2025: kein Neuanfang, sondern Weitergehen
- Lizbeth

- vor 12 Minuten
- 4 Min. Lesezeit

Man gerät zum Jahreswechsel schnell in die Versuchung, große Worte zu finden. Neuer Anfang, Neustart, neues Selbst. Ich habe einen etwas anderen Rückblick im Kopf. In diesem Jahr gab es keinen Reset. Es war ein kontinuierliches Weitergehen. Mit Humor, mit Lernkurven und in Augenblicken, welche ich mir vor einigen Jahren noch nicht zugetraut hätte. Hoffnung ist nicht Naivität; sie ist eine Haltung. In Zeiten, in denen rechtspopulistische Parolen immer lauter werden, ist es ein leiser Akt der Selbstbehauptung, sich nicht aus dem eigenen Rhythmus drängen zu lassen.
Stete Entwicklung, kein Neustart
Blicke ich zurück auf das Jahr 2025, so erblicke ich keine großen Veränderungen, sondern vielmehr eine behutsame Entwicklung in kleinen und großen Schritten.
Der große Schritt: mein Name. Zuerst "inoffiziell": Im Alltag, in E-Mails, in Nachrichten. Dann offiziell, inklusive Behördengängen mit Formularen und Anträgen und natürlich Gebühren. Ohne meinen alten Namen zu verteufeln, habe ich mich von ihm verabschiedet. Er ist und bleibt ein wichtiger Teil meiner Geschichte. Aber heute passt der nicht mehr zu mir. Heute trage ich glücklich meinen neuen Namen. Und das fühlt sich richtig an. Das Beste daran ist die positive Resonanz von allen Seiten. Eine große Portion Wärme und viel Selbstverständlichkeit. Mehr, als ich mir jemals erträumt hätte.
Ein weiterer Schritt: mein Blog. Ein Ort zum „Lautdenken“, zum Gestalten und Teilen. Ein Ort, an dem private Worte öffentlich werden und anderen etwas zu geben.
Und dann ist da die Sprache. Ich habe gelernt, wie schnell Sprache sich ändern kann, dass Worte Wege ebnen und frau gar nicht so schnell alles lernen kann. Heute schreibe ich „trans Frau“ und nicht mehr „Transfrau“. Ich sehe "trans" als Adjektiv. Es ist ein Signal. Ich bin eine Frau. Punkt. Das Wort "trans" kann genauso genutzt werden wie: groß, spannend, intelligent. Es beschreibt eine Frau, es ist nicht Teil der Definition.
Ich bin Lizbeth
Ich mochte mein Aussehen nie. Das ist meine alte Wahrheit. Heute blicke ich anders in den Spiegel. Ich sehe keine perfekte Weiblichkeit. Ich erblicke mich selbst. Kleidung unterstützt mich dabei, mein Äußeres an mein Inneres anzugleichen. Kleider, welche mich beschreiben. Stoffe, die meine Geschichte erzählen. Kürzlich kamen Ohrlöcher dazu. Eine kleine Entscheidung, welche mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Für mich sind Ohrringe nicht nur Schmuck, sie sind ein leises "Ja" zu mir selbst.
Selbstakzeptanz in dieser Form fühlt sich nicht nach Stillstand an. Sie bringt mich in einem angenehmen Tempo weiter. Nicht alles muss sofort geschehen. Vieles darf sein, probieren ist Teil der Entwicklung. Das schafft Spielraum, mich zu entdecken, und so kann ich mich Schritt für Schritt entwickeln und kennenlernen. Einfach und ohne Druck.
Sprache als Werkzeug
Worte öffnen Türen. Trans Frau funktioniert für mich, weil das Adjektiv Raum gibt, für weitere Beschreibungen. Ich kann groß sein, müde, hungrig, verliebt und trans. Alles koexistiert, ohne dass eines das andere frisst. Auch andere Schreibweisen und Selbstbeschreibungen sind gültig. Sprache ist keine Schablone, sondern ein Werkzeugkasten.
Wir brauchen Hoffnung
