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Vom Randthema zum Feindbild: Wie trans Personen zum Kulturkampf der GOP wurden

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • vor 3 Tagen
  • 13 Min. Lesezeit
Plakat auf einer Demo: Love trumps hate
Liebe ist stärker als Hass

Einleitung: Es war nicht immer so

Wer heute auf die USA schaut, könnte glauben, trans Personen seien schon immer eines der zentralen Feindbilder der Republikanischen Partei gewesen. Die Rhetorik ist hart, oft entmenschlichend und politisch kalkuliert. Trans Frauen werden als Gefahr für Frauenräume dargestellt, trans Jugendliche als Opfer einer angeblichen Ideologie, Schulen als Orte der "Indoktrination" und medizinische Fachgesellschaften als Teil eines politischen Projekts.

Doch so einfach war es nicht immer.

Im April 2012 sorgte Donald Trump als damaliger Eigentümer der Miss Universe Organization sogar für Aufsehen, weil er anders entschied, als seine eigene Pageant-Leitung wollte. Die kanadische trans Frau Jenna Talackova war vom Miss Universe Canada Wettbewerb ausgeschlossen worden, weil sie nicht "naturally born female" sei. Trump und sein damaliger Anwalt Michael Cohen ließen die Entscheidung revidieren. Talackova durfte antreten, sofern sie den gesetzlichen Anforderungen Kanadas an die Geschlechtsanerkennung genüge. Nur wenige Tage später kündigte die Organisation an, trans Frauen ab 2013 grundsätzlich am Wettbewerb teilnehmen zu lassen. Diese Episode war damals ein bemerkenswerter Moment, an dem Trump sogar von Fox News rückblickend als kurzzeitiger LGBTQ-Verbündeter bezeichnet wurde. 1

Auch 2016 klang Trump noch anders als heute. Am 21. April 2016 wurde er in der NBC-Sendung "Today" von Matt Lauer gefragt, ob Caitlyn Jenner im Trump Tower die Damentoilette nutzen dürfe. Seine Antwort war knapp: "That is correct." Zuvor hatte er gesagt, Menschen sollten die Toilette nutzen können, die sie für angemessen halten, und die North-Carolina-Regelung sorge nur für unnötige Probleme. Jenner nahm das Angebot wenige Tage später tatsächlich an und filmte ihren Besuch in den Damenräumen des Trump International Hotel und Tower in Manhattan. 2

Das ist bemerkenswert, weil derselbe Donald Trump später zu einem der wichtigsten politischen Verstärker anti-trans-Rhetorik wurde. Dieser Wandel ist kein Zufall. Er erzählt viel darüber, wie Kulturkampf funktioniert.

Nach der Ehe für alle musste ein neues Feindbild her

Ein wichtiger Wendepunkt war das Jahr 2015. Mit der Entscheidung Obergefell v. Hodges erklärte der Supreme Court am 26. Juni 2015 in einer 5:4-Entscheidung die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare in allen US-Bundesstaaten für verfassungsrechtlich geschützt. Der vierzehnte Verfassungszusatz verpflichtete alle Bundesstaaten dazu, Ehen zwischen Personen gleichen Geschlechts zu schließen und solche aus anderen Bundesstaaten anzuerkennen. 3

Für viele konservative und religiös-rechte Gruppen war damit ein zentrales Kampffeld verloren. Das bedeutete nicht, dass Homofeindlichkeit verschwand. Aber die offene politische Kampagne gegen die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare wurde schwieriger. Immer mehr Menschen kannten schwule, lesbische oder bisexuelle Personen im eigenen Umfeld. Die gesellschaftliche Akzeptanz war gewachsen. Ein Kulturkampf, der jahrzehntelang funktioniert hatte, verlor an Mobilisierungskraft.

In diese Lücke rückten trans Personen.

Trans Menschen waren sichtbar genug geworden, um politisch angreifbar zu sein, aber noch nicht so gesellschaftlich verankert, dass breite Teile der Bevölkerung persönliche Erfahrungen dagegenhalten konnten. Genau diese Mischung ist gefährlich. Eine kleine Minderheit wird sichtbar, aber bleibt für viele Menschen abstrakt. Dadurch lässt sie sich leichter als Projektionsfläche nutzen.

