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Worte können verletzen oder schützen.

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James Talarico: Wählbar heißt für mich noch lange nicht überzeugend

Autorenbild: Lizbeth
Lizbeth
vor 11 Minuten
8 Min. Lesezeit
James Talarico (wikipedia)
James Talarico (wikipedia)

Ich kann bei der Senatswahl in Texas am 3. November nicht abstimmen. Wäre ich dort stimmberechtigt, bekäme James Talarico meine Stimme. Angesichts seines republikanischen Gegners Ken Paxton wäre die Entscheidung für mich klar. Glücklich wäre ich damit trotzdem nicht.

Ich möchte mich auf Menschen verlassen können, die versprechen, für unsere Rechte einzutreten. Als trans Frau höre ich deshalb genau hin, wenn aus einem deutlichen Bekenntnis plötzlich eine Antwort mit vielen Ausweichmöglichkeiten wird. Bei Talarico habe ich inzwischen genau dieses ungute Gefühl.

Was für ihn spricht

Es gibt gute Gründe, ihm Unterstützung zuzutrauen. In seinem Wahlprogramm verspricht er, die Legalität der gleichgeschlechtlichen Ehe zu schützen und queere Menschen vor staatlichen Übergriffen zu verteidigen. Er begründet seine Politik mit dem Gebot der Nächstenliebe und wendet sich offen dagegen, Religion als Waffe gegen andere Menschen einzusetzen. Das verdient Anerkennung. [1]

Auch seine Vergangenheit im texanischen Repräsentantenhaus spricht für ihn. 2021 stimmte er gegen die Gesetze, mit denen trans Schüler:innen vom Sport in ihrem Geschlecht ausgeschlossen wurden. Damals warf er den Befürworter:innen vor, der Staat solle die Körper von Kindern kontrollieren, und stellte klar, dass fairer Wettbewerb nicht über allem stehe. [2] Gegen das Gesetz SB 14, das 2023 geschlechtsangleichende Behandlungen bei Minderjährigen in Texas weitgehend verbot, stimmte er ebenfalls. [4]

Doch genau dieser Kontrast macht seine heutigen Aussagen so auffällig. Bei konkreten Fragen zu trans Menschen wird es unübersichtlich.

Sport: Ein Vorbehalt ohne Kriterien

Am 9. September sagte Talarico in einem Interview mit Fox News, er lehne die Teilnahme von trans Sportlerinnen am Mädchensport ab, wenn dadurch Sicherheit oder Fairness gefährdet würden. Die Texas Tribune wertete das als Kehrtwende gegenüber seinen früheren Positionen. Es war offenbar das erste Mal, dass er selbst sich so deutlich äußerte, und das ausgerechnet vor dem konservativen Publikum eines Senders, über den er rechtsgerichtete Wähler:innen gewinnen möchte. [2]

Der Vorbehalt gehört zu seiner Aussage. Ihn wegzulassen und daraus ein grundsätzliches Verbot zu machen, wäre unfair. Ebenso gehört dazu, dass er am 24. September auf dem Festival der Texas Tribune bestritt, seine Position geändert zu haben. Er lehne pauschale landesweite Verbote weiterhin ab. Entscheidungen sollten örtliche Schul- und Sportverantwortliche nach Sportart und für jede einzelne Athletin treffen. Den Schutz von Kindern und faire Wettbewerbsbedingungen bezeichnete er als vereinbare Ziele. [3]

Neu ist diese Linie nicht. Schon im Januar hatte er in einem Podcast angekündigt, es werde Regeln geben, nach denen eine Teilnahme manchmal nicht erlaubt sei. [2]

Trotzdem bleiben für mich die entscheidenden Fragen offen. Welche Kriterien sollen gelten? Wer muss eine Gefährdung nachweisen? Welchen Schutz haben trans Mädchen, wenn die Verantwortlichen vor Ort sie grundsätzlich ablehnen? Gerade in Texas ist das keine theoretische Sorge. Die Verantwortung nach unten weiterzureichen, beantwortet nicht, welche Rechte diese Kinder gegenüber solchen Entscheidungen haben.

Die trans Journalistin Erin Reed hat dafür eine treffende Beobachtung formuliert: Der Verweis auf örtliche Entscheidungen umgeht die Frage, welche Rolle die Bundesebene beim Schutz vor Diskriminierung spielen soll. Und genau über Bundesgesetze würde Talarico als Senator abstimmen. [3] Auch Equality Texas, die wichtigste LGBTQ+-Organisation des Bundesstaates, reagierte enttäuscht und erklärte, Fairness im Schulsport müsse trans Kinder einschließen. [2]

Ich erwarte keine identischen Regeln für jede Sportart. Ich erwarte nachvollziehbare Kriterien und einen wirksamen Schutz vor Diskriminierung. Wer Unterstützung verspricht, sollte erklären, wie beides zusammen funktionieren soll.