Es gibt Anlass zur Besorgnis. Die politische Lage erleichtert es Menschen, Angst als Stilmittel zu nutzen. Ich stelle dem etwas entgegen, das weniger spektakulär aussieht, aber dennoch trägt. Es ist die Praxis der Hoffnung. Sie setzt sich aus vielen, kleinen Handlungen zusammen. Freundliche Korrekturen, wenn man über mich spricht. Ein zusätzlicher erklärender Satz, wenn jemand aus echtem Interesse fragt, Widerspruch, sobald Grenzen überschritten werden. Ein guter Tag entsteht nicht dadurch, dass alle mich verstehen, sondern dass ich mich selbst verstehe.
Das auch, mich den alltäglichen Dingen zuzuwenden. Das wirkt unauffällig. Ehrlich gesagt, hat es einen Hauch von Rebellion. Ich lerne, mir Ruhe zu erlauben, anstatt immer Leistung zu versprechen. Ich halte an Routinen fest, die mir nicht das Gefühl geben, etwas nachholen zu müssen. Tee zubereiten, trainieren, schreiben, lachen. Keine Liste mit Optimierungsaufgaben, sondern die Pflege einer Beziehung zu mir selbst.
Kleine Szenen, große Wirkung
Manchmal bekommt das Weitergehen ein Gesicht. Unerwartet kennen andere meinen neuen Namen. Ich wundere mich nicht, ich freue mich. Ein anderes Mal bringt jemand das richtige Pronomen ganz nebenbei ein. Kein Trommelwirbel, nur dieses angenehme Gefühl, akzeptiert zu werden. Als ich den ersten Ohrstecker einsetze, bemerke ich, dass ich mich im Spiegel nicht mehr bewerte, sondern ihn einfach nutze. Nachdem ich einen Blogbeitrag veröffentlicht habe, bekomme ich die Nachricht: Danke, das hat etwas in mir bewirkt, oder: Der Tipp gefällt mir, das werde ich ändern. Solche Augenblicke scheinen unscheinbar, aber gerade aus ihnen schöpfe ich meine Zuversicht.
Ohne Druck weitergehen
Ich jage keinem Ideal hinterher. Ich lasse mich treiben und gehe Veränderungen in kleinen Schritten an, auch wenn andere sich hin und wieder überrannt fühlen. Sorry ;-) Das fühlt sich für mich richtig an. Nicht, weil ich kein Ziel habe, sondern weil ich den Weg gehe. Den Weg musste ich finden und das Ziel liegt noch weit vor mir, weit im Dunkeln. Ich werde weiterforschen und weitergehen. Gelegentlich resultiert das in einer neuen Frisur oder einem gewagten Kleid. Gelegentlich sind es Ohrringe. Gelegentlich entsteht ein Beitrag, der ein Thema aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Alles darf wachsen. Nichts muss sofort perfekt sein.
Gemeinschaft
Ich schreibe für meine Freund:innen sowie für alle, die mit echtem Interesse lesen. Hier ist mein kleiner Gegenentwurf zur laut gewordenen Härte gegen alles, das anders ist. Nicht als Flucht, sondern aus Prinzip. Freundlichkeit ist nicht gleich Schwäche. Sie ist eine Wahl gegen Verachtung. Freundlichkeit macht mich nicht blind für Konflikte, aber sie öffnet meine Türen. Das Klima, das es erlaubt, große Fragen zu verhandeln, entsteht im Kleinen.
2026: Weiter geht's
Ich erwarte keine neue Version mit Glitzer. Ich verspreche mir, weiterzugehen. Ich werde weiter lernen, weiter forschen und neugierig bleiben. Neugier für das Thema, aber auch für mich selbst. Ich werde schreiben, zuhören, lachen, mich verheddern, sortieren und neu anfangen, ohne wirklich neu zu beginnen. Es geht weiter und bleibt aufregend.
Ich bin kein Projekt, welches fertig werden muss. Ich bin ein Leben, das weitergeht.
Eure, Lizbeth
P.S.: Heute wieder etwas früher als üblich, damit ihr Zeit für Euren Abend habt. 🍀🎆🎇🥳 2️⃣0️⃣2️⃣6️⃣




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