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Mehr als zwei: Die Vielfalt des Geschlechts

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • 7. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit
Darstellung der DNA
Genetik bringt viele Variationen in unsere Welt

Von der Natur zur menschlichen Erfahrung

In der Natur ist Vielfalt die Regel, nicht die Ausnahme. Das gilt auch für das, was wir "Geschlecht" nennen. Während viele Menschen glauben, Biologie kenne nur männlich oder weiblich, zeigen frei verfügbare Studien und Datenbanken: Geschlecht ist ein breites Spektrum von genetischen, hormonellen und entwicklungsbiologischen Prozessen. Wer glaubt, Vielfalt sei "unnatürlich", hat die Natur nie wirklich betrachtet. Wer das glaubt, hat seinen Horizont nie über Grundstufenstunden der Biologie hinaus erweitert.

Das Spektrum der Geschlechter in der Natur

Insekten sind ein Paradebeispiel für die Kreativität der Evolution. Manche Arten folgen dem bekannten XY-Schema, andere dagegen nicht. Bei vielen Heuschrecken, Kakerlaken oder Wanzen sind Männchen XO, sie besitzen also nur ein X-Chromosom, während Weibchen XX sind.

Die frei zugängliche Datenbank InSexBase, herausgegeben von der Chinese Academy of Sciences, dokumentiert die Vielfalt solcher Systeme: Sie enthält Daten zu über 40 Insektenarten mit X-, Z-, W- oder gemischten Geschlechtschromosomen. Diese Ressource zeigt, wie variabel Geschlechtsdetermination selbst innerhalb einer Tierklasse sein kann (siehe InSexBase: Oxford Database).

Ein weiterer frei zugänglicher Übersichtsartikel fasst die evolutionäre Vielfalt der Insekten-Geschlechtsbestimmungssysteme zusammen. Dieser erklärt, warum sich selbst bei nah verwandten Arten unterschiedliche genetische Lösungen entwickelt haben können (siehe Tree of Sex Consortium, PMC Open Access).

Diese Befunde machen deutlich: Selbst in Gruppen, die wir als "einheitlich" ansehen, ist Geschlecht kein statisches, sondern ein sehr dynamisches Prinzip.

Noch komplexer wird es bei Reptilien. Schildkröten und Krokodile entscheiden über ihr Geschlecht nicht per Gen, sondern per Temperatur. In einem engen Bereich der Nestwärme entwickeln sich Weibchen, daneben Männchen, ein Mechanismus, der als temperature-dependent sex determination (TSD) bekannt ist (siehe National Library of Medicine: Temperature-dependent sex determination in reptiles: proximate mechanisms, ultimate outcomes, and practical applications).

Auch Fortpflanzungsrollen und -taktiken sind vielfältig. Bestimmte Plattwürmer sind simultan zwittrig und betreiben "penis fencing": Individuen versuchen, einander traumatisch zu inseminieren. Der unterliegende übernimmt die Eirole, drastisch formuliert, aber verhaltensbiologisch belegt (leider habe ich hierfür keine wissenschaftlichen Quellen gefunden). Riff­fische wie z.B.: Clownfische oder viele Lippfische wechseln ihr Geschlecht abhängig von der Sozialstruktur (siehe Uni Augsburg: The Strange Sex Lives of Reef Fish).

Und dann sind da noch die Pilze: Manche Arten haben nicht zwei, sondern tausende verschiedene "Paarungstypen", genetische Kombinationen, die nur mit bestimmten anderen kompatibel sind (siehe Annual Reviews: Diversity and Convergence of Sex-Determination Mechanisms in Teleost Fish).

Menschen: Wenn Biologie komplexer ist als Chromosomen

Auch beim Menschen gibt es dokumentierte, biologisch erklärbare Varianten der Geschlechtsentwicklung und viele davon sind frei einsehbar beschrieben. Für die ersten zwei habe ich frei zugängliche, wissenschaftliche Quellen ausmachen können, die weiteren basieren auf Wikipedia.

5-α-Reduktase-2-Mangel (SRD5A2)

Menschen mit XY-Chromosomensatz, aber einer Mutation im SRD5A2-Gen, können äußerlich weiblich erscheinen. Erst in der Pubertät führt der steigende Testosteronspiegel zu einer Vermännlichung (siehe Wikipedia: Virilisierung). Eine umfassende, frei zugängliche Studie im New England Journal of Medicine beschreibt diesen Mechanismus auf genetischer Ebene (siehe: Imperato-McGinley et al., 1992, NEJM).

Zusätzlich belegt ein offener Fallbericht auf PubMed Central, dass selbst Geschwister mit demselben Gendefekt unterschiedlich ausgeprägte Erscheinungsbilder entwickeln können (siehe: PMC 8173944).

Androgeninsensitivität (AIS)

Beim sogenannten Androgeninsensitivitätssyndrom (AIS) reagieren Körperzellen nicht oder nur teilweise auf Testosteron. Eine Open-Access-Übersicht beschreibt die genetischen Grundlagen und die klinische Vielfalt dieser Störung (siehe: Hughes & Mellis, 2021, PMC 10118986).

