Bevor die Bücher brannten: Magnus Hirschfeld, trans Geschichte und das verlorene Wissen von Berlin
- Lizbeth

- 27. Mai
- 14 Min. Lesezeit

Ein Ort, der nicht nur aus Mauern bestand
Am 6. Mai 1933 drangen nationalsozialistische Studierende und SA-Angehörige in das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin ein. Sie plünderten Räume, nahem Bücher, Akten, Bilder, Sammlungsstücke und Forschungsunterlagen mit. Vier Tage später, am 10. Mai 1933, wurden Teile dieser Bestände bei der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz, öffentlich vernichtet. 1 Was dort ins Feuer geworfen wurde, war nicht einfach Papier. Es war Wissen über Menschen, deren Existenz nicht in das Weltbild der Nationalsozialisten passte. Es waren Spuren von Leben, Forschung, Beratung, Selbstsuche und Hoffnung.
Die Geschichte des Instituts für Sexualwissenschaft ist deshalb nicht nur die Geschichte einer wissenschaftlichen Einrichtung. Sie ist ein Stück queerer und trans Geschichte. Sie erzählt von einem Berlin, in dem schon vor mehr als hundert Jahren über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt geforscht, gesprochen und gestritten wurde. Sie erzählt von Menschen, die Unterstützung suchten, von Ärzt:innen und Aktivist:innen, von Netzwerken, Publikationen und Schutzräumen. Und sie erzählt davon, wie gezielt dieses Wissen zerstört wurde.
Wer heute behauptet, trans Geschichte sei eine Erfindung der Gegenwart, muss an diesem Ort vorbeigehen. An diesem Institut. An seinen Archiven. An seinen Akten. An den Menschen, die dort Rat suchten. An Magnus Hirschfeld. An Dora Richter, Toni Ebel und Charlotte Charlaque.
Magnus Hirschfeld: Wissenschaft als Weg zur Gerechtigkeit
Magnus Hirschfeld wurde 1868 in Kolberg geboren. Er war Arzt, Sexualwissenschaftler, jüdisch, homosexuell und politisch engagiert. Diese Kombination machte ihn im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts zu einer außergewöhnlichen Figur, aber auch zu einem Feindbild für jene, die Sexualität, Geschlecht und gesellschaftliche Ordnung nur in engen Normen denken wollten. 2
Hirschfeld verstand Wissenschaft nicht als distanzierte Sammlung von Fakten. Für ihn war Forschung mit Aufklärung verbunden. Mit Entkriminalisierung. Mit Schutz. Mit gesellschaftlicher Veränderung. Sein oft zitierter Leitsatz lautete "Per scientiam ad justitiam", durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit. 3 Dieser Satz beschreibt sehr gut, worum es ihm ging. Menschen sollten nicht verfolgt werden, weil sie liebten, wie sie liebten. Sie sollten nicht entrechtet werden, weil ihr Körper, ihre Identität oder ihr Ausdruck nicht in die Erwartungen der Mehrheit passten.
Bereits 1897 gründete Hirschfeld gemeinsam mit anderen das Wissenschaftlich Humanitäre Komitee. Es gilt als eine der frühesten Organisationen der homosexuellen Emanzipationsbewegung. Ein zentrales Ziel war die Abschaffung des §175, der männliche Homosexualität kriminalisierte. 1898 übergab das Komitee eine von zahlreichen Politikern, Künstlern und Wissenschaftlern unterzeichnete Petition an den Deutschen Reichstag, die eine Streichung dieses Paragrafen verlangte. 4 Diese Arbeit war mutig, denn sie stellte sich direkt gegen geltendes Recht, gesellschaftliche Moralvorstellungen und polizeiliche Verfolgung.