Medizinische Versorgung: Die eigentliche Festlegung

Noch deutlicher wird mein Unbehagen bei der medizinischen Versorgung. Im selben Fox-Interview sagte Talarico, er werde als Senator "absolutely" für ein bundesweites Verbot geschlechtsangleichender Operationen bei Minderjährigen stimmen. Seine Ablehnung von SB 14 begründete er damit, das Gesetz sei zu weit gefasst gewesen. Er habe einen Änderungsantrag unterstützt, der es auf Operationen beschränkt hätte. SB 14 untersagt jedoch neben Operationen auch Pubertätsblocker und Hormonbehandlungen. [4]

Wer seine Begründung ernst nimmt, kann daraus ableiten, dass er ein Verbot dieser Behandlungen ablehnt. Ausdrücklich gesagt hat er das in diesem Zusammenhang aber nicht. Erin Reed weist darauf hin, dass ein bundesweites Gesetz, das unter dem Etikett eines Operationsverbots verkauft wird, im Wortlaut leicht auch Hormontherapien erfassen könnte. [3]

Was in dieser Debatte zu kurz kommt: Geschlechtsangleichende Operationen bei trans Minderjährigen sind selten. Eine 2024 in JAMA Network Open veröffentlichte Studie wertete Abrechnungsdaten von knapp 23 Millionen versicherten Minderjährigen und rund 47 Millionen versicherten Erwachsenen aus dem Jahr 2019 aus. Sie fand 85 entsprechende Eingriffe bei Minderjährigen und 2.664 bei Erwachsenen. Knapp 97 Prozent der erfassten Eingriffe entfielen damit auf Erwachsene. Bei den Minderjährigen betrafen 82 der 85 Eingriffe, also 96,4 Prozent, den Brustbereich. Bei Kindern bis einschließlich zwölf Jahren fand die Studie keinen einzigen Eingriff. [5]

Eine Zahl aus derselben Studie finde ich besonders aufschlussreich. Von 151 Brustverkleinerungen bei minderjährigen cis Jungen und trans Jugendlichen entfielen 146, also 97 Prozent, auf cis Jungen. Dieselbe Art von Eingriff ist bei cis Jugendlichen also deutlich häufiger, wird aber politisch kaum thematisiert. [5]

Die Zahlen haben Grenzen. Sie stammen aus einer großen Versichertenstichprobe, nicht aus einer vollständigen Zählung aller Operationen in den USA. Selbst bezahlte Eingriffe sind nicht erfasst, und die Zuordnung beruht auf Diagnose- und Abrechnungscodes. [5] An der Größenordnung ändert das nichts.

Auch die Leitlinie der Endocrine Society unterscheidet zwischen den Eingriffsarten. Für Genitaloperationen, die eine Entfernung der Keimdrüsen oder der Gebärmutter einschließen, empfiehlt sie, mindestens bis zum 18. Lebensjahr beziehungsweise zur Volljährigkeit im jeweiligen Land zu warten. Bei Brustoperationen soll der Zeitpunkt von der individuellen körperlichen und psychischen Situation abhängen. Für eine feste Altersgrenze sieht die Leitlinie hier keine ausreichende Evidenz. [6] Die Leitlinie stammt aus dem Jahr 2017, eine Überarbeitung hat die Fachgesellschaft angekündigt. [12]

Die seltenen Fälle bei Jugendlichen verdienen eine sorgfältige medizinische Beurteilung. Von Talarico erwarte ich, dass er diese Größenordnung benennt und die unterschiedlichen Eingriffe auseinanderhält, wenn er über ein bundesweites Verbot spricht. Er möchte bestimmte medizinische Entscheidungen durch ein Gesetz ausschließen. Das ist eine konkrete politische Festlegung, und darüber muss man ihn auch dann kritisch befragen dürfen, wenn er gleichzeitig betont, trans Kinder schützen zu wollen.

Die Antwort, die fehlt

Besonders aufschlussreich finde ich seine am 13. Oktober veröffentlichte Antwort an die Texas Tribune. Die Redaktion fragte, ob der Bund wie Texas ein Gesetz beschließen solle, das Ärzt:innen verbietet, medizinische Transitionsbehandlungen für unter 18-Jährige zu verschreiben oder zu genehmigen. Talarico antwortete, er unterstütze keine geschlechtsangleichenden Operationen bei Minderjährigen. Dann versicherte er, sich stets vor Kinder zu stellen, die von mächtigen Politiker:innen schikaniert werden, und wechselte zu Benzinpreisen, Lebensmitteln, Gesundheitskosten und Korruption. [7]

Gefragt war nach Behandlungen insgesamt, also auch nach Pubertätsblockern und Hormonen. Genau dazu sagte er nichts.

