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Transgeschlechtlichkeit ist keine Laune: Was uns die Biologie über Geschlechtsidentität verrät

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • vor 1 Tag
  • 14 Min. Lesezeit
Künstlerische Darstellung der DNA als Blumenranke
Die Schönheit der Biologie

Wenn über trans Menschen gesprochen wird, fällt früher oder später die Behauptung, Geschlechtsidentität sei lediglich ein gesellschaftliches Konstrukt, eine Erziehungsfrage oder sogar eine frei gewählte Lebensweise. Manche gehen noch weiter und erklären Transgeschlechtlichkeit zu einer Modeerscheinung, die durch soziale Medien, liberale Eltern oder eine angeblich zu schnelle medizinische Versorgung hervorgerufen werde.

Diese Vorstellungen klingen für einige Menschen plausibel, weil Geschlecht im Alltag vor allem anhand sichtbarer körperlicher Merkmale eingeordnet wird. Bei der Geburt wird gewöhnlich betrachtet, wie die äußeren Genitalien aussehen, und daraus ein Geschlechtseintrag abgeleitet. Anschließend wird erwartet, dass sich Körper, soziale Rolle und innere Geschlechtsidentität dauerhaft in dieselbe Richtung entwickeln.

Die menschliche Biologie ist jedoch komplexer.

Die Endocrine Society, eine der weltweit bedeutendsten medizinischen Fachgesellschaften für Hormone und Stoffwechsel, hält in ihrer Stellungnahme zur Gesundheit transgeschlechtlicher Menschen fest, dass erhebliche wissenschaftliche Belege für eine dauerhafte biologische Komponente der Geschlechtsidentität vorliegen, während äußere Einflüsse offenbar nicht dazu führen, dass Menschen ihre Geschlechtsidentität tatsächlich ändern. 1 Zugleich betont die Fachgesellschaft, dass die genauen Mechanismen noch nicht vollständig verstanden sind.

Das ist ein wichtiger Unterschied: Die Wissenschaft hat nicht "das Trans-Gen" oder eine eindeutig erkennbare "Trans-Struktur" im Gehirn gefunden. Hingegen hat sie deutliche Hinweise darauf gesammelt, dass Geschlechtsidentität nicht beliebig erzeugt, anerzogen oder durch Willenskraft verändert werden kann.

Diese Stellungnahme ist im Übrigen nicht unwidersprochen geblieben. In der Fachzeitschrift der Endocrine Society selbst erschien 2021 ein kritischer Leserbrief. Der Leserbrief hält die Formulierung von der "dauerhaften biologischen Grundlage" für zu weitgehend und spricht stattdessen von einem komplexen Zusammenspiel biologischer, umweltbedingter und kultureller Faktoren, das sich über die Lebensspanne verändern könne. Diese Kontroverse wird weiter unten wieder aufgegriffen. Denn sie zeigt, dass auch innerhalb der Fachwelt über die richtige Gewichtung von Biologie und Umwelt diskutiert wird. Nicht jedoch wird darüber diskutiert, ob Geschlechtsidentität überhaupt biologische Wurzeln haben kann.

Geschlecht entsteht nicht in einem einzigen biologischen Schritt

Im politischen und gesellschaftlichen Streit wird biologisches Geschlecht häufig auf Chromosomen reduziert. XX bedeute weiblich und XY männlich, und damit sei angeblich alles Wesentliche gesagt.

Chromosomen bilden jedoch nur einen Teil einer langen biologischen Entwicklungskette. An ihr beteiligt sind unter anderem chromosomale Konstellationen, Gene und deren Regulation, die Entwicklung der Keimdrüsen, die Produktion von Hormonen, die Empfindlichkeit der Körperzellen gegenüber diesen Hormonen, die Entwicklung innerer und äußerer Geschlechtsmerkmale, die sexuelle Differenzierung verschiedener Bereiche des Gehirns sowie die individuelle körperliche und psychische Entwicklung.

Diese Prozesse sind miteinander verbunden, laufen aber nicht vollständig gleichzeitig ab. Die Differenzierung der äußeren Geschlechtsmerkmale und die geschlechtliche Entwicklung des Gehirns erfolgen in unterschiedlichen Phasen der Schwangerschaft und können dadurch zumindest teilweise unabhängig voneinander beeinflusst werden. 2

Bereits deshalb ist die Vorstellung problematisch, ein einzelnes Merkmal wie der Chromosomensatz könne jeden Aspekt eines Menschen abschließend bestimmen. Biologisches Geschlecht ist keine einzelne Schublade, sondern ein Bündel verschiedener Merkmale, die bei den meisten Menschen weitgehend übereinstimmen, aber nicht zwangsläufig in jedem Fall dieselbe Zuordnung ergeben.