Hirschfelds Engagement blieb nicht auf Homosexualität beschränkt. Er beschäftigte sich mit einer großen Bandbreite sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Dabei verwendete er Begriffe, die heute historisch eingeordnet werden müssen. Seine Vorstellung von "sexuellen Zwischenstufen" entspricht nicht unserer heutigen Sprache und nicht unserem heutigen Verständnis von Geschlecht, Sexualität und Identität. Trotzdem war sie für ihre Zeit ein wichtiger Versuch, Vielfalt nicht nur als Abweichung oder Krankheit zu betrachten, sondern als Teil menschlicher Wirklichkeit.
Gerade für trans Geschichte ist diese Ambivalenz wichtig. Hirschfeld war kein moderner Transaktivist im heutigen Sinn. Er war ein Wissenschaftler seiner Zeit, mit den Kategorien und Grenzen seiner Zeit. Aber er eröffnete Räume, in denen Menschen, die sich nicht in die starren Geschlechternormen ihrer Umgebung fügten, überhaupt sichtbar werden konnten.
Berlin vor 1933: Eine Stadt der Widersprüche
Das Berlin der Weimarer Republik wird oft als freier, schillernder und moderner Ort beschrieben. Das stimmt teilweise, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Berlin war in den 1920er Jahren tatsächlich ein Zentrum queerer Kultur. Es gab Treffpunkte, Vereine, Zeitschriften, Theater, Bars, Beratungsangebote und politische Initiativen. Gleichzeitig blieben viele Menschen rechtlich gefährdet, sozial stigmatisiert und von Polizeigewalt bedroht.
Gerade dieser Widerspruch macht die Zeit so wichtig. Sichtbarkeit bedeutete nicht automatisch Sicherheit. Öffentlichkeit bedeutete nicht automatisch Akzeptanz. Queere und gender-nonkonforme Menschen konnten Räume finden, in denen sie gesehen wurden. Aber sie bewegten sich weiterhin in einer Gesellschaft, die jederzeit gegen sie umschlagen konnte.
In dieses Spannungsfeld fiel die Gründung des Instituts für Sexualwissenschaft.
Das Institut für Sexualwissenschaft: Forschung, Beratung, Zuflucht
Am 6. Juli 1919 eröffnete Magnus Hirschfeld in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft. Es befand sich im ehemaligen Hatzfeldschen Palais in Berlin-Tiergarten, in der Nähe der heutigen Adresse In den Zelten 9A bis 10. Hirschfeld gründete und finanzierte das Institut zunächst aus einer privaten Stiftung seines eigenen Namens. Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft beschreibt das Institut als weltweit erstes seiner Art. 5
Hirschfeld selbst beschrieb den Zweck des Instituts als "Forschungsstätte, Lehrstätte, Heilstätte und Zufluchtsstätte". 6 Diese vier Begriffe sind zentral. Sie zeigen, dass das Institut nicht nur Bücher sammelte oder Vorträge hielt. Es wollte forschen, bilden, behandeln und schützen.
Das Institut hatte mehrere Funktionen. Es war Archiv und Bibliothek. Es war Museum und Beratungsstelle. Es war eine medizinische Einrichtung und ein Ort öffentlicher Aufklärung. An ihm arbeiteten über 40 Personen, darunter der Psychiater Arthur Kronfeld, der Sozialhygieniker Max Hodann, der Physiologe Arthur Weil, die Gynäkologen Bernhard Schapiro und Ludwig Levy-Lenz sowie der Mediziner Felix Abraham. Auch der Jurist Kurt Hiller und Hirschfelds Lebensgefährte Karl Giese gehörten zum Kreis. 7 Das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee sowie die Weltliga für Sexualreform hatten am Institut ihren Sitz.
