. Sie hat viele ihrer Themen normalisiert.

Wenn selbst demokratische Parteien Migration fast nur noch als Bedrohung beschreiben, wenn geschlechtliche Vielfalt zur angeblichen Zumutung erklärt wird und wenn soziale Unsicherheit vor allem mit Strenge gegen andere beantwortet wird, verschiebt sich der gesamte politische Raum. Die AfD muss dann nicht einmal jede Debatte gewinnen. Es genügt, dass ihre Sicht auf die Welt zum Ausgangspunkt der Debatte wird.

Berlin zeigt eine andere Möglichkeit.

Dort gewann nicht die Partei, welche am lautesten gegen Minderheiten sprach. Es gewann eine Partei, die Mieten, Verdrängung und soziale Sicherheit in den Mittelpunkt stellte. Die Linke mobilisierte junge Menschen und bisherige Nichtwählerinnen und Nichtwähler. Sie bot Unzufriedenen ein Versprechen auf Veränderung an, das nicht auf Ausgrenzung beruhte.

Das ist kein Beweis dafür, dass linke Politik überall automatisch die AfD besiegt. Berlin ist nicht Mecklenburg-Vorpommern und nicht Sachsen-Anhalt. Die sozialen Strukturen, politischen Traditionen und konkreten Probleme unterscheiden sich erheblich.

Aber Berlin widerlegt die Behauptung, jede radikale Unzufriedenheit müsse zwangsläufig nach rechts führen.

Meine Angst bleibt. Aber sie steht nicht mehr allein.

Das Ergebnis aus Mecklenburg-Vorpommern macht mir Angst. Fast vier von zehn Stimmen für die AfD lassen sich nicht verharmlosen. Dass die Partei wahrscheinlich nicht regieren wird, ändert nichts daran, wie tief sie inzwischen in der Gesellschaft verankert ist.

Als trans Frau weiß ich, dass politische Verschiebungen irgendwann im Alltag ankommen. Sie verändern die Sprache, in welcher über uns gesprochen wird. Sie verändern, ob Menschen widersprechen, wenn wir beleidigt werden. Sie verändern Förderprogramme, Bildung, Polizei und den Schutz gesellschaftlicher Räume. Und irgendwann verändern sie vielleicht Gesetze.

Deshalb kann ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Aber Berlin gibt mir einen kleinen Teil jener Hoffnung zurück, die Sachsen-Anhalt mir genommen hat.

Nicht weil die AfD dort schwach wäre. Nicht weil eine linke Regierung automatisch alle Probleme lösen würde. Sondern weil Berlin gezeigt hat, dass politische Mobilisierung auch anders funktionieren kann. Solidarität kann Menschen erreichen. Soziale Sicherheit kann ein kraftvolles Thema sein. Junge Menschen können sich für eine demokratische Veränderung entscheiden. Nichtwählerinnen und Nichtwähler können zurückgewonnen werden. In Mecklenburg-Vorpommern wie in Berlin stehen die eigentlichen Koalitionsverhandlungen allerdings noch aus. Beide Bündnisse müssen erst beweisen, dass sie tragfähig sind.

Die beiden Wahlen erzählen deshalb nicht die Geschichte zweier verschiedener Deutschlands. Sie zeigen zwei mögliche Antworten auf dieselbe Verunsicherung.

In Mecklenburg-Vorpommern bündelte die AfD Wut, Enttäuschung und Protest. In Berlin gelang es der Linken, Unzufriedenheit mit einem sozialen und demokratischen Angebot zu verbinden.

Die AfD ist nicht unbesiegbar. Aber sie wird nicht durch Kopieren besiegt.

Sie wird nur dann zurückgedrängt, wenn demokratische Politik wieder glaubwürdig vermittelt, dass Zukunft mehr sein kann als Angst, Härte und die Suche nach Sündenböcken.

Das ist der Hoffnungsschimmer aus Berlin.

Er ist klein. Er ist verletzlich. Aber nach diesen Wochen ist er viel zu kostbar, um ihn zu übersehen.

Eure, Lizbeth

Quellen

  1. Wahlrecht.de unter Verwendung der Daten der Landeswahlleitung: Landtagswahl 2026 in Mecklenburg-Vorpommern, vorläufiges Ergebnis und Sitzverteilung

  2. NDR: AfD gewinnt Direktmandate in 22 der 36 Wahlkreise

  3. NDR: SPD will mit Linken und Grünen sprechen, AfD außen vor

  4. Landeswahlleitung Berlin: Vorläufiges Ergebnis der Wahl zum 20. Abgeordnetenhaus

  5. Tagesschau: Linke ist klare Gewinnerin der Berlin-Wahl

  6. WELT/dpa: Evers erklärt die Berliner CDU für gesprächsbereit, Sitzverteilung und mögliche Mehrheiten

  7. rbb24: Eralp rechnet mit Sondierungen mit Grünen und SPD

  8. Tagesschau/Infratest dimap: Wählerwanderung der Linken in Berlin

  9. rbb24: Linke punktet bei Jüngeren und Erstwählern

  10. Landeswahlleitung Sachsen-Anhalt: Vorläufiges Landesergebnis der Landtagswahl 2026

  11. MDR: CDU gewinnt kein Direktmandat, 2021 waren es 40 von 41

  12. Reuters: Erosion der politischen Mitte und wachsender Druck auf Friedrich Merz

  13. WDR/Infratest dimap: ARD-Deutschlandtrend September 2026

  14. AFP: Merz will trotz Wahldebakels am Reformkurs festhalten

  15. news.de: Reaktionen auf den Auftritt von Friedrich Merz am Wahlabend

  16. FOCUS online: Panik und Ratlosigkeit in der CDU

  17. Associated Press: Druck auf Merz, aber noch keine offene Herausforderung seiner Führung

  18. Tagesschau/Infratest dimap: Wählerwanderung der CDU in Mecklenburg-Vorpommern

  19. Tagesschau/Infratest dimap: Wählerwanderung der CDU in Berlin

  20. queer.de: So queerfeindlich ist das Regierungsprogramm der AfD Mecklenburg-Vorpommern sowie NDR: AfD-Wahlprogramm mit völkisch-nationalistischem Grundton

  21. Reuters: Merz unter Druck vor der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern

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