Die Entwicklung des Gehirns beginnt vor der Geburt

Eine zentrale wissenschaftliche Hypothese geht davon aus, dass Geschlechtsidentität zumindest teilweise während der vorgeburtlichen Entwicklung geprägt wird. Dabei könnten Geschlechtshormone, die Reaktion des Körpers auf diese Hormone, genetische Faktoren und epigenetische Regulationsprozesse zusammenwirken. 2, 3

Hormone wie Testosteron und Östrogene beeinflussen nicht nur die Entwicklung von Genitalien, Keimdrüsen oder sekundären Geschlechtsmerkmalen, sondern wirken auch auf das sich entwickelnde Nervensystem. Entscheidend ist dabei nicht allein, wie viel eines Hormons vorhanden ist, sondern auch, wann es wirkt, wo es wirkt und wie empfindlich die jeweiligen Zellen darauf reagieren.

Rezeptoren funktionieren dabei wie biologische Empfangsstellen. Ein Hormon kann im Körper vorhanden sein, seine Wirkung bleibt jedoch eingeschränkt, wenn ein Rezeptor verändert ist oder nicht ausreichend auf das Signal reagiert. Auch Enzyme, Transportmechanismen und die Regulation beteiligter Gene können den Entwicklungsprozess beeinflussen.

Übersichtsarbeiten zur Neurobiologie der Geschlechtsidentität kommen deshalb nicht zu dem Schluss, dass ein einzelnes Hormon Transgeschlechtlichkeit "verursacht". Sie beschreiben vielmehr ein komplexes Entwicklungsmodell, in dem pränatale Hormone, genetische Voraussetzungen und weitere biologische Faktoren gemeinsam zur Ausbildung der Geschlechtsidentität beitragen könnten. 3, 4

Was Varianten der Geschlechtsentwicklung zeigen

Besonders aufschlussreich sind Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung, häufig als intergeschlechtliche Variationen oder Differences of Sex Development bezeichnet. Bei ihnen können Chromosomen, Keimdrüsen, Hormone, Rezeptoren und äußere Geschlechtsmerkmale auf unterschiedliche Weise voneinander abweichen.

Diese Fälle dürfen nicht mit Transgeschlechtlichkeit gleichgesetzt werden. Die meisten trans Menschen sind nicht intergeschlechtlich, und die Mehrheit intergeschlechtlicher Personen ist nicht trans. Dennoch ermöglichen solche Variationen wichtige Einblicke in die biologische Entwicklung von Geschlecht und Geschlechtsidentität.

Komplette Androgenresistenz

Menschen mit kompletter Androgenresistenz besitzen gewöhnlich einen XY-Chromosomensatz und bilden Androgene. Ihre Körperzellen können aufgrund einer Veränderung des Androgenrezeptors nicht oder kaum auf diese Hormone reagieren. 5

Trotz XY-Chromosomen entwickeln sie meist weiblich erscheinende äußere Geschlechtsmerkmale und werden gewöhnlich als Mädchen aufgezogen. Die Mehrheit entwickelt eine weibliche Geschlechtsidentität.

Das widerlegt nicht die Bedeutung von Chromosomen, zeigt aber, dass Chromosomen ihre Wirkung nicht unabhängig von Hormonen, Rezeptoren und weiteren Entwicklungsschritten entfalten. Ein XY-Chromosomensatz schreibt nicht automatisch jede körperliche und psychische Geschlechtsentwicklung vollständig fest.

Kongenitale adrenale Hyperplasie

Bei bestimmten Formen der kongenitalen adrenalen Hyperplasie, kurz CAH, sind XX-Föten vor der Geburt erhöhten Androgenkonzentrationen ausgesetzt. Studien zeigen bei betroffenen Mädchen und Frauen im Durchschnitt häufiger Verhaltensweisen und Interessen, die in der jeweiligen Kultur als männlich eingeordnet werden. 6

Bei einem Teil der Betroffenen treten außerdem häufiger Zweifel an der weiblichen Geschlechtszuordnung oder eine männliche Geschlechtsidentität auf als in der weiblichen Gesamtbevölkerung. Die Mehrheit identifiziert sich dennoch als weiblich.