Menschen kamen dorthin mit Fragen zu Sexualität, Verhütung, Geschlechtskrankheiten, Ehe, Körper, Identität und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Bemerkenswert ist, dass auch trans, intergeschlechtliche und homosexuelle Personen nicht nur Patient:innen waren, sondern teils auch als Mitarbeitende lebten und arbeiteten, darunter Dora Richter, Erich Amborn oder der Schriftsteller Bruno Vogel. 7
Für viele Menschen muss dieser Ort etwas bedeutet haben, das schwer zu überschätzen ist. In einer Gesellschaft, in der Abweichung von der Norm schnell als moralisches, medizinisches oder strafrechtliches Problem galt, konnte schon die Erfahrung entscheidend sein, nicht sofort verurteilt zu werden. Das Institut war kein paradiesischer Raum außerhalb seiner Zeit. Auch dort wirkten zeitgenössische medizinische, soziale und politische Vorstellungen, etwa eugenische Überlegungen oder eine Pathologisierung, die wir heute kritisch sehen. Aber es war ein Ort, an dem Fragen gestellt wurden, die anderswo oft gar nicht gestellt werden durften.
Geschlechtliche Vielfalt vor mehr als hundert Jahren
Für die Reihe "Trans Geschichte sichtbar machen" ist besonders wichtig, dass Hirschfelds Arbeit auch Menschen betraf, die wir heute teilweise als trans, nicht-binär, gender-nonkonform oder geschlechtlich nicht eindeutig in binäre Kategorien passend beschreiben würden. Die historischen Begriffe waren andere. Hirschfeld prägte und verwendete unter anderem den Begriff "Transvestit". Dieser Begriff ist nicht deckungsgleich mit heutigen Begriffen wie trans, nicht-binär oder crossdressend. Er kann aus heutiger Perspektive ungenau, überholt und belastet wirken. Trotzdem ist er für die historische Einordnung wichtig, weil er zeigt, dass geschlechtliche Nichtkonformität schon damals wahrgenommen, beschrieben und diskutiert wurde. 8
Hirschfeld veröffentlichte 1910 seine Schrift "Die Transvestiten". Damit versuchte er, Menschen wissenschaftlich zu beschreiben, deren Kleidung, Auftreten oder Selbstverständnis nicht den gesellschaftlichen Erwartungen an ihr zugewiesenes Geschlecht entsprach. Aus heutiger Sicht ist seine Sprache nicht mehr unsere Sprache. Seine Kategorien sind nicht unsere Kategorien. Sein erster Ansatz, einen "erotischen Verkleidungstrieb" zu vermuten, wurde durch den Kontakt mit Menschen wie Dora Richter selbst korrigiert: Es waren die Patient:innen, die Hirschfelds wissenschaftliche Meinung umstimmten und ihm verständlich machten, dass es um geschlechtliches Selbstempfinden ging, nicht um eine Vorliebe für Kleidung. 9
Das ist für trans Geschichte bedeutsam. Nicht, weil wir historische Personen einfach mit heutigen Begriffen überschreiben sollten. Das wäre zu einfach. Sondern weil diese Geschichte zeigt, dass Menschen mit vielfältigem Geschlechtserleben, vielfältigem Ausdruck und vielfältigen Lebensweisen nicht plötzlich im 21. Jahrhundert entstanden sind. Sie waren da. Sie suchten Worte. Sie suchten Räume. Sie suchten Schutz.
Dora Richter, Toni Ebel und Charlotte Charlaque: Drei Leben am Institut
Hinter den Begriffen, die Hirschfeld prägte, standen reale Menschen mit eigenen Biografien. Drei von ihnen sind heute namentlich bekannt und gehören zu den wichtigsten Pionierinnen der dokumentierten trans Medizingeschichte.
