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Schweigen schützt niemanden

LGBTQIA*-Feindlichkeit lebt von Unsichtbarkeit und Ignoranz. Wenn dich dieser Beitrag bewegt hat, teile ihn. Damit mehr Menschen verstehen, warum es queere Menschen braucht. Und warum wir sie alle schützen müssen.

Unsere Vielfalt. Unsere Stärke: Auf zum Münchner CSD 2026

  • Autorenbild: Lizbeth
    Lizbeth
  • 24. Juni
  • 7 Min. Lesezeit
CSD München - Munich Pride - Logo
CSD München - Munich Pride - Logo

Es gibt Termine, auf die ich mich schon Wochen vorher freue. Der Münchner Christopher Street Day gehört ganz eindeutig dazu. In wenigen Tagen ist es wieder so weit: München wird bunt, laut, politisch und wunderbar vielfältig. Am Samstag, dem 27. Juni 2026, zieht die große PolitParade durch die Innenstadt und startet wie gewohnt um 12 Uhr. Natürlich werden auch wir wieder dabei sein.

Fast jedenfalls. Unsere Jüngste kann uns in diesem Jahr leider nicht begleiten. Ausgerechnet an diesem Samstag steht ein großer Probetermin mit ihrer Theatergruppe an. So schade das ist, gehört auch das zu unserem Familienleben: Manchmal fallen zwei wichtige Dinge auf denselben Tag, und dann muss eine Entscheidung getroffen werden. Wir werden sie bei der Parade vermissen, während sie an anderer Stelle probt, spielt und vermutlich selbst ein wenig Lampenfieber erlebt.

Der Rest unserer Familie wird sich jedoch wieder mitten hineinbegeben in dieses besondere Gefühl, das der Münchner CSD jedes Jahr erzeugt. Zwischen politischen Botschaften, Musik, wehenden Flaggen und all den Menschen, die gemeinsam sichtbar werden, entsteht für einige Stunden eine Atmosphäre, die sich nur schwer beschreiben lässt. Sie ist fröhlich und ausgelassen. Gleichzeitig ist sie ernst, entschlossen und manchmal auch berührend.

Ein Wochenende, auf das ich mich freue

Unsere Planung steht im Großen und Ganzen bereits. Wir werden die PolitParade begleiten, die Stimmung genießen und uns durch die Münchner Innenstadt treiben lassen. Nachmittags wollen wir eine kleine Pause im Nash einlegen. Einmal kurz sitzen, etwas trinken, die Beine ausruhen und die bisherigen Eindrücke des Tages sortieren.

Solche kleinen Pausen gehören für mich inzwischen genauso zum CSD wie die Parade selbst. Ein langer Tag muss nicht ohne Unterbrechung durchgetaktet werden. Es ist schön, zwischendurch zur Ruhe zu kommen, miteinander zu reden und anschließend mit neuer Energie weiterzuziehen.

Am Abend treffen wir uns dann zum Essen im Hans im Glück. Dort wollen wir den Tag gemeinsam ausklingen lassen. Wahrscheinlich werden wir über die schönsten Schilder sprechen, über besondere Begegnungen, über Musik, Reden und Momente, die uns im Gedächtnis geblieben sind. Vielleicht werden wir auch erschöpft sein. Aber hoffentlich auf diese angenehme Weise, die nach einem erfüllten Tag entsteht.

Der CSD ist für mich deshalb nicht nur eine Demonstration oder eine Veranstaltung. Er ist auch ein gemeinsamer Familientag. Einer, an dem wir Haltung zeigen und gleichzeitig miteinander eine schöne Zeit verbringen.

"Unsere Vielfalt. Unsere Stärke."

Der Münchner CSD steht in diesem Jahr unter dem Motto "Unsere Vielfalt. Unsere Stärke." Auf den ersten Blick ist das ein angenehm klares Motto. Es braucht keine langen Erklärungen, um seine grundlegende Botschaft zu verstehen. Queere Menschen sind unterschiedlich. Wir haben verschiedene Biografien, Erfahrungen, Identitäten, Körper, Lebensentwürfe und Bedürfnisse. Genau diese Unterschiede machen unsere Community nicht schwächer. Sie machen sie lebendig und stark.