Auch daraus folgt keine einfache Gleichung wie "mehr Testosteron macht einen Menschen männlich". Die Ergebnisse zeigen vielmehr, dass pränatale Hormone die spätere geschlechtliche Entwicklung beeinflussen können, ohne sie vollständig festzulegen. Das ist ein wiederkehrendes Muster: Biologische Faktoren verändern Wahrscheinlichkeiten, sie produzieren keine mechanisch vorherbestimmten Identitäten.

Warum misslungene Geschlechtszuweisungen bedeutsam sind

Über viele Jahrzehnte vertraten viele Mediziner:innen die Ansicht, die Geschlechtsidentität eines Kindes sei in den ersten Lebensjahren formbar. Daraus entstand die Vorstellung, ein Kind könne durch Operationen, Erziehung und soziale Behandlung dauerhaft an ein zugewiesenes Geschlecht angepasst werden.

Besonders deutlich wurde dieses Denken bei Kindern mit uneindeutigen Genitalien oder nach schweren Verletzungen der Genitalien. In einigen Fällen wurden Kinder einem Geschlecht zugewiesen, das nach Ansicht der behandelnden Personen medizinisch oder operativ leichter herzustellen war.

Die Ergebnisse solcher Eingriffe waren keineswegs so verlässlich, wie die damaligen Theorien behaupteten. Manche Betroffene entwickelten trotz konsequenter Erziehung im zugewiesenen Geschlecht eine andere Geschlechtsidentität. 7 Die Endocrine Society verweist deshalb ausdrücklich darauf, dass Versuche, die Geschlechtsidentität intergeschlechtlicher Menschen an Genitalien oder Chromosomen anzupassen, häufig nicht erfolgreich waren. 1

Diese Erfahrungen belegen keine einzelne biologische Ursache. Sie widersprechen jedoch deutlich der Vorstellung, Geschlechtsidentität könne durch Erziehung nach Belieben hergestellt werden. Eltern können einem Kind Kleidung geben, einen Namen wählen und bestimmte Erwartungen vermitteln. Sie können aber keine beliebige Geschlechtsidentität in dieses Kind hineintrainieren.

Was Zwillingsstudien zeigen

Zwillingsstudien gehören zu den klassischen Methoden, um genetische und umweltbedingte Einflüsse voneinander abzugrenzen. Eineiige Zwillinge teilen nahezu ihr gesamtes Erbgut, zweieiige Zwillinge im Durchschnitt etwa die Hälfte ihrer variablen genetischen Merkmale. Wenn ein Merkmal bei eineiigen Zwillingen häufiger gemeinsam auftritt als bei zweieiigen, spricht dies für einen genetischen Beitrag. Es beweist allerdings keine rein genetische Ursache, weil eineiige Zwillinge auch ähnliche vorgeburtliche und soziale Bedingungen teilen.

Eine ältere Übersicht über veröffentlichte Fälle fand bei eineiigen Zwillingspaaren eine deutlich höhere Übereinstimmung hinsichtlich Geschlechtsdysphorie als bei zweieiigen Paaren. Allerdings gab es nur eine kleine Zahl untersuchter Fälle und die Daten stammten überwiegend aus Fallberichten. 7

Eine 2025 veröffentlichte und methodisch deutlich robustere Untersuchung hat dieses Bild wesentlich präzisiert. Ein australisches Forschungsteam kombinierte neue Daten von 27 Zwillingspaaren aus zwei spezialisierten Kliniken mit zuvor veröffentlichten Zwillingsdaten und kam auf eine gepoolte Stichprobe von 463 Zwillingspaaren. Bezogen auf eine angenommene Bevölkerungsprävalenz von einem Prozent ergab sich ein relatives Risiko für Konkordanz (siehe Wikipedia) von 21,2 bei eineiigen und 8,7 bei zweieiigen Paaren. Das spricht für einen erheblichen genetischen Beitrag zur geschlechtlichen Vielfalt. 8 Bemerkenswert ist dabei ein zweites Ergebnis derselben Studie: Beim Vergleich gleichgeschlechtlicher und gegengeschlechtlicher zweieiiger Zwillingspaare, die sich in ihrer vorgeburtlichen Hormonumgebung unterscheiden, zeigte sich kein Unterschied in der Konkordanz. Das spricht gegen einen maßgeblichen Einfluss pränataler Sexualhormone auf diesem speziellen Weg und deutet darauf hin, dass genetische und hormonelle Faktoren nicht gleich stark oder nicht auf dieselbe Weise wirken. 8