Die "Bathroom Bills" als Testlauf

Der erste große Versuch, trans Personen zum nationalen Kulturkampfthema zu machen, lief über Toiletten. Besonders bekannt wurde North Carolinas House Bill 2 (HB2) aus dem Jahr 2016. Das Gesetz wurde im März 2016 vom damaligen Gouverneur Pat McCrory unterzeichnet und schrieb vor, dass trans Personen in öffentlichen Gebäuden, Schulen und Universitäten ausschließlich die Toiletten nutzen durften, die der bei Geburt zugewiesenen und in der Geburtsurkunde eingetragenen Geschlechtszuweisung entsprachen. Gleichzeitig wurden lokale Antidiskriminierungsregelungen für LGBTQIA-Personen ausgehebelt. Die ACLU, die ACLU of North Carolina und Lambda Legal klagten dagegen in der Sache Carcaño v. McCrory und argumentierten, das Gesetz verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz und das Recht auf Privatsphäre. 4

Das Narrativ war einfach, emotional und wirksam. Es gehe angeblich um den Schutz von Frauen und Mädchen. In der Praxis richtete sich die Politik aber gegen trans Menschen, insbesondere gegen trans Frauen. Aus einer Frage alltäglicher Teilhabe wurde eine moralische Panik konstruiert.

Dabei ist die Logik alt. Minderheiten werden nicht als Menschen beschrieben, sondern als Risiko. Nicht ihre Würde steht im Mittelpunkt, sondern die Fantasie, sie könnten anderen gefährlich werden. Genau so wird aus einer kleinen Gruppe ein großes politisches Feindbild.

HB2 löste damals massive wirtschaftliche und politische Folgen aus. Die NBA verlegte ihr All-Star Game 2017 aus Charlotte. Die NCAA verlagerte Meisterschaftsspiele. Erst 2019 stimmte ein Bundesgericht einer Vergleichsregelung zu, die trans Personen die Nutzung passender Toiletten in staatlichen Gebäuden wieder ermöglichte. Trotzdem hatten die "Bathroom Bills" ihre eigentliche politische Funktion längst erfüllt. Sie hatten ein Thema gesetzt, an dem sich konservative Energie sammeln ließ.

Trump: Vom pragmatischen Unternehmer zum Kulturkampf-Anführer

Donald Trumps Entwicklung ist besonders aufschlussreich. 2012 konnte er bei Miss Universe noch pragmatisch agieren. 2016 konnte er in einem Fernsehinterview noch sagen, Caitlyn Jenner dürfe im Trump Tower die Toilette nutzen, die sie wählen möchte. 2

Doch Trump ist nicht nur eine Einzelperson. Er ist der zentrale Bezugspunkt der heutigen GOP. Viele Debatten innerhalb der Partei richten sich an ihm aus. Was Trump stark macht, wird von anderen aufgegriffen. Was Trump als Feindbild markiert, wird zum Signal an die Basis.

Schon in seiner ersten Amtszeit verschob sich seine Politik deutlich. Im Juli 2017 kündigte Trump per Twitter überraschend ein Verbot des Militärdienstes für trans Personen an. Das Pentagon war von der Ankündigung berichten zufolge selbst überrascht. Eine modifizierte Version trat im April 2019 in Kraft. Präsident Biden hob den Bann am 25. Januar 2021 wieder auf. 5

Bereits an seinem ersten Tag im Amt seiner zweiten Amtszeit, dem 20. Januar 2025, widerrief Trump genau diese Biden-Verordnung wieder und legte damit den Grundstein für ein erneutes Verbot. 6

Im Wahlkampf 2024 wurde die Rhetorik noch aggressiver. Trump und JD Vance machten anti-trans Angriffe zu einem zentralen Teil ihrer Schlusskampagne. Besonders bekannt wurde die Botschaft: "Kamala is for they/them. President Trump is for you." Diese Anzeigen stellten trans Personen nicht einfach als politisches Thema dar, sondern als Symbol dafür, dass Demokrat:innen angeblich für eine fremde, elitäre Minderheitenpolitik stünden und nicht für "normale" Amerikaner:innen. 7