Dora Richter kam 1920 ans Institut, nachdem ein wohlwollender Richter sie nach mehreren Verhaftungen wegen "Vergehens" gegen die Kleiderordnung an Hirschfeld vermittelt hatte. 9 Sie arbeitete dort als Hausangestellte und durchlief ab 1922 schrittweise eine medizinische Transition. Im Juni 1931 ließ sie sich im Urban-Krankenhaus in Berlin-Kreuzberg durch den Chirurgen Erwin Gohrbandt eine Vagina anlegen. Sie gilt damit als die erste bekannte Person, die eine geschlechtsangleichende Operation in dieser Form erhielt. 10
Toni Ebel und Charlotte Charlaque waren befreundet mit Dora Richter und unterzogen sich kurz nach ihr ebenfalls geschlechtsangleichenden Operationen. Charlotte Charlaque arbeitete am Institut unter anderem als Rezeptionistin und sprach mit trans Patient:innen über deren Kleiderauswahl. Sie begleitete Hirschfeld 1929 zum dritten Kongress der Weltliga für Sexualreform nach London. 11 Die drei Frauen lebten zeitweise gemeinsam in der Motzstraße 76 (heute 11) in Berlin-Schöneberg. 9
Lange Zeit galt Dora Richter als verschollen oder als Opfer des nationalsozialistischen Angriffs auf das Institut. 2023 fanden Forschende heraus, dass sie 1934 in der Tschechoslowakei einen Antrag auf Namensänderung gestellt hatte, der vom Präsidenten der Tschechoslowakei genehmigt wurde. Sie überlebte die NS-Zeit und starb 1966 im westdeutschen Allersberg. 10 Auch der Werdegang von Charlotte Charlaque und Toni Ebel ist heute teilweise rekonstruierbar. Charlaque emigrierte später in die USA und wurde in New York bekannt als "Königin der Brooklyn Heights Promenade". 11
Diese Namen sind wichtig. Sie zeigen, dass es nicht nur abstrakte "Patient:innen" gab, sondern Menschen mit Beziehungen, Berufen, Freundschaften und politischem Bewusstsein, die ihre Geschichten teilweise selbst schriftlich dokumentierten.
Der "Transvestitenschein": Schutz und Kontrolle zugleich
Ein besonders eindrückliches Beispiel für die Verbindung von Schutz und staatlicher Kontrolle sind die sogenannten "Transvestitenscheine". Das United States Holocaust Memorial Museum dokumentiert anhand des Beispiels von Gerd Katter, dass solche behördlich ausgestellten Dokumente bei Polizeikontrollen vorgelegt werden konnten, um nicht wegen der getragenen Kleidung verhaftet zu werden. 12 Hirschfelds Institut war an der Vermittlung solcher Bescheinigungen aktiv beteiligt, oft auf Grundlage ärztlicher Gutachten.
Diese Scheine wirken aus heutiger Sicht gleichzeitig berührend und bitter. Berührend, weil sie zeigen, dass es konkrete Versuche gab, gender-nonkonforme Menschen im Alltag zu schützen. Bitter, weil ein Mensch überhaupt ein Dokument brauchte, um Kleidung tragen zu dürfen, die nicht den Erwartungen der Polizei entsprach.
Der "Transvestitenschein" war also kein Zeichen echter Freiheit. Er war ein Hilfsmittel in einem System der Kontrolle. Er machte sichtbar, wie stark Körper, Kleidung und Geschlechtsausdruck überwacht wurden. Gleichzeitig zeigt er, dass Menschen Wege fanden, innerhalb dieses Systems Handlungsspielräume zu schaffen. Das Institut war an solchen Spielräumen beteiligt.
Das Berlin der Weimarer Republik war kein sicherer Ort für alle queeren und trans Menschen. Aber es gab Netzwerke, die Schutz organisierten. Es gab Menschen, die Gutachten schrieben. Es gab Beratungsstellen, die vermittelten. Es gab Wissen, das helfen konnte, staatlicher Willkür etwas entgegenzusetzen.
Netzwerke, Öffentlichkeit und frühe Aufklärung
Hirschfelds Institut war nicht nur eine Adresse in Berlin. Es war Teil eines internationalen Netzwerks. Forschende, Ärzt:innen, Aktivist:innen und interessierte Laien aus verschiedenen Ländern nahmen Bezug auf seine Arbeit. Prominente Besucher:innen wie der britische Schriftsteller Christopher Isherwood lebten zeitweise sogar im Institut. 7 Es sammelte Literatur, Fallgeschichten, Bilder, Briefe, medizinische Unterlagen und wissenschaftliche Arbeiten. Es war damit auch ein Gedächtnisort. Ein Ort, an dem Wissen über Sexualität und Geschlecht gesammelt wurde, das sonst verstreut, verschwiegen oder vernichtet worden wäre.