Gerade die fehlende vollständige Übereinstimmung eineiiger Zwillinge bleibt dabei wissenschaftlich aufschlussreich. Wäre Geschlechtsidentität ausschließlich durch eine einfache genetische Variante festgelegt, müssten eineiige Zwillinge nahezu immer dieselbe Identität entwickeln. Das tun sie nicht. Eine begleitende systematische Übersichtsarbeit derselben Arbeitsgruppe kommt zu dem Schluss, dass die meisten Studien sowohl genetische als auch umweltbedingte Beiträge zur Geschlechtsidentität und zu geschlechtstypischem Verhalten finden. Die genetischen Anteile liegen je nach Studie zwischen etwa 10 und 77 Prozent. 9 Diese große Schwankungsbreite zeigt vor allem, wie unterschiedlich die bisherigen Studien angelegt waren, und mahnt zur Vorsicht bei einzelnen Prozentzahlen.

Wahrscheinlicher als eine einzelne Ursache ist daher ein komplexes Zusammenspiel aus vielen genetischen Varianten, pränatalen Bedingungen, epigenetischer Regulation und individueller Entwicklung.

Gibt es ein "Trans-Gen"?

Nein. Die Forschung hat kein einzelnes Gen gefunden, das bestimmt, ob ein Mensch trans ist. Das wäre angesichts der Komplexität menschlicher Entwicklung auch überraschend.

Untersucht wurden unter anderem Gene, die an der Produktion, Umwandlung oder Wirkung von Sexualhormonen beteiligt sind. Einige Studien fanden statistische Zusammenhänge zwischen bestimmten Varianten von Androgen- oder Östrogenrezeptoren und Geschlechtsdysphorie beziehungsweise Transgeschlechtlichkeit. 10, 11 Andere Untersuchungen nutzten Exomsequenzierungen und fanden bei einzelnen trans Personen seltene Varianten in Genen, die an hormonellen Signalwegen oder der geschlechtlichen Differenzierung des Gehirns beteiligt sein könnten. 12

Solche Ergebnisse sind interessant, aber noch kein Nachweis eines eindeutigen genetischen Mechanismus. Viele Studien arbeiten mit relativ kleinen Gruppen, manche Befunde konnten bisher nicht unabhängig bestätigt werden, und bei der großen Zahl möglicher genetischer Varianten besteht außerdem immer das Risiko zufälliger statistischer Zusammenhänge.

Der derzeitige Forschungsstand spricht daher eher für eine polygenetische Beteiligung. Viele genetische Varianten könnten jeweils einen kleinen Beitrag leisten und mit hormonellen, epigenetischen und anderen Entwicklungsbedingungen interagieren. Gene wären damit kein Schalter, der zwischen cis und trans umgelegt wird, sondern Teil eines biologischen Entwicklungsnetzwerks.

Was Gehirnscans zeigen und was sie nicht zeigen

Kaum ein Forschungsbereich wird in der öffentlichen Diskussion so stark vereinfacht wie die Neurobiologie transgeschlechtlicher Menschen. Immer wieder ist zu lesen, trans Frauen hätten "weibliche Gehirne" und trans Männer "männliche Gehirne". Diese Formulierung ist eingängig, aber wissenschaftlich zu grob.

Zwischen den Gehirnen von Männern und Frauen existieren statistische Unterschiede, die Verteilungen überlappen jedoch stark. Es gibt nicht das einheitliche männliche und das einheitliche weibliche Gehirn. Einzelne Menschen besitzen vielmehr jeweils eine individuelle Kombination verschiedener Merkmale.