Eingereicht wurde das Motto von Raphael Kosecki vom Schwul-Queeren Zentrum Sub e.V. Aus mehr als 30 eingereichten Vorschlägen wählte ein Workshop aus Vertreter*innen der queeren Münchner Community im Februar das finale Motto für 2026. Kosecki bringt den Gedanken dahinter auf den Punkt: Vielfalt werde innerhalb der Community oft als etwas Trennendes empfunden, sei in Wirklichkeit aber genau das, was die Gemeinschaft stark mache.

Das Motto richtet sich zugleich nach außen und nach innen.

Nach außen sagt es deutlich: Wir lassen uns nicht verdrängen. Wir akzeptieren nicht, dass einzelne Gruppen aus der Gesellschaft herausgegriffen, abgewertet oder gegeneinander ausgespielt werden. Eine vielfältige Gesellschaft ist keine Gefahr. Sie ist ein Gewinn.

Nach innen erinnert es daran, dass Solidarität nicht an der eigenen Identität enden darf. Wenn trans Personen angegriffen werden, betrifft das nicht nur trans Personen. Wenn queere Geflüchtete keinen ausreichenden Schutz erhalten, dürfen andere Teile der Community nicht wegsehen. Wenn lesbische, schwule, bisexuelle, intergeschlechtliche oder nichtbinäre Menschen diskriminiert werden, braucht es die Unterstützung aller.

Vielfalt funktioniert nicht, wenn sie nur auf Fahnen, Plakaten und Werbeanzeigen gut aussieht. Sie muss sich darin zeigen, wie wir miteinander umgehen. Sie verlangt, dass wir einander zuhören, uns gegenseitig schützen und auch jene Perspektiven ernst nehmen, die nicht unserer eigenen Erfahrung entsprechen.

Pride bleibt politisch

Natürlich darf ein CSD fröhlich sein. Wir dürfen feiern, tanzen, lachen, uns schön machen und einen ausgelassenen Tag verbringen. Queere Freude ist wichtig. Sichtbare Lebensfreude ist gerade in schwierigen Zeiten selbst eine Form des Widerstands.

Doch Pride war nie nur eine Party.

Die PolitParade trägt ihren Namen nicht zufällig. Sie erinnert daran, dass viele Rechte, die heute selbstverständlich erscheinen mögen, hart erkämpft wurden. Gleichzeitig macht sie sichtbar, dass Gleichberechtigung noch lange nicht vollständig erreicht ist.

Queerfeindliche Gewalt, Hass und politische Angriffe nehmen Raum ein. Besonders trans Personen werden immer wieder zum Ziel zugespitzter Kampagnen. Häufig wird dabei so getan, als ginge es um sachliche Sorgen oder den Schutz anderer Gruppen. Tatsächlich werden Vorurteile verbreitet, Lebensrealitäten verzerrt und Minderheiten als gesellschaftliches Problem dargestellt.

Gerade deshalb reicht es nicht, nur auf frühere Fortschritte zurückzublicken. Erkämpfte Rechte können wieder infrage gestellt werden. Schutz kann lückenhaft bleiben. Beratungsangebote können durch fehlende Finanzierung verschwinden. Politische Mehrheiten können sich verändern.

Sichtbarkeit allein löst diese Probleme nicht. Aber Unsichtbarkeit würde sie noch leichter machen.

Sechs Forderungen, die gehört werden müssen

Der Münchner CSD verbindet die diesjährige PolitParade mit sechs zentralen politischen Forderungen. Sie zeigen, wie breit das Spektrum der weiterhin ungelösten Aufgaben ist.

Eine der wichtigsten Forderungen ist die Ergänzung von Artikel 3, Absatz 3 des Grundgesetzes um die Merkmale sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität. Ein solcher Schutz wäre weit mehr als ein symbolischer Satz. Er würde deutlich machen, dass queere Menschen nicht nur von wechselnden politischen Mehrheiten abhängig sein dürfen. Alle bisher erkämpften Rechte sind einfache Gesetze, die mit einfacher Mehrheit wieder kassiert werden können. Das Grundgesetz setzt dem eine Grenze.