An solchen Stellen habe ich das Gefühl, dass er sich wie ein Aal durch unangenehme Fragen windet. Am Ende steht viel Text da. Die Antwort, auf die es ankommt, fehlt.

Ich kann nachvollziehen, dass ein Kandidat in Texas Menschen mit sehr unterschiedlichen Überzeugungen erreichen muss. Das Rennen gilt als knapp, und ein Sieg wäre der erste landesweite Erfolg der Demokraten in Texas seit 1994. [7] Ich weiß auch, dass Politik Kompromisse verlangt. Aber bei Entscheidungen über medizinische Versorgung möchte ich wissen, welchen Raum er Eltern, Jugendlichen und behandelnden Fachleuten tatsächlich lassen würde. Ein allgemeines Versprechen von Mitgefühl reicht mir dafür nicht.

Equality Act: Eine Zusage auf Abruf

Beim Equality Act zeigt sich ein ähnliches Muster. Das Gesetz würde den Schutz vor Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität im US-Bundesrecht verankern. Talarico hatte 2025 in einem Fragebogen der Stonewall Democrats of Austin schriftlich zugesagt, das Gesetz im Senat mit einzubringen. Als die Washington Post nachfragte, erklärte seine Kampagne zunächst nur, er werde jedes Gesetz prüfen und das Beste für Texas tun. Erst nach Erscheinen des Berichts teilte ein Sprecher mit, Talarico stehe zu seiner Unterstützung. [8]

Es wäre falsch, daraus eine Ablehnung des Gesetzes zu machen. Die vorherige Zurückhaltung bleibt trotzdem erklärungsbedürftig. Warum muss eine bestehende Zusage zum Schutz vor Diskriminierung überhaupt erst durch öffentlichen Druck wieder eindeutig werden?

Sechs Geschlechter, zwei Geschlechter, "genetic abnormalities"

Auch seine Aussagen über biologisches Geschlecht vermitteln mir wenig fachliche Sicherheit. In einer Ausschussanhörung im Jahr 2021 behauptete er, es gebe sechs biologische Geschlechter, und zählte dafür verschiedene Chromosomenkonstellationen wie XXY oder XYY auf. [9] Das war in dieser Form nicht haltbar, denn Chromosomen allein bestimmen das Geschlecht nicht, und Varianten der Geschlechtsentwicklung lassen sich nicht in sechs Kategorien sortieren.

Im Fox-Interview vom 9. September nahm er die Aussage zurück. Es gebe zwei Geschlechter und einen kleinen Anteil von Menschen mit "genetic abnormalities", also genetischen Anomalien. [9]

Eine unzutreffende Aussage zu korrigieren, ist richtig. Die neue Formulierung finde ich trotzdem unsensibel. Inter Menschen werden darin zur Abweichung von einer Norm, statt als Teil der menschlichen Vielfalt benannt zu werden. Zudem vermisse ich die Sorgfalt, körperliche Geschlechtsmerkmale und Geschlechtsidentität auseinanderzuhalten. Für die Rechte von trans Menschen ist die Zahl der Chromosomenkonstellationen ohnehin nicht der entscheidende Punkt. Gerade wer politische Regeln für andere Menschen beschließen möchte, sollte sich mehr als eine griffige Erklärung zutrauen.

Mein Eindruck

Bei diesem Thema wirkt Talarico auf mich inzwischen sehr nach Berufspolitiker. Er mag einen eigenen Standpunkt haben. Doch sobald dessen konkrete Konsequenzen potenzielle Wähler:innen verschrecken könnten, werden seine Antworten auffällig beweglich.

Das ist mein Eindruck, keine beweisbare Aussage über seine inneren Motive. Vielleicht hält er diese Kommunikation für notwendig, um überhaupt gewinnen zu können. Paxton und die Republikaner werben ohnehin mit seinen früheren Aussagen gegen ihn und werfen ihm trotz seiner Korrekturen Wankelmut vor. [2] Wer sich für Wähler:innen in der Mitte bewegt, wird also nicht automatisch belohnt. Für Menschen, deren Rechte dabei offenbleiben, schafft diese Strategie in jedem Fall Unsicherheit.