Studien mit trans Menschen fanden Unterschiede in Bereichen, die unter anderem an Körperwahrnehmung, Selbstwahrnehmung, sensorischer Verarbeitung und der Verarbeitung geschlechtlicher Merkmale beteiligt sind. 13, 14 Einige Ergebnisse lagen im Durchschnitt näher bei Personen desselben Geschlechts als die untersuchten trans Menschen, andere Merkmale entsprachen eher dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht, und wieder andere ließen sich keiner dieser beiden Gruppen eindeutig zuordnen. 15

Eine größere gemeinsame Auswertung mehrerer Datensätze, die ENIGMA-Transgender-Arbeitsgruppe, kam 2021 zu dem Ergebnis, dass die untersuchten trans Personen nicht einfach entlang einer Achse vom "männlichen" zum "weiblichen" Gehirn verschoben waren. Stattdessen zeigten sie ein komplexes und teilweise eigenständiges neuroanatomisches Muster. 16 Das ist bedeutsam, darf aber nicht überinterpretiert werden, denn viele bildgebende Studien arbeiten mit kleinen und uneinheitlich zusammengesetzten Gruppen, nutzen unterschiedliche Messmethoden, und Alter, sexuelle Orientierung, psychische Belastungen sowie Hormonbehandlungen können die Ergebnisse zusätzlich beeinflussen. Gruppenunterschiede erlauben zudem keine zuverlässige Aussage über eine einzelne Person, und das Gehirn selbst verändert sich fortlaufend durch Erfahrungen und soziale Bedingungen.

Aus einem Gehirnscan lässt sich deshalb nicht ablesen, ob ein Mensch trans ist. Eine Studie, die versuchte, biologisches Geschlecht anhand struktureller MRT-Daten zu klassifizieren, fand bei trans Frauen eine deutlich erhöhte Fehlklassifikationsrate im Vergleich zu cis Personen, was ebenfalls gegen ein einfaches binäres Gehirnmuster spricht. 17 Neuere Übersichtsarbeiten betonen ausdrücklich, dass weder genetische Varianten noch neuroanatomische Messungen geeignet sind, die Geschlechtsidentität eines einzelnen Menschen vorherzusagen oder zu diagnostizieren. 18

Die Neurowissenschaft zeigt biologische Zusammenhänge. Sie liefert keinen Identitätstest.

Das Gehirn ist kein Legitimationsstempel

Die Suche nach biologischen Grundlagen kann politisch hilfreich erscheinen. Wenn Transgeschlechtlichkeit angeborene oder früh entwickelte biologische Anteile besitzt, lassen sich Behauptungen über Erziehung, Verführung oder bewusste Entscheidung leichter zurückweisen. Doch diese Argumentation birgt auch eine Gefahr.

Trans Menschen dürfen nicht erst dann als real und schutzwürdig gelten, wenn ein Gehirnscan, ein Gentest oder eine Hormonmessung ihre Identität bestätigt. Eine solche Forderung würde die Selbstbestimmung durch eine neue Form biologischer Kontrolle ersetzen.

Zudem sind manche neurobiologischen Erklärungsmodelle wissenschaftlich und gesellschaftlich umstritten. Eine 2024 erschienene wissenschaftsphilosophische Arbeit unterzieht gleich drei verbreitete neurobiologische Erklärungsmodelle für Transgeschlechtlichkeit einer kritischen Prüfung und warnt davor, trans Identität auf die Vorstellung eines eindeutig "falschen" oder "vertauschten" Gehirns zu reduzieren. Sie verweist darauf, dass Forschungsergebnisse immer auch von den verwendeten Kategorien, den ausgewählten Vergleichsgruppen und gesellschaftlichen Vorstellungen über Geschlecht geprägt werden, und plädiert für ein Verständnis von Körper und Identität als fortlaufenden Entwicklungsprozess statt als feste, im Gehirn verankerte Tatsache. 19 Diese Kritik widerlegt biologische Einflüsse nicht. Sie fordert zu Recht mehr wissenschaftliche Genauigkeit und mehr Zurückhaltung gegenüber vereinfachenden Formeln.

Die sinnvollere Aussage lautet daher nicht: "trans Menschen besitzen nachweisbar das Gehirn des anderen Geschlechts." Sie lautet: Die Entwicklung von Geschlechtsidentität hat biologische Bestandteile, ist komplex und lässt sich nicht auf Genitalien oder Chromosomen reduzieren. Gleichzeitig kann die Identität einer einzelnen Person nicht durch ein biologisches Messverfahren verifiziert oder widerlegt werden.

Biologisch bedeutet nicht unveränderlich in jedem Detail

Auch der Begriff "biologisch" wird häufig missverstanden. Biologisch bedeutet nicht automatisch genetisch, von Geburt an sichtbar oder in jeder Lebensphase unverändert.