Interessant ist, dass diese Strategie nicht spontan entstanden war. Sie wurde über Jahre vom American Principles Project unter Terry Schilling vorbereitet. Bereits 2019 begann die Organisation, antitrans Botschaften zu testen. Nach der enttäuschenden GOP-Performance bei den Midterms 2022 veröffentlichte sie eine Analyse mit dem Titel "The Failed Red Wave", in der sie der Partei vorwarf, das Thema nicht aggressiv genug ausgeschlachtet zu haben. 2024 folgte eine Anzeigenkampagne im Volumen von rund 18 Millionen US-Dollar. 7

Das ist klassische Sündenbock-Politik. Eine kleine Minderheit wird zum Symbol für alles gemacht, was angeblich falsch läuft. Trans Personen stehen dann nicht mehr für sich selbst. Sie werden zum Codewort für "Woke", "Elite", "Gender-Ideologie", "Schulen", "Kontrollverlust" und "Verfall".

Auch in der nach der Wahl veröffentlichten DNC-Autopsie wurde dieser Ad-Strategie zugeschrieben, einen erheblichen Einfluss auf das Wahlergebnis gehabt zu haben. Die Demokratische Partei diskutiert bis heute, wie sie damit umgehen soll. Die Ad-Linie wurde inzwischen für die Midterms 2026 in mehreren Senatsrennen wiederverwendet, unter anderem gegen den Senatsanwärter Roy Cooper in North Carolina und gegen Senator Jon Ossoff in Georgia. 8

Aus Rhetorik wurde Regierungspolitik

Nach Trumps Rückkehr ins Weiße Haus wurde aus dieser Rhetorik erneut konkrete Politik. Eine Executive Order vom 20. Januar 2025 trug den Titel "Defending Women from Gender Ideology Extremism and Restoring Biological Truth to the Federal Government" (Executive Order 14168). Bereits der Titel zeigt, wie die Regierung Sprache als Waffe nutzt. Trans Existenz wird nicht als Realität beschrieben, sondern als "Gender Ideology Extremism". Die Order definiert Geschlecht als binär und "bei der Empfängnis" unveränderlich, weist Bundesbehörden an, "gender" in allen Materialien durch "sex" zu ersetzen, beendet die Finanzierung geschlechtsangleichender Versorgung und untersagt die Selbstidentifizierung in Bundesdokumenten. 9

Schon Tage später folgten konkrete Umsetzungen. Bundesbehörden wurden angewiesen, Hinweise auf "gender ideology" aus Webseiten und Materialien zu entfernen. NPR und andere Medien dokumentierten, wie Gesundheits- und Bildungswebseiten innerhalb weniger Tage offline gingen oder umgeschrieben wurden. 10

Am 5. Februar 2025 folgte die Executive Order 14201 mit dem Titel "Keeping Men Out of Women’s Sports". Schon dieser Titel zeigt, wie trans Frauen sprachlich aus ihrem Geschlecht herausgedrängt werden. Sie werden nicht als Frauen benannt, über deren Teilhabe man politisch streitet, sondern als "Männer" markiert. Die Order verpflichtet Bildungseinrichtungen, die Bundesmittel erhalten, Title IX so auszulegen, dass trans Mädchen und Frauen vom Frauensport ausgeschlossen werden, und droht andernfalls mit dem Entzug der Mittel. 11

Das ist mehr als eine politische Meinungsverschiedenheit. Es ist eine Strategie der Entwirklichung. Wer trans Frauen konsequent als Männer bezeichnet, führt keine Debatte über Regeln. Er stellt ihre Existenz als Frauen grundsätzlich infrage.

Warum trans Personen politisch so nützlich gemacht wurden

Transfeindliche Politik funktioniert für die GOP aus mehreren Gründen.

Erstens lässt sich mit ihr Angst erzeugen. Toiletten, Umkleiden, Schulen, Sport und Kinder sind Themen, die stark emotionalisiert werden können. Wer behauptet, Frauen und Kinder schützen zu wollen, muss weniger erklären, warum die vorgeschlagenen Maßnahmen tatsächlich helfen sollen.

Zweitens verbindet das Thema verschiedene Milieus. Religiöse Rechte, Anti-Woke-Aktivist:innen, rechte Medien, Teile konservativer Elternbewegungen und nationalistische Strömungen können sich unter einem gemeinsamen Feindbild sammeln. "Gender-Ideologie" wird dabei zum Sammelbegriff für alles, was als Angriff auf Familie, Religion, Nation und Ordnung dargestellt wird.

