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Weshalb das Bewusstsein für die eigene Transidentität oft erst spät einsetzt

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • vor 12 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit
Teil eines Spiegels in einer Hand, darin Teil eines Gesichts zu erkennen
Selbsterkenntnis ist eine Entwicklung

Späte Erkenntnis der eigenen Transidentität ist nicht selten

Die Vorstellung, dass trans Personen schon früh in ihrer Kindheit wissen, wer sie sind, ist ein hartnäckiger Mythos in der öffentlichen Wahrnehmung. Diese Erzählung mag eingängig sein, doch sie ist wissenschaftlich nicht belegbar. Zahlreiche Studien aus der Psychologie und Soziologie belegen, dass Identität kein fester Zustand ist. Die eigene Identität entwickelt sich über das gesamte Leben und ist immer mit Sprache, sozialen Erwartungen und Sichtbarkeit verknüpft [1].

Es ist kein Zeichen von Verdrängung oder innerem Widerstand, wenn viele Menschen ihre Transidentität erst im Erwachsenenalter erkennen. Oft ist es einfach ein Ergebnis struktureller Bedingungen. Wer die nötigen Begriffe für das eigene Empfinden nicht kennt, kann dieses nicht bewusst einordnen.

Ein inneres, nicht erklärbares, Gefühl

Ein ähnliches Muster zeigt sich immer wieder in biografischen Studien über spät erkennende trans Personen. Ein anhaltendes Gefühl anders zu sein, das eigene Leben als unstimmig zu empfinden, existiert, ohne als Geschlechtsidentität erkannt zu werden. Die Forschung beschreibt dieses Phänomen als präreflexives Erleben. Etwas wird empfunden, bevor es bewusst gedacht oder benannt werden kann [2].

Schon in meiner frühen Kindheit habe ich ein Gespür für meine Weiblichkeit entwickelt. Der Wunsch, in einem weiblichen Körper zu leben, war schon fast immer vorhanden: Manchmal habe ich heimlich Damenmode getragen, einfach weil ich mir darin gefiel. Trotz allem war das für mich über einen langen Zeitraum keine Identität. Es war einfach ein Teil von mir, den ich nicht wirklich verstanden und ausgeblendet habe. Es war weder Scham noch Angst, sondern einfach das fehlende Wissen darum, dass es möglich ist, im falschen Körper zu leben.

Lev erklärt, dass diese Phase für viele trans Biografien typisch ist. Es ist ein reales Empfinden, doch ohne passende Konzepte bleibt es unverbunden [3: Transgender emergence is a developmental process whereby gender-variant people examine themselves and their identity, within a context of compassion and empowerment, and progress to an authentic and functional sex- and gender-identity congruence].

Funktionieren in einer Rolle, die man als gegeben hinnimmt

Das soziale Funktionieren ist ein weiterer entscheidender Aspekt, der zum späten Erkennen beiträgt. Über viele Jahre hinweg leben zahlreiche trans Frauen erfolgreich in einer als männlich gelesenen Rolle, ohne dass sie diese als Zwang empfinden. Beruf, Partnerschaft und Verantwortung sind kein Spiel, sondern werden gelebt.

Auch der Kinderwunsch gehörte für mich dazu. Ich wusste schon immer, dass ich einmal Vater sein wollte, dass ich ein Kind haben wollte. Ich wäre gerne Mutter gewesen, aber ich empfand dies einfach als unmöglich. Und so wurde ich Daddy meiner wunderbaren Tochter. Sie darf mich weiterhin Daddy nennen, weil ich es für sie schon immer war und auch weiterhin bin. Für sie und für mich ist diese Rolle kein Widerspruch zu meiner Identität als Frau, welche sie akzeptiert.

Die Forschung zur Eltern-Kind-Bindung zeigt, dass Kinder Nähe, Sicherheit und Verlässlichkeit erfahren, unabhängig von Geschlechtskategorien. Die Forschung zeigt auch, dass das emotionale Band entscheidend ist, unabhängig vom Geschlecht der Bezugsperson [4].

Warum selbst Begegnungen mit trans Personen nicht ausreichen

Viele glauben, dass man durch das Kennenlernen einer trans Person automatisch zur Selbstreflexion angeregt wird. Das Literatur zu LGBTQIA*-Themen Kinder beeinflusst und diese "anders werden lässt". Auch das kann nicht belegt werden. Sichtbarkeit ist nur dann ein identitätsstiftendes Element, wenn man sich in den präsentierten Lebenswegen wiedererkennen kann [5].