Lesen, Erinnern, Bindung, Sprache und Persönlichkeit besitzen biologische Grundlagen, obwohl sie sich entwickeln und durch Erfahrungen beeinflusst werden. Das Gehirn ist ein biologisches Organ, dessen Strukturen und Netzwerke sich während des gesamten Lebens verändern.

Ähnlich kann Geschlechtsidentität Ergebnis eines biologischen Entwicklungsprozesses sein, ohne dass sie bei der Geburt äußerlich erkennbar sein muss. Menschen können ihre Identität außerdem erst spät verstehen oder benennen. Das bedeutet nicht, dass sie diese Identität in diesem Moment erschaffen haben. Zwischen dem Vorhandensein eines inneren Erlebens und der Fähigkeit, es einzuordnen, können viele Jahre liegen.

Gerade trans Menschen, die in einer Umgebung ohne Sprache, Vorbilder oder gesellschaftliche Akzeptanz aufwachsen, benötigen mitunter lange, um ihre Erfahrungen zu verstehen. Das spätere Coming-out ist daher kein Beleg für eine spät entstandene Identität. Es kann ebenso gut der Zeitpunkt sein, an dem ein Mensch endlich Worte für etwas findet, das lange vorhanden war.

Warum soziale Einflüsse trotzdem eine Rolle spielen

Die Annahme biologischer Grundlagen bedeutet nicht, dass Gesellschaft bedeutungslos wäre. Gesellschaften bestimmen, welche Kleidung, Namen, Berufe, Körperhaltungen und Verhaltensweisen sie als männlich, weiblich oder nichtbinär einordnen. Sie beeinflussen, wie Menschen ihre Identität ausdrücken, welche Begriffe ihnen zur Verfügung stehen und wie sicher sie sich mit einem Coming-out fühlen.

Soziale Bedingungen können beeinflussen, wann ein Mensch sich als trans erkennt, welche Bezeichnung verwendet wird und ob die eigene Identität offen gelebt werden kann. Das ist etwas anderes, als zu behaupten, die Gesellschaft verursache die Identität selbst.

Mehr Sichtbarkeit kann dazu führen, dass mehr Menschen ihre Transgeschlechtlichkeit erkennen und benennen. Sie muss nicht bedeuten, dass dadurch mehr Menschen trans gemacht werden. Auch die zunehmende Zahl offen linkshändiger Menschen entstand nicht, weil Sichtbarkeit Linkshändigkeit erzeugte. Sie entstand, weil weniger Menschen gezwungen wurden, ihre natürliche Präferenz zu unterdrücken.

Geschlechtsidentität lässt sich nicht von außen umprogrammieren

Die Endocrine Society fasst den Forschungsstand dahingehend zusammen, dass äußere Einflüsse Menschen offenbar nicht dazu bringen können, ihre Geschlechtsidentität tatsächlich zu verändern. 1 Das bedeutet nicht, dass Menschen niemals Unsicherheit erleben oder ihre Selbstbeschreibung verändern. Manche benötigen Zeit, um sich zu verstehen, Begriffe können sich verändern, und einzelne Menschen brechen eine Transition ab oder entscheiden sich später für eine andere Lebensweise.

Solche individuellen Entwicklungen belegen jedoch nicht, dass Geschlechtsidentität allgemein durch Therapie, Druck oder Erziehung umprogrammiert werden könnte. Sogenannte Konversionsversuche behandeln trans Menschen nicht, sie trainieren häufig nur Verdrängung, Scham und das Verbergen der eigenen Person. Untersuchungen zu selbst berichteten Erfahrungen mit solchen Konversionsbemühungen zeigen, dass diese mit einer erhöhten psychischen Belastung und einem höheren Risiko für Suizidversuche in Verbindung stehen. 20

Eine Gesellschaft kann Transgeschlechtlichkeit nicht verhindern. Sie kann lediglich beeinflussen, ob trans Menschen sicher, gesund und offen leben können oder ob sie lernen müssen, sich selbst zu verleugnen.

Was wir wissen

Der heutige Forschungsstand lässt sich vorsichtig so zusammenfassen: Geschlechtsidentität besitzt eine biologische Grundlage beziehungsweise zumindest erhebliche biologische Komponenten. An ihrer Entwicklung sind wahrscheinlich mehrere Faktoren beteiligt, darunter genetische Varianten, hormonelle Signalwege, Rezeptorempfindlichkeit, pränatale Entwicklungsbedingungen und die Differenzierung des Gehirns.