Drittens lenkt es ab. Eine Partei, die über Krankenversicherung, Mieten, Löhne, soziale Ungleichheit oder Klimapolitik wenig anbieten will, kann über Toiletten und Pronomen enorme Aufmerksamkeit erzeugen. Der Kulturkampf ersetzt keine Sozialpolitik, aber er überdeckt sie.

Viertens trifft es eine kleine Gruppe. Trans Personen sind zahlenmäßig wenige. Das macht sie verwundbar. Eine Mehrheit kann über sie diskutieren, ohne ihnen zuzuhören. Ihre Rechte können zum Wahlkampfthema gemacht werden, ohne dass viele Wähler:innen direkt spüren, was diese Politik im Alltag bedeutet.

Die Radikalisierung der republikanischen Basis

Die Partei hat nicht nur auf vorhandene Vorurteile reagiert. Sie hat sie aktiv verstärkt.

PRRI zeigt, dass die Unterstützung unter Republikaner:innen für Gesetze, die trans Personen zur Nutzung von Toiletten entsprechend dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zwingen, stark gestiegen ist. 2016 befürworteten 44 Prozent der Republikaner:innen solche Gesetze. 2023 waren es 80 Prozent. Bei der amerikanischen Gesamtbevölkerung stieg die Unterstützung im selben Zeitraum von 35 auf 54 Prozent. 12

Das ist ein massiver Wandel innerhalb weniger Jahre. Er zeigt, wie politische Kampagnen Einstellungen verschieben können. Wenn Menschen immer wieder hören, trans Personen seien eine Gefahr, eine Ideologie, eine Bedrohung für Kinder oder ein Angriff auf Frauenrechte, dann bleibt davon etwas hängen.

Die Gesetzgebung folgte dieser Stimmung und verstärkte sie zugleich. Allein im Jahr 2025 verfolgte die ACLU 575 Anti-LGBTQ-Gesetzentwürfe in US-Bundesstaaten, der überwiegende Teil davon gegen trans Personen gerichtet. 19 Bundesstaaten haben mittlerweile Toilettengesetze, die trans Personen ausschließen, und 15 Bundesstaaten definieren Geschlecht im Recht streng über Anatomie, Chromosomen oder Hormone bei Geburt. Keine dieser Definitionen existierte vor 2023. 13

Und die Demokrat:innen?

Die Demokratische Partei ist in dieser Frage nicht einfach das Spiegelbild der GOP. Viele Demokrat:innen haben trans Rechte verteidigt. Die Partei hat wichtige Schutzmaßnahmen unterstützt, und am 5. November 2024 wurde Sarah McBride als erste offen trans Person in das US-Repräsentantenhaus gewählt. McBride gewann ihren Sitz in Delaware mit etwa 58 Prozent gegen ihren republikanischen Gegner John Whalen III. 14

Doch noch bevor sie überhaupt vereidigt wurde, brachte die republikanische Abgeordnete Nancy Mace aus South Carolina eine Resolution ein, die McBride die Nutzung der Damentoiletten im US-Kapitol verbieten sollte. Eine symbolisch demütigende Geste an die erste trans Abgeordnete der USA. 14

Nach der Wahlniederlage 2024 begannen Demokrat:innen darüber zu streiten, wie sie mit trans Themen umgehen sollen. Einige wollten stärker dagegenhalten. Andere sahen trans Themen als politisches Risiko und wollten ihnen ausweichen.

Im März 2025 blockierten Demokrat:innen im US-Senat mit einem geschlossenen 51:45-Filibuster ein republikanisches Gesetz (Senate Bill 9, "Protection of Women and Girls in Sports Act"), das trans Mädchen und Frauen aus dem Frauensport ausschließen sollte. Gleichzeitig wurde sichtbar, wie defensiv manche Argumentation geworden ist. Senator John Hickenlooper etwa stimmte gegen das Gesetz, betonte aber zugleich, er glaube nicht, dass trans Frauen im Frauensport mitspielen sollten, wenn andere Frauen Einwände hätten. Senator Seth Moulton aus Massachusetts erklärte in einem MSNBC-Interview, er wolle nicht, dass seine Töchter auf dem Spielfeld von "formerly male athletes" überrannt würden. 15

Dieses Ausweichen ist gefährlich. Wenn eine Partei trans Personen nur dann verteidigt, wenn es bequem ist, überlässt sie den Rahmen der Gegenseite. Dann wird nicht mehr darüber gesprochen, dass trans Menschen Bürgerrechte, Sicherheit, medizinische Versorgung und Würde brauchen. Stattdessen geht es nur noch darum, ob Unterstützung für trans Menschen "zu weit geht".