Und trotzdem würde ich ihn wählen

Der Vergleich mit Ken Paxton ist eindeutig. Bereits im Februar 2022 stufte Paxton als Generalstaatsanwalt in einem formellen Rechtsgutachten bestimmte geschlechtsangleichende Behandlungen bei Minderjährigen, ausdrücklich einschließlich Pubertätsblockern, als Kindesmisshandlung nach texanischem Familienrecht ein. Gleichzeitig forderte er die Kinderschutzbehörde des Bundesstaates auf, entsprechend zu handeln. Das dokumentiert seine eigene Behörde. [10]

Im März 2026 vertrat er in einem weiteren Gutachten die Auffassung, das texanische Behandlungsverbot gelte auch für staatlich zugelassene psychologische und psychosoziale Fachkräfte. [11] Solche Gutachten sind nicht selbst rechtsverbindlich. Zusätzlich erzwang Paxton in einem Vergleich mit dem Texas Children's Hospital die Einrichtung einer Klinik für Detransition. Laut Texas Tribune lehnt er jede geschlechtsangleichende Versorgung Minderjähriger ab. [7] Das zeigt deutlich, in welche Richtung er staatliche Macht einsetzen will.

Talarico lässt Fragen offen. Paxton hat sie längst beantwortet, und zwar gegen uns.

Angesichts dessen wäre meine Wahlentscheidung klar. Ich hätte ein Interesse daran, dass Talarico gewinnt. Meine Erwartungen an seinen Einsatz für trans Menschen würde ich trotzdem weiter öffentlich formulieren.

Denn eine Stimme bedeutet für mich auch einen Auftrag. Wer mit dem Versprechen antritt, queere Menschen zu schützen, muss sich daran messen lassen, wenn die Fragen unbequem werden. Gerade dann möchte ich erfahren, welche Rechte er verteidigen wird und welche Einschränkungen er selbst unterstützt.

Wenn ich dort wählen dürfte, hätte Talarico meine Stimme. Mein Vertrauen müsste er sich mit klaren Antworten und verlässlichen Entscheidungen erst verdienen.

Eure, Lizbeth

Quellen

  1. Talarico for Texas: Freedom, Family & Faith. Wahlprogramm, abgerufen am 14. Oktober 2026.

  2. Kayla Guo und Ayden Runnels, The Texas Tribune, 9. September 2026: In reversal, James Talarico says he opposes trans athletes in girls' sports "if it risks safety or fairness". Enthält auch seine Abstimmungen und Aussagen von 2021, das Podcast-Zitat vom Januar 2026 und die Reaktion von Equality Texas.

  3. Molly Sprayregen, LGBTQ Nation, 28. September 2026: James Talarico says he still opposes blanket trans sports ban despite controversial take on fairness. Bericht über seine Aussagen auf dem Texas Tribune Festival am 24. September 2026, mit Einordnung von Erin Reed.

  4. Natalia Mittelstadt, The National News Desk/WCIV, 10. September 2026: Talarico backtracks controversial gender comments, pushes for Supreme Court overhaul.

  5. Dannie Dai et al., JAMA Network Open, 27. Juni 2024: Prevalence of Gender-Affirming Surgical Procedures Among Minors and Adults in the US. DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2024.18814. Auswertung von US-Versicherungsdaten aus 2019.

  6. Endocrine Society: Endocrine Treatment of Gender-Dysphoric/Gender-Incongruent Persons: Clinical Practice Guideline. Leitlinie von 2017, insbesondere Empfehlungen 5.5 und 5.6.

  7. Gabby Birenbaum, María Méndez und Kayla Guo, The Texas Tribune, 13. Oktober 2026: On the issues: A Q&A with U.S. Senate candidates James Talarico, Ken Paxton and Ted Brown.

  8. Jacob Ogles, The Advocate, 9. Oktober 2026: James Talarico promised to co-sponsor the Equality Act, but now only says he will 'review' the bill. Enthält die ursprüngliche Zusage, den Bericht der Washington Post und die nachträgliche Bestätigung.

  9. D'Angelo Gore, FactCheck.org, 15. September 2026: Paxton's AI-Heavy Ad Leaves Out Context of Talarico Remarks About Christianity. Enthält die ursprüngliche Aussage zu Chromosomen und ihre spätere Korrektur.

  10. Office of the Attorney General of Texas, 21. Februar 2022: AG Paxton Declares So-Called Sex-Change Procedures on Children and Prescription of Puberty Blockers to be "Child Abuse" Under Texas Law. Pressemitteilung zum Rechtsgutachten KP-0401.

  11. Stephen Simpson und Aidan Johnstone, The Texas Tribune, 2. März 2026, aktualisiert am 3. März: Texas law bans state-licensed mental health providers from giving gender-transitioning care to minors, AG Ken Paxton says.

  12. Endocrine Society: Guidelines in Development. Angekündigte Überarbeitung der Leitlinie von 2017, abgerufen am 14. Oktober 2026.


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