Hirschfeld trat außerdem öffentlich auf. Er schrieb, hielt Vorträge, beriet, argumentierte und beteiligte sich an Reformdebatten. Er arbeitete an Aufklärung mit, auch im Medium Film. 1919 wirkte er an "Anders als die Andern" mit, der von Richard Oswald inszeniert und am 28. Mai 1919 im Berliner Apollo-Theater uraufgeführt wurde. Der Film gilt als eines der ersten Kinowerke, das sich offen gegen den §175 wandte. Hirschfeld co-finanzierte ihn teilweise über sein Institut und trat selbst als Arzt auf der Leinwand auf. Bereits 1920 wurde der Film als einer der ersten Filme nach der Wiedereinführung der Filmzensur in der Weimarer Republik verboten. 13
Diese Öffentlichkeit machte ihn bekannt. Sie machte ihn aber auch angreifbar. Hirschfeld wurde zur Hassfigur für nationalistische, antisemitische, queerfeindliche und reaktionäre Kräfte. Er stand für vieles, was diese Kreise ablehnten: jüdische Wissenschaft, Sexualaufklärung, Frauenrechte, homosexuelle Emanzipation, geschlechtliche Vielfalt, Internationalismus und moderne Großstadtkultur. Bereits in den 1920er Jahren wurde er auf offener Straße angegriffen und schwer verletzt.
Dass das Institut 1933 angegriffen wurde, war deshalb kein Zufall. Es war ein Symbol. Und genau deshalb wurde es zerstört.
Die Zerstörung 1933
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, traf ihre Gewalt nicht nur Parteien, Gewerkschaften, jüdische Einrichtungen und politische Gegner:innen. Sie richtete sich auch gegen queere Strukturen, gegen Sexualaufklärung und gegen wissenschaftliche Arbeit, die nicht in das nationalsozialistische Menschenbild passte.
Am 6. Mai 1933 wurde das Institut für Sexualwissenschaft geplündert. Die Bestände wurden geraubt, beschädigt, zerstreut und teilweise vernichtet. Am 10. Mai 1933 fand auf dem Berliner Opernplatz die große Bücherverbrennung statt. Werke aus dem Institut gehörten zu den Materialien, die den Flammen übergeben wurden. 1
Das Bild dieser Bücherverbrennung ist bis heute bekannt. Studierende und Nationalsozialisten warfen Bücher ins Feuer und inszenierten die Vernichtung von Literatur als politische Reinigung. Doch im Fall des Instituts für Sexualwissenschaft ging es um mehr als veröffentlichte Texte. Es ging auch um Archive, Dokumentationen, Korrespondenzen, medizinische Unterlagen und persönliche Spuren. Ein Teil dieses Materials ist unwiederbringlich verloren. Das Gebäude selbst, das Hatzfeldsche Palais, wurde 1943 im Krieg zerbombt. 5
Das bedeutet: Wir wissen heute nicht nur, dass Menschen verfolgt wurden. Wir wissen auch, dass uns Teile ihrer Geschichte genommen wurden. Ihre Namen, ihre Briefe, ihre medizinischen Wege, ihre Selbstbeschreibungen, ihre Netzwerke. Die Zerstörung des Instituts war daher auch eine Zerstörung von Erinnerung.
Das ist einer der schmerzhaftesten Punkte dieser Geschichte. Nationalsozialistische Gewalt tötete Menschen. Sie zerstörte Institutionen. Sie vernichtete Rechte. Und sie griff das Gedächtnis an. Wer Archive zerstört, will nicht nur die Gegenwart beherrschen. Er will auch bestimmen, was die Zukunft über die Vergangenheit wissen kann.