Wer Menschenrechte nur taktisch verteidigt, verteidigt sie schwach.

Der Kern der Strategie: Aus Menschen wird "Ideologie"

Der wichtigste rhetorische Schritt besteht darin, trans Menschen nicht mehr als Menschen zu betrachten, sondern als Ausdruck einer angeblichen Ideologie.

Das klingt abstrakt, ist aber sehr konkret. Wer von "Gender-Ideologie" spricht, muss nicht mehr über die trans Schülerin sprechen, die sicher zur Schule gehen möchte. Nicht über den trans Mann, der korrekte Dokumente braucht. Nicht über die nichtbinäre Person, die am Arbeitsplatz respektiert werden will. Nicht über Eltern, die ihr Kind begleiten. Nicht über medizinische Standards. Nicht über Würde.

"Ideologie" ist ein Nebelwort. Es macht Menschen unsichtbar und verwandelt ihre Rechte in eine angebliche Bedrohung.

Genau deshalb ist dieser Begriff so erfolgreich in rechten Bewegungen. Er erlaubt es, sehr unterschiedliche Themen zusammenzubinden: trans Rechte, feministische Gleichstellung, queere Bildung, Antidiskriminierung, Sprache, Universitäten, Medien, Medizin und sogar Kunst. Alles wird unter Verdacht gestellt. Alles wird Teil eines erfundenen großen Plans.

Der Blick nach Deutschland: Die Stimmung kippt auch hier

Deutschland ist nicht die USA. Aber die Muster ähneln sich zunehmend.

Auch hier wurde das Selbstbestimmungsgesetz nicht einfach als Verwaltungsreform diskutiert, die ein entwürdigendes Verfahren ersetzt. Es wurde zu einem Kulturkampfthema gemacht. Der Bundestag beschreibt den Kern des Gesetzes nüchtern. Geschlechtseintrag und Vornamen können seit dem 1. November 2024 per Erklärung gegenüber dem Standesamt geändert werden, eine ärztliche Bescheinigung entfällt, gerichtliche Verfahren sind nicht mehr nötig, und das bisherige Transsexuellengesetz von 1980 wurde aufgehoben. 16

Trotzdem wurde die Debatte immer wieder über Angstbilder geführt. Männer in Frauenräumen, angeblicher Missbrauch, gefährdete Kinder, bedrohte Frauenrechte. Das erinnert stark an die US-amerikanischen "Bathroom Bills". Nicht, weil die Gesetze identisch wären, sondern weil die politische Erzählung ähnlich funktioniert.

Besonders problematisch ist die Entwicklung bei CDU und CSU. Die Union hat das Selbstbestimmungsgesetz immer wieder als ideologisches Projekt dargestellt. Die damals stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Dorothee Bär (heute Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt im Kabinett Merz) sprach in der Rheinischen Post von einem "weiteren Ideologieprojekt", das die Ampel "rücksichtslos durchgepeitscht" habe. 17

Im Bundestagswahlkampf 2025 kündigte die Union in ihrem Wahlprogramm an, das Selbstbestimmungsgesetz im Falle eines Wahlsiegs wieder abzuschaffen. Dabei ging es auch um Minderjährige und um medizinische Fragen wie Pubertätsblocker und Hormone, obwohl das Selbstbestimmungsgesetz selbst keine medizinischen Eingriffe regelt. 18

Das ist ein wichtiger Punkt. Themen werden vermischt. Eine rechtliche Änderung von Namen und Geschlechtseintrag wird mit medizinischer Versorgung von Jugendlichen, Toiletten, Frauenrechten und Schutzbehauptungen verknüpft. Dadurch entsteht ein diffuses Bedrohungsgefühl, obwohl es um unterschiedliche Fragen geht, die sauber getrennt diskutiert werden müssten.