Ebenso wichtig ist der wirksame Kampf gegen Hasskriminalität und Hassrede. Dazu gehören sensibilisierte Sicherheitsbehörden, bessere Erfassung, ernsthafte Schutzkonzepte und Anlaufstellen für Betroffene. Gewalt beginnt nicht erst mit einem körperlichen Angriff. Auch Bedrohungen, Beleidigungen, gezielte Einschüchterung und digitale Hetze können Menschen dauerhaft belasten und aus dem öffentlichen Raum verdrängen.

Die dritte Forderung betrifft das Selbstbestimmungsgesetz, das erhalten und bedarfsgerecht erweitert werden muss. Für viele trans, intergeschlechtliche und nichtbinäre Menschen bedeutet die selbstbestimmte Änderung von Vornamen und Geschlechtseintrag eine enorme Erleichterung. Eine Rückkehr zu entwürdigenden Begutachtungen und fremdbestimmten Verfahren darf es nicht geben.

Auch das Abstammungsrecht muss endlich die Vielfalt heutiger Familien abbilden und die rechtliche gemeinschaftliche Elternschaft ab Geburt eines Kindes, unabhängig vom Geschlecht der Eltern, anerkennen. Es ist nicht nachvollziehbar, warum eine Mutter das in ihre Ehe hineingeborene Kind ihrer Ehefrau erst adoptieren muss, während in einer verschiedengeschlechtlichen Ehe die Elternschaft automatisch anerkannt wird. Familie entsteht durch Verantwortung, Fürsorge und Liebe. Das Recht sollte diese Realität widerspiegeln.

Eine weitere Forderung gilt queeren Geflüchteten. Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität verfolgt werden, brauchen Schutz. Sie dürfen nicht in Länder abgeschoben werden, in denen ihnen Haft, Gewalt oder Tod drohen. Pride darf nicht an Staatsangehörigkeit oder Herkunft enden.

Schließlich fordert der Münchner CSD 2026 einen wirksamen queeren Aktionsplan für Bayern. Bayern benötigt konkrete, finanzierte und gemeinsam mit der Community entwickelte Maßnahmen. Einzelne Projekte ersetzen keine langfristige Strategie. Es braucht verlässliche Strukturen in den Bereichen Bildung, Beratung, Gesundheit, Sicherheit, Jugend, Kultur und gesellschaftliche Teilhabe.

Diese sechs Forderungen zeigen, warum der CSD auch 2026 notwendig bleibt. Es geht nicht um Sonderrechte. Es geht darum, bestehende Ungleichheiten zu beseitigen und allen Menschen ein sicheres, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Eine neue PrideMeile für München

Auch organisatorisch verändert sich der Münchner CSD in diesem Jahr deutlich. Das bisherige Straßenfest zieht auf die Ludwigstraße und wird zur neuen PrideMeile. Zwischen Odeonsplatz und Siegestor entsteht auf über einem Kilometer Länge ein großer Bereich mit fünf Bühnen, knapp 90 Infoständen aus der Community und von Allys sowie verschiedenen thematischen Areas.

Das offizielle Pride-Wochenende beginnt bereits am Freitag um 16 Uhr. Damit erhält der CSD mehr Raum und mehr Zeit: Die neue PrideMeile soll größer, vielfältiger und zugleich sicherer werden, und das über drei Tage bis Sonntag.

Neben Musik und Unterhaltung gibt es neue Bereiche zu den Themen Sport und Generationen sowie eine KaraokeBühne, dazu FetishArea, politische Gespräche, Community-Angebote, Drag, Kultur und zahlreiche Infostände. Die RegenbogenfamilienArea befindet sich noch einmal am Frauenplatz, mit Hüpfburg, Infoständen und einem LEGO-Spielstand, und bietet dort einen eigenen Bereich für Familien, Austausch und gemeinsames Spielen.

Ich bin gespannt, wie sich die neue PrideMeile anfühlen wird. Einen Umzug dieser Größenordnung sehe ich jedoch auch kritisch: Die Ludwigstraße liegt außerhalb der Fußgängerzone, und das entfernt den CSD aus der Mitte der Stadt. Die PrideMeile ist nicht weit, aber auch nicht mehr mittendrin.

Und Sichtbarkeit ist gerade jetzt wichtig.