Zwillingsstudien sprechen inzwischen recht deutlich für einen substanziellen genetischen Beitrag, während sie einen einfachen Zusammenhang mit pränatalen Sexualhormonen zumindest in der zuletzt untersuchten Konstellation nicht bestätigen konnten. 8 Untersuchungen von Varianten der Geschlechtsentwicklung zeigen, dass Chromosomen, Hormone, Rezeptoren, Genitalentwicklung und Geschlechtsidentität nicht als ein einziger untrennbarer Vorgang behandelt werden können. Neurobiologische Studien finden Gruppenunterschiede, die mit Geschlechtsidentität zusammenhängen können, ohne dass sich daraus ein individueller Test ableiten ließe.

Keine dieser Forschungsrichtungen hat jedoch einen einzelnen universellen Marker entdeckt. Es gibt weder das Trans-Gen noch den Trans-Hormonwert noch den beweiskräftigen Trans-Gehirnscan. Die Ergebnisse sprechen für Vielfalt, nicht für einen simplen biologischen Test.

Was wir noch nicht wissen

Noch ungeklärt ist, wie die verschiedenen biologischen Faktoren genau zusammenwirken. Ebenso wenig wissen wir, ob unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kombinationen von Entwicklungsbedingungen trans sind. Vielleicht gibt es nicht die eine biologische Entstehungsgeschichte von Transgeschlechtlichkeit. Möglicherweise führen verschiedene genetische, hormonelle, epigenetische und neurologische Wege zu ähnlichen Formen geschlechtlichen Erlebens.

Auch die bisherigen Kategorien begrenzen die Forschung. Viele ältere Studien untersuchten ausschließlich binär eingeordnete trans Frauen oder trans Männer. Nichtbinäre, genderfluide und andere geschlechtliche Identitäten wurden häufig ausgeschlossen oder gar nicht erfasst. Die 2025 veröffentlichte australische Zwillingsstudie gehört zu den wenigen Arbeiten, die versucht haben, geschlechtliche Vielfalt jenseits einer reinen binären Erfassung systematisch in ein Zwillingsregister aufzunehmen. Dies zeigt zugleich, wie viel methodische Arbeit hier noch aussteht. 8, 9

Hinzu kommt, dass ältere Veröffentlichungen teilweise pathologisierende Begriffe verwenden. Das spiegelt die medizinische Sprache ihrer Zeit wider, nicht notwendigerweise den heutigen fachlichen oder respektvollen Umgang. Gute Wissenschaft muss diese Grenzen offen benennen.

Trans Menschen sind kein biologisches Rätsel, das erst gelöst werden muss

Es ist berechtigt und wissenschaftlich interessant, nach den biologischen Grundlagen von Geschlechtsidentität zu forschen. Die Ergebnisse können helfen, überholte Vorstellungen von Erziehung, Schuld oder bewusster Entscheidung zurückzuweisen.

Doch trans Menschen müssen nicht vollständig biologisch erklärt werden, um glaubwürdig zu sein. Auch cis Menschen müssen keinen Gehirnscan vorlegen, um ihr Geschlecht anerkannt zu bekommen. Niemand verlangt von einer cis Frau den Nachweis, dass ihre weibliche Identität durch bestimmte Gene, Rezeptoren oder Gehirnregionen verursacht wird.

Die entscheidende Erkenntnis der Forschung liegt deshalb nicht in einem vermeintlichen Beweis, dass jede trans Person ein eindeutig messbares biologisches Merkmal besitzt. Sie liegt darin, dass die einfache Erzählung nicht funktioniert.

Geschlecht ist mehr als Chromosomen. Geschlechtsidentität ist mehr als Erziehung. Transgeschlechtlichkeit ist weder ansteckend noch ein Trend oder eine willkürliche Entscheidung.

Sie ist Teil der natürlichen Vielfalt menschlicher Entwicklung.