Queere Verbände warnten 2025 auch vor neuen Regelungen, die faktisch zu einem Zwangsouting führen könnten. Netzpolitik berichtete über Pläne aus dem Bundesinnenministerium unter Alexander Dobrindt (CSU), nach denen frühere Vornamen und Geschlechtseinträge dauerhaft im Melderegister gespeichert und an andere Behörden übermittelt werden sollen. Die Befürchtung der Verbände: Die in §13 SBGG verankerten Offenbarungsverbote werden faktisch unterlaufen, weil eine Vielzahl von Behörden weiterhin Zugriff auf die alten Daten erhält. 19

Das zeigt: Der deutsche Diskurs steht nicht außerhalb dieser Entwicklung. Die Begriffe sind andere, das Parteiensystem ist anders, die Rechtslage ist anders. Aber die Mechanik ähnelt sich. Eine kleine Minderheit wird zum Symbol für einen angeblichen gesellschaftlichen Kontrollverlust gemacht.

CDU/CSU und die Gefahr der Normalisierung

Die AfD betreibt offenen Kulturkampf gegen geschlechtliche Vielfalt. Das überrascht niemanden. Gefährlicher wird es, wenn demokratische konservative Parteien Teile dieser Rhetorik übernehmen oder anschlussfähig machen.

Wenn CDU und CSU das Selbstbestimmungsgesetz als "Ideologie" rahmen, übernehmen sie ein Muster, das aus rechten Kulturkämpfen bekannt ist. Aus konkreten Menschen mit konkreten Lebensrealitäten wird ein abstraktes Schreckbild. Aus einer Frage von Würde und Bürokratieabbau wird eine Erzählung über Bedrohung.

Natürlich darf eine demokratische Partei Gesetze kritisieren. Sie darf Schutzkonzepte prüfen, Verwaltungsvorgaben hinterfragen und konkrete Regelungen verbessern wollen. Aber es macht einen Unterschied, ob Kritik sachlich bleibt oder ob sie dieselben Angstbilder bedient, die trans Personen in den USA bereits massiv geschadet haben.

Dieser Unterschied ist entscheidend.

Wer behauptet, nur "berechtigte Sorgen" zu äußern, muss sich fragen lassen, welche Bilder dadurch verstärkt werden. Wer über trans Frauen vor allem als Risiko spricht, trägt dazu bei, dass trans Frauen als Risiko wahrgenommen werden. Wer über trans Jugendliche vor allem als Opfer einer Ideologie spricht, nimmt ihnen die eigene Stimme. Wer Selbstbestimmung als Gefahr rahmt, macht Fremdbestimmung wieder salonfähig.

Was wir aus den USA lernen sollten

Die USA zeigen, wie schnell sich ein politisches Klima verschieben kann. 2016 konnte Trump noch sagen, Caitlyn Jenner dürfe im Trump Tower die Damentoilette nutzen. Wenige Jahre später wurde anti-trans Politik zu einem Kernbestandteil seiner Kampagne und Regierungspolitik.

Das sollte uns alarmieren.

Nicht, weil Deutschland automatisch denselben Weg geht. Sondern weil Kulturkämpfe importierbar sind. Begriffe, Frames und Angstbilder wandern. "Gender-Ideologie", "Schutz von Frauen", "Elternrechte", "Kinder schützen", "Männer in Frauenräumen": Diese Formeln tauchen nicht zufällig in vielen Ländern ähnlich auf. Sie sind politisch nützlich, weil sie komplexe Fragen emotional verkürzen.

Und genau deshalb müssen wir ihnen widersprechen.

Nicht jede kritische Frage ist transfeindlich. Nicht jede Unsicherheit ist Hass. Aber eine Politik, die Unsicherheit systematisch in Angst verwandelt, ist gefährlich. Eine Politik, die Minderheiten zum Symbol gesellschaftlichen Verfalls macht, ist gefährlich. Eine Politik, die Menschenrechte davon abhängig macht, ob sie gerade wahlkampftaktisch bequem sind, ist gefährlich.