Hirschfeld im Exil
Magnus Hirschfeld selbst war zum Zeitpunkt der Plünderung nicht in Berlin. Bereits 1930 war er zu einer ausgedehnten Weltvortragsreise aufgebrochen, von der er aufgrund der politischen Lage in Deutschland nicht mehr zurückkehrte. Er lebte im Exil, unter anderem in Frankreich, und musste sich in einem Pariser Kino in der Wochenschau die Verbrennung seiner Bücher auf dem Berliner Opernplatz ansehen. 5 Nach dem erfolglosen Versuch, das Institut in Paris neu zu gründen, starb er am 14. Mai 1935 in Nizza, an seinem 67. Geburtstag. 5
Das ist ein bitteres Ende. Hirschfeld hatte über Jahrzehnte versucht, Wissen aufzubauen, Menschen zu schützen und gesellschaftliche Reformen voranzubringen. Er musste erleben, wie sein Institut zerstört wurde und wie Deutschland sich in eine Diktatur verwandelte, in der queere Menschen, jüdische Menschen, politische Gegner:innen und viele andere verfolgt wurden.
Aber Hirschfelds Arbeit verschwand nicht vollständig. Seine Publikationen waren bereits international verbreitet. Erinnerungen an sein Institut blieben erhalten. Einzelne Dokumente, Bilder und Materialien überdauerten. Später begannen Historiker:innen, Aktivist:innen und Institutionen, diese Geschichte wieder zusammenzutragen. Die 2011 errichtete Bundesstiftung Magnus Hirschfeld sowie die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft erinnern heute an das Institut, seine Arbeit und seine Zerstörung. 14
Das verlorene Wissen
Wenn wir heute über das Institut für Sexualwissenschaft sprechen, sprechen wir immer auch über eine Lücke. Wir erzählen nicht nur, was war. Wir erzählen auch, was fehlt.
Viele Geschichten lassen sich nicht mehr vollständig rekonstruieren. Viele Akten sind verschwunden. Viele Stimmen wurden nicht bewahrt. Manche Menschen, die damals Hilfe suchten, bleiben für uns namenlos. Andere tauchen nur bruchstückhaft auf, in Fotos, Ausweisen, Randnotizen oder späteren Erinnerungen. Dass etwa der Lebensweg Dora Richters erst 2023 weiter erschlossen werden konnte, zeigt, wie viel Forschung bis heute noch nötig ist.
Dieses verlorene Wissen betrifft queere Geschichte insgesamt. Es betrifft aber trans Geschichte in besonderer Weise. Denn trans und gender-nonkonforme Menschen wurden lange nicht als eigenständige historische Subjekte wahrgenommen. Ihre Spuren wurden häufig unter falschen Begriffen abgelegt, medizinisch pathologisiert, polizeilich registriert oder nachträglich unsichtbar gemacht. Wenn dann auch noch Archive zerstört werden, entsteht eine doppelte Auslöschung. Zuerst wird das Leben normiert und kontrolliert. Dann werden die Spuren dieses Lebens vernichtet.
Deshalb ist historische Arbeit hier mehr als akademisches Interesse. Sie ist Wiederaneignung. Sie fragt: Wer war da? Wer wurde gesehen? Wer wurde falsch bezeichnet? Wer wurde geschützt? Wer wurde verfolgt? Und wessen Geschichte fehlt uns, weil andere entschieden haben, dass sie nicht überliefert werden soll?
Warum diese Geschichte heute wichtig ist
Die Geschichte von Magnus Hirschfeld und dem Institut für Sexualwissenschaft widerlegt eine der hartnäckigsten Erzählungen unserer Gegenwart, die Behauptung, geschlechtliche Vielfalt sei neu, künstlich oder bloß ein Produkt aktueller Debatten.