Eure, Lizbeth

Quellen

  1. Endocrine Society (2020): Transgender Health: An Endocrine Society Position Statement. Veröffentlicht am 16. Dezember 2020. https://www.endocrine.org/advocacy/position-statements/transgender-health

  2. Bao, A. M. und Swaab, D. F. (2011): Sexual differentiation of the human brain: Relation to gender identity, sexual orientation and neuropsychiatric disorders. Frontiers in Neuroendocrinology, 32(2), 214–226. https://doi.org/10.1016/j.yfrne.2011.02.007

  3. Roselli, C. E. (2018): Neurobiology of gender identity and sexual orientation. Journal of Neuroendocrinology, 30(7), e12562. https://doi.org/10.1111/jne.12562

  4. Ristori, J. et al. (2020): Brain Sex Differences Related to Gender Identity Development: Genes or Hormones? International Journal of Molecular Sciences, 21(6), 2123. https://doi.org/10.3390/ijms21062123

  5. Mazur, T. (2005): Gender dysphoria and gender change in androgen insensitivity or micropenis. Archives of Sexual Behavior, 34, 411–421. https://doi.org/10.1007/s10508-005-4341-x

  6. Furtado, P. S. et al. (2012): Gender dysphoria associated with disorders of sex development. Nature Reviews Urology, 9, 620–627. https://doi.org/10.1038/nrurol.2012.182

  7. Heylens, G. et al. (2012): Gender identity disorder in twins: A review of the case report literature. Journal of Sexual Medicine, 9(3), 751–757. https://doi.org/10.1111/j.1743-6109.2011.02567.x

  8. Conabere, W., Ravine, A., Malta, S., Bourchier, L., Harte, F., Hopper, J. L. und Pang, K. C. (2025): Using twin data to examine heritable and intrauterine hormonal influences on transgender and gender diverse identities. Scientific Reports, 15, 21680. https://doi.org/10.1038/s41598-025-06265-6

  9. Conabere, W., Bourchier, L., Malta, S. et al. (2025): Genetic and Environmental Contributions To Gender Diversity: A Systematic Review of the Twin Literature. Behavior Genetics, 55, 339–359. https://doi.org/10.1007/s10519-025-10231-3

  10. Fernández, R. et al. (2014): The (CA)n polymorphism of ERβ gene is associated with FtM transsexualism. Journal of Sexual Medicine, 11(3), 720–728. https://doi.org/10.1111/jsm.12398

  11. Fernández, R. et al. (2018): Molecular basis of gender dysphoria: androgen and estrogen receptor interaction. Psychoneuroendocrinology, 98, 161–167. https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2018.07.032

  12. Theisen, J. G. et al. (2019): The Use of Whole Exome Sequencing in a Cohort of Transgender Individuals to Identify Rare Genetic Variants. Scientific Reports, 9, 20099. https://doi.org/10.1038/s41598-019-53500-y

  13. Hahn, A. et al. (2015): Structural Connectivity Networks of Transgender People. Cerebral Cortex, 25(10), 3527–3534. https://doi.org/10.1093/cercor/bhu194

  14. Burke, S. M. et al. (2017): Structural connections in the brain in relation to gender identity and sexual orientation. Scientific Reports, 7, 17954. https://doi.org/10.1038/s41598-017-17352-8

  15. Baldinger-Melich, P. et al. (2020): Sex Matters: A Multivariate Pattern Analysis of Sex- and Gender-Related Neuroanatomical Differences in Cis- and Transgender Individuals. Cerebral Cortex, 30(3), 1345–1356. https://doi.org/10.1093/cercor/bhz170

  16. Mueller, S. C. et al. (2021): The Neuroanatomy of Transgender Identity: Mega-Analytic Findings From the ENIGMA Transgender Persons Working Group. Journal of Sexual Medicine, 18(6), 1122–1129. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2021.03.079

  17. Flint, C. et al. (2020): Biological sex classification with structural MRI data shows increased misclassification in transgender women. Neuropsychopharmacology, 45, 1758–1765. https://doi.org/10.1038/s41386-020-0666-3

  18. Bonnekoh, L. M. et al. (2025): Neuroimaging insights into transgender and gender-diverse identities. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41299748/

  19. Arraiza Zabalegui, M. (2024): After the trans brain: A critique of the neurobiological accounts of embodied trans* identities. History and Philosophy of the Life Sciences, 46(1), 10. https://doi.org/10.1007/s40656-023-00602-6

  20. Turban, J. L., Beckwith, N., Reisner, S. L. und Keuroghlian, A. S. (2020): Association Between Recalled Exposure to Gender Identity Conversion Efforts and Psychological Distress and Suicide Attempts Among Transgender Adults. JAMA Psychiatry, 77(1), 68–76. https://doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2019.2285


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