Ein weiterer frei zugänglicher Artikel in MDPI – International Journal of Molecular Sciences beleuchtet die molekularen Mechanismen hinter dem kompletten AIS und diskutiert therapeutische Ansätze (siehe: Liu et al., 2021, MDPI).

Auch eine aktuelle Fallstudie aus BMC Medical Case Reports (2025) zeigt die klinische Realität dieser genetischen Varianz am Beispiel eineiiger Zwillingsschwestern (siehe: BMC Medical Case Reports 2025).

Diese Beispiele zeigen: Selbst ein Y-Chromosom ist keine Garantie für einen männlichen Körper.

Die Lehre daraus: Geschlecht ist keine Schublade, sondern ein Prozess. Evolution nutzt unzählige Wege, um Fortpflanzung zu organisieren. Diese können mindestens genetisch, hormonell, sozial oder ökologisch sein.

Swyer-Syndrom

Beim sogenannten Swyer-Syndrom liegt ein 46,XY-Chromosomensatz vor, doch das SRY-Gen auf dem Y-Chromosom, das normalerweise die Entwicklung der Hoden einleitet, ist defekt bzw. inaktiv. Dadurch bleiben die Gonaden als sogenannte Streak-Gonaden funktionslos, und die Betroffenen entwickeln sich äußerlich weiblich.

Da keine funktionsfähigen Hoden entstehen, wird kaum Testosteron gebildet, wodurch sich weibliche innere und äußere Geschlechtsmerkmale ausbilden, obwohl genetisch ein Y-Chromosom vorhanden ist. Die Diagnose wird meist in der Jugend gestellt, wenn keine Pubertätsentwicklung eintritt (siehe Wikipedia: Swyer-Syndrom)

46,XX Testikuläre DSD

Hier geschieht das Gegenteil: Das eigentlich männlichkeitsbestimmende SRY-Gen wird irrtümlich auf ein X-Chromosom übertragen. Dadurch kann sich ein männlicher Körper entwickeln, obwohl kein Y-Chromosom vorhanden ist.

Diese Personen haben also den 46,XX-Karyotyp, entwickeln aber Hoden und ein männliches Erscheinungsbild. Häufig fällt das erst bei unerfülltem Kinderwunsch oder genetischen Tests auf, da die Betroffenen meist infertil sind.(siehe Wikipedia: XX male syndrome)

Klinefelter-Syndrom

Beim Klinefelter-Syndrom tragen Betroffene ein zusätzliches X-Chromosom (47,XXY). Der Phänotyp ist männlich, aber der zusätzliche Chromosomensatz beeinflusst Hormonhaushalt und Keimdrüsenentwicklung. Typisch sind kleinere Hoden, verminderte Testosteronproduktion, eingeschränkte Fruchtbarkeit und in manchen Fällen Lernschwierigkeiten oder höhere Körpergröße.

Viele Männer mit Klinefelter-Syndrom bleiben unerkannt, da die Symptome sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. Die Behandlung besteht meist in einer Testosteron-Substitution, die körperliche und psychische Gesundheit unterstützt. (siehe Wikipedia: Klinefelter-Syndrom)

Turner-Syndrom

Das Turner-Syndrom betrifft Personen, die nur ein X-Chromosom besitzen (45,X oder 45,X0). Sie entwickeln sich phänotypisch weiblich, da das Y-Chromosom fehlt, jedoch meist mit unvollständiger Entwicklung der Eierstöcke und ausbleibender Pubertät. Häufige Symptome sind ein kleine Körpergröße, ein breiter Hals, Herz- oder Nierenanomalien und Unfruchtbarkeit.

Mit moderner medizinischer Betreuung, Hormontherapie und frühzeitiger Diagnose können Betroffene jedoch ein normales Leben führen. (siehe Wikipedia: Turner-Syndrom)

Was bedeutet das jetzt

Wenn bereits einfache Insekten und komplexe Wirbeltiere unzählige Wege zur Geschlechtsentwicklung kennen, überrascht es kaum, dass auch der Mensch Varianten aufweist. Chromosomen, Hormone, Enzyme und Rezeptoren greifen wie Zahnräder ineinander, und kleine Veränderungen können ganze Entwicklungsverläufe verschieben.

Diese Erkenntnisse machen eines klar: Geschlecht ist kein Schwarz-Weiß-Muster, sondern ein breites und interessantes biologisches Spektrum.

Und genau deshalb ist es wissenschaftlich unsinnig, die Existenz von Trans- und Intersex-Menschen als "unbiologisch" abzutun. Gender Dysphoria, das Leiden, wenn Körper und Identität nicht übereinstimmen, ist kein ideologisches Konstrukt, sondern eine dokumentierte Realität, eingebettet in das, was die Biologie längst kennt: Vielfalt!

Eure, Lizbeth

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