Nein. Menschen haben schon immer auf unterschiedliche Weise mit Geschlecht gelebt. Sie haben Worte gesucht, auch wenn diese Worte andere waren als heute. Sie haben sich gekleidet, geliebt, gelitten, gehofft, medizinische Hilfe gesucht, Gemeinschaft gefunden und gegen die Grenzen ihrer Zeit verhandelt.
Was sich verändert hat, ist nicht die Existenz dieser Menschen. Was sich verändert, sind Sprache, Sichtbarkeit, Rechte und Möglichkeiten.
Das Institut für Sexualwissenschaft zeigt, dass es schon vor mehr als hundert Jahren Versuche gab, diese Vielfalt wissenschaftlich ernst zu nehmen. Es zeigt aber auch, wie schnell Fortschritt angegriffen werden kann. Die Weimarer Republik hatte queere Räume, mutige Forschende, politische Bewegungen und kulturelle Sichtbarkeit. Wenige Jahre später wurden Bücher verbrannt, Institute zerstört, Menschen verfolgt und ganze Lebenswelten ausgelöscht.
Das macht diese Geschichte so gegenwärtig.
Die Mahnung: Wenn Wissen wieder verschwinden soll
Die Geschichte des Instituts für Sexualwissenschaft endet nicht 1933. Sie endet nicht mit der Plünderung der Räume, nicht mit der Bücherverbrennung und nicht mit Hirschfelds Tod im Exil. Sie reicht bis in unsere Gegenwart, weil sie eine Frage stellt, die heute wieder erschreckend aktuell ist. Was passiert, wenn eine Gesellschaft beginnt, Wissen über bestimmte Menschen als Gefahr zu behandeln?
Die Nationalsozialisten verbrannten nicht nur Papier. Sie griffen die Möglichkeit an, über queeres und trans Leben zu sprechen, zu forschen, zu beraten und zu erinnern. Sie zerstörten Archive, Lebensgeschichten, medizinisches Wissen, Netzwerke und Schutzräume. Was verloren ging, waren nicht nur Bücher. Es waren Spuren von Menschen, die gelebt, geliebt, gesucht, gezweifelt und gehofft hatten.
Darum ist diese Geschichte mehr als ein Blick zurück. Sie ist eine Mahnung.
Wir leben in einer Zeit, in der rechte, rechtspopulistische und antifeministische Kräfte wieder versuchen, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt als Bedrohung darzustellen. Das geschieht nicht überall gleich und nicht in denselben Formen wie 1933. Geschichte wiederholt sich nicht einfach. Aber Muster können zurückkehren. Menschen werden als "unnatürlich", "gefährlich" oder "ideologisch" markiert. Aufklärung wird verdächtig gemacht. Begriffe werden angegriffen. Bücher werden aus Bibliotheken entfernt. Veranstaltungen werden bedroht. Schutzrechte werden infrage gestellt.
In Deutschland zeigt der Lagebericht zur kriminalitätsbezogenen Sicherheit von LSBTQIA* Menschen für das Jahr 2023 einen deutlichen Anstieg registrierter queerfeindlicher Straftaten. Insgesamt wurden 1.785 Straftaten gegen LSBTQIA* Personen erfasst, gegenüber 1.188 im Jahr 2022, ein Anstieg um etwa 50 Prozent. Zu den häufigsten Delikten zählten Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen, Nötigungen und Bedrohungen. Die Zahl der Straftaten in den Bereichen "Sexuelle Orientierung" und "Geschlechtsbezogene Diversität" hat sich seit 2010 nahezu verzehnfacht. 15 Auch für das Folgejahr meldet das BKA einen weiteren Anstieg, besonders deutlich bei Taten gegen trans, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen. 16
Auch international sind Angriffe auf Wissen, Bildung und Sichtbarkeit erkennbar. PEN America dokumentierte für das Schuljahr 2024/2025 insgesamt 6.870 Fälle von Buchverboten an öffentlichen Schulen in den USA, verteilt auf 23 Bundesstaaten und 87 Schulbezirke. Seit 2021 zählt die Organisation rund 23.000 dokumentierte Fälle. Besonders häufig betroffen sind Bücher, die marginalisierte Perspektiven, Rassismus, Sexualität, queere Themen oder geschlechtliche Vielfalt behandeln. 17
Natürlich ist ein heutiges Buchverbot nicht dasselbe wie die nationalsozialistische Bücherverbrennung. Dieser Unterschied ist wichtig. Aber es wäre gefährlich, deshalb die Verbindungslinien gar nicht mehr sehen zu wollen. Denn autoritäre Bewegungen beginnen oft nicht mit offener Vernichtung. Sie beginnen mit Sprache. Mit Verdacht. Mit der Behauptung, bestimmte Themen seien gefährlich für Kinder. Mit der Forderung, bestimmte Bücher aus Regalen zu entfernen. Mit dem Wunsch, bestimmte Menschen aus der Öffentlichkeit zu drängen.
Genau deshalb ist Erinnerung so wichtig.
Das Institut für Sexualwissenschaft war ein Ort, an dem Menschen nicht verschwinden mussten. Ein Ort, an dem gesammelt wurde, was andere verleugnen wollten. Ein Ort, der zeigte, dass geschlechtliche und sexuelle Vielfalt keine Modeerscheinung ist, sondern Teil menschlicher Geschichte.
Dass dieser Ort zerstört wurde, darf nicht nur Trauer auslösen. Es muss uns wachsam machen.
Denn wenn heute wieder gefordert wird, bestimmte Bücher aus Regalen zu nehmen, bestimmte Themen aus Klassenzimmern zu verbannen, bestimmte Menschen aus der Sprache zu löschen und bestimmte Lebensrealitäten unsichtbar zu machen, dann geht es nie nur um Wörter, Lehrpläne oder Bibliotheken. Es geht darum, wer vorkommen darf. Wer geschützt wird. Wer erinnert wird. Und wer erneut verschwinden soll.
Die Antwort darauf darf nicht Schweigen sein.
Transgeschichte sichtbar zu machen bedeutet deshalb mehr als Vergangenes zu erzählen. Es bedeutet, zerstörtes Wissen wieder zu suchen. Es bedeutet, Lücken zu benennen. Es bedeutet, den Menschen Würde zurückzugeben, deren Spuren ausgelöscht werden sollten. Und es bedeutet, in der Gegenwart klar zu bleiben, wenn alte Muster in neuer Sprache zurückkehren.
Bevor die Bücher brannten, gab es in Berlin einen Ort der Forschung, Beratung und Hoffnung. Dass wir heute von ihm erzählen, ist Teil dessen, was die Flammen nicht vernichten konnten.
Eure, Lizbeth
Quellen
Bundesarchiv: Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft 1919 bis 1933. Gastbeitrag von Rainer Herrn, Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V.
Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V.: Institutsgründer Magnus Hirschfeld.
Wikipedia, Institut für Sexualwissenschaft: Motto „Per scientiam ad justitiam“.
Bundesarchiv: Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft 1919 bis 1933: Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees 1897 und Petition 1898 zur Streichung des § 175.
Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V.: Institut für Sexualwissenschaft (1919 bis 1933).
Bundesarchiv: Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft 1919 bis 1933. Beschreibung des Instituts als „Forschungs-, Lehr-, Heil- und Zufluchtsstätte“.
Bundesarchiv: Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft 1919 bis 1933. Mitarbeitende und Bewohner des Instituts, darunter Kronfeld, Hodann, Levy-Lenz, Hiller, Giese, Dora Richter, Erich Amborn, Bruno Vogel sowie Gäste wie Christopher Isherwood.
Magnus Hirschfeld: Die Transvestiten. Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb, Berlin 1910. Vergleiche auch Wikipedia, Institut für Sexualwissenschaft.
Homolulu Berlin: Dora Richter. Biografische Darstellung