Vor ungefähr fünfzehn Jahren lernte ich das erste Mal bewusst eine trans Person kennen, welche ich auch geschätzt habe. Dennoch habe ich es nie auf mich selbst bezogen. Nicht aus Abwehr und nicht aus Distanz. Ich habe einfach nicht daran gedacht, dass es etwas mit mir zu tun haben könnte. Meine Vorstellungen von Transidentität damals entsprachen nicht dem, was ich selbst erlebte. Erst durch die wachsende gesellschaftliche Sichtbarkeit konnte ich langsam einen inneren Bezugspunkt zu meiner eigenen Transidentität entwickeln.

Sprache als Voraussetzung für Selbsterkenntnis

Identität bildet sich nicht einfach so. Menschen lernen ihre eigenen Erfahrungen in Gelerntes einzuordnen. Laut Bruner ist Identität ein narrativer Prozess, der sich mit den kulturellen Geschichten, welche uns zur Verfügung stehen, verändert.

Trans Themen haben in den vergangenen Jahren glücklicherweise an Sichtbarkeit gewonnen. Endlich werden diese differenzierter und weniger pathologisierend behandelt. Begriffe sind jetzt für mehr Menschen verfügbar denn je zuvor. Gespräche werden geführt und angeboten. So war auch ich endlich in der Lage, mein eigenes Empfinden zu verstehen. Es war kein plötzlicher Aha-Moment, sondern ein allmähliches Begreifen meiner selbst. Anfänglich habe ich mich im nicht-binären Spektrum eingeordnet. Erst später wurde mir bewusst, dass das nicht stimmig ist und ich einfach eine Frau bin.

Lev beschreibt diesen Prozess als rekursiv. Menschen kommen ihrer Identität Schritt für Schritt näher, indem sie ihr eigenes Bild von sich korrigieren, alte Beschreibungen überdenken und schließlich die passenden Worte finden, die sie wirklich beschreiben [3].

Im eigenen Körper ankommen

Ein häufiges Missverständnis ist, dass man erst nach körperlicher Angleichung Wohlbefinden erfahren kann. Forschungen belegen jedoch, dass schon die soziale Transition, sprich das Leben in der eigenen Geschlechtsidentität, oft zu einer erheblichen Verringerung von Dysphorie und psychischer Belastung führt [6].

Mein Körper zeigt weiterhin viele männlich gelesene Merkmale. Sie sind nicht über Nacht weg, lassen sich leider nicht wegzaubern. Trotzdem empfinde ich mich zum ersten Mal in meinem Leben wohl in meinem eigenen Körper. Nicht, weil er makellos ist, sondern weil ich ihn endlich akzeptiere. Ich entdecke meine Weiblichkeit Stück für Stück, ich betone sie und ich lebe sie aus. Zum ersten Mal überhaupt mag ich meine eigenen Haare... Das allein verändert das Körpergefühl grundlegend.

Reaktionen von Kindern und in Partnerschaften

Die Reaktionen der eigenen Kinder sind für viele spät erkennende trans Personen Grund zur Sorge. Wissenschaftliche Untersuchungen und auch meine persönliche Erfahrung zeigen, dass diese Furcht oft keinen Grund hat. Kinder zeigen meist eine pragmatische, offene und beziehungsorientierte Reaktion. Ihnen ist wichtig, dass die Beziehung stabil bleibt. Wir verändern uns ständig und für Kinder ist Veränderung normal, Normen sind oft noch nicht fest geprägt.

In Partnerschaften ist es hingegen oft anders. Hier trifft die eigene Transition oft auf die Identitätsfragen der:des Partner:in, soziale Erwartungen und verinnerlichte Rollenbilder. Forschungsergebnisse belegen, dass Unterstützung aus dem nahen Umfeld einer der entscheidenden Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit von trans Personen ist, während Ablehnung ein großes Risiko darstellt [5].

Ein späterer Lernprozess ist kein Misserfolg

Wenn man im Alter die eigene Transidentität erkennt, heißt das nicht, dass man etwas zu spät erkannt hat. Vielmehr beweist sie, wie sehr Selbsterkenntnis von äußeren Faktoren abhängt. Eine klare Identität kann sich erst dann entwickeln, wenn Sprache, Wissen und das soziale Umfeld vorhanden sind. Vorher bleibt das innere Empfinden oft ohne klares Verständnis.

Ich erlebe diesen Prozess nicht als Bruch, sondern als Ankommen. Langsam und in kleinen Schritten...

Eure, Lizbeth

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