München sendet ein starkes Zeichen

Der Münchner CSD findet in einer Stadt statt, die sich selbst als offen und vielfältig versteht. Mit Dominik Krause führt erstmals ein offen schwuler Oberbürgermeister die Stadt und übernimmt zugleich die Schirmherrschaft des CSD. Bernd Müller vertritt die Rosa Liste neu im Münchner Stadtrat und übernimmt als politischer Sprecher des CSD eine wichtige Rolle.

Das sind erfreuliche Zeichen. Sie zeigen, dass queere Menschen sichtbar politische Verantwortung übernehmen können. Sie bedeuten jedoch nicht, dass alle Probleme gelöst wären.

Auch in München stehen soziale und queere Einrichtungen unter finanziellem Druck. Beratungsstellen, Jugendangebote, Gesundheitsprojekte und Community-Räume benötigen langfristige Sicherheit. Gerade diese Orte bieten Unterstützung, Begegnung und Schutz. Sie dürfen nicht als verzichtbarer Luxus betrachtet werden.

Eine Stadt kann sich nicht allein durch Regenbogenfahnen als queerfreundlich beweisen. Entscheidend ist, ob sie die Menschen und Strukturen schützt, die queeres Leben im Alltag ermöglichen.

Gemeinsam auf die Straße

Für mich ist die PolitParade immer wieder ein besonderer Moment. So viele unterschiedliche Menschen gehen gemeinsam durch die Stadt. Manche sind laut und auffällig. Andere laufen eher still mit. Einige tragen politische Forderungen auf großen Bannern. Andere haben kleine, selbst gemalte Schilder dabei. Manche feiern ihren ersten CSD. Andere nehmen seit Jahrzehnten teil.

Nicht alle erleben Pride auf dieselbe Weise. Für einige ist der Tag ein großes Fest. Für andere ist er ein vorsichtiger erster Schritt in die Öffentlichkeit. Manche können offen mit ihrer Familie teilnehmen. Andere müssen anschließend vielleicht ihre Regenbogenfahne verstecken, bevor sie nach Hause fahren.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir gemeinsam dort sind.

Wir zeigen, dass queere Menschen Teil dieser Stadt und dieser Gesellschaft sind. Nicht als abstrakte politische Debatte, sondern als Familien, Freundeskreise, Kolleginnen, Nachbarinnen und Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten.

Auch Allys gehören dazu. Gleichberechtigung ist keine Aufgabe, die Minderheiten allein bewältigen sollten. Eine offene Gesellschaft muss von allen verteidigt werden, die in ihr leben wollen.

Vorfreude und Entschlossenheit

Wenn ich an Samstag denke, spüre ich vor allem Vorfreude. Ich freue mich auf die Farben, die Musik und die Menschen. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Zeit als Familie. Ich freue mich auf die Pause im Nash und auf das Essen am Abend. Ich freue mich sogar ein wenig auf die müden Füße, die nach einem langen CSD-Tag wohl kaum ausbleiben werden.

Gleichzeitig weiß ich, dass unsere Teilnahme nicht nur ein schöner Ausflug ist.

Wir gehen auf die Straße, weil Vielfalt geschützt werden muss. Weil queere Rechte keine Selbstverständlichkeit sind. Weil besonders jene Unterstützung brauchen, die derzeit gezielt angegriffen werden. Und weil wir nicht zulassen wollen, dass Angst, Hass und Ausgrenzung unsere Gesellschaft bestimmen.

Unsere Jüngste wird dieses Mal nicht neben uns laufen können. Sie wird ihren eigenen wichtigen Termin haben. Dennoch gehört sie gedanklich zu unserem Familientag. So wie Familie eben funktioniert: Nicht immer sind alle am selben Ort, aber trotzdem sind alle miteinander verbunden.

Ich hoffe auf einen friedlichen, fröhlichen und kraftvollen Münchner CSD. Auf einen Tag voller Begegnungen, klarer Botschaften und wunderbarer Momente.

Denn unsere Vielfalt ist keine Schwäche, die wir erklären oder verteidigen müssen.

Unsere Vielfalt ist unsere Stärke.

Eure, Lizbeth

P.S.: Und nächste Woche wird es wieder ein paar Bilder geben...

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