Schluss: Es beginnt mit Sprache, aber es endet nicht dort

Die Verteufelung trans Personen begann nicht mit einem einzelnen Gesetz. Sie begann mit Erzählungen. Mit dem ständigen Wiederholen, trans Frauen seien eigentlich Männer. Trans Jugendliche seien Opfer einer Mode. Schulen würden Kinder indoktrinieren. Ärzt:innen würden leichtfertig handeln. Eltern würden manipuliert. Sprache sei Zwang. Respekt sei Ideologie.

Solche Erzählungen bleiben nicht folgenlos. Sie werden zu Parteiprogrammen. Zu Wahlkampfanzeigen. Zu Gesetzen. Zu Verboten. Zu Angst im Alltag.

Die Geschichte der GOP zeigt, wie aus einem Randthema ein zentrales Feindbild gemacht wurde. Die Geschichte Trumps zeigt, wie schnell pragmatische Akzeptanz verschwinden kann, wenn Hass politisch nützlich wird. Und der Blick nach Deutschland zeigt, dass auch hier demokratische Parteien nicht immun gegen diese Mechanik sind.

Trans Menschen sind kein Kulturkampf. Sie sind Menschen.

Wer sie zum roten Tuch macht, spricht selten wirklich über sie. Er spricht über Macht, Kontrolle und die Frage, wer in einer Gesellschaft selbstverständlich vorkommen darf.

Genau deshalb müssen wir hinschauen, bevor aus Rhetorik Realität wird.

Eure, Lizbeth

Quellen

  1. Fox News: Trump let trans beauty queen compete in Miss Universe, in a potential 2024 GOP primary liability; sowie ABC News: Donald Trump Has Words for Transgender Miss Universe Contestant; und The Hollywood Reporter: Trump Reverses Decision to Ban Transsexual Beauty Queen From Miss Universe Canada

  2. CNN Politics: Caitlyn Jenner takes Donald Trump up on bathroom offer; ABC News: Donald Trump OK With Caitlyn Jenner Using Any Bathroom in His Tower; und NBC News: Caitlyn Jenner Takes Trump Up on His Offer, Uses Bathroom at Trump Tower

  3. Justia U.S. Supreme Court Center: https://supreme.justia.com/cases/federal/us/576/644/

  4. ACLU: Carcaño, et al. v. Cooper, et al; und ACLU: North Carolina Asks Court to Keep Anti-Transgender Provisions of HB2 in Effect

  5. American Oversight: The Trump Administration’s Transgender Military Ban; und NBC News: Biden reverses Trump's transgender military ban

  6. Military Times: Trump revokes order allowing transgender troops to serve in military

  7. NBC News: Transgender voters and the 2024 election; und Fox News: Trump's ‚they/them‘ ads combined culture war, economic worries to make effective pitch: expert

  8. CNN Politics: Republicans reprise anti-transgender ‚Kamala is for they/them‘ ads for the midterms

  9. The White House (Federal Register), Executive Order 14168: Defending Women from Gender Ideology Extremism and Restoring Biological Truth to the Federal Government

  10. NPR: Some federal web pages still down as agencies implement order ‚defending women‘

  11. The White House, Executive Order 14201: Keeping Men Out of Women’s Sports

  12. PRRI: Most Americans Generally Support Pro-LGBTQ Policies, But Are More Divided Over Specifics Like Transgender Sports and Bathroom Policies

  13. ACLU: Mapping Attacks on LGBTQ Rights in U.S. State Legislatures in 2025

  14. NBC News: Sarah McBride becomes the first out transgender person elected to Congress; und CBS Philadelphia: Delaware's Sarah McBride prepares to become first openly transgender member of Congress

  15. CNN Politics: Senate Democrats block GOP-led bill to ban transgender athletes from women’s sports

  16. Deutscher Bundestag: Änderungen beim Geschlechtseintrag werden einfacher

  17. idea.de: Selbstbestimmungsgesetz: ‚Durchgepeitschtes Ideologieprojekt‘; und queer.de: Warnung vor ‚queeren Rändern‘: Dorothee Bär hält an alten Feindbildern fest

  18. Tagesspiegel: Wahlprogramm der Union: CDU und CSU wollen Selbstbestimmungsgesetz wieder abschaffen

  19. netzpolitik.org: Selbstbestimmungsgesetz: Dobrindt plant Zwangsouting per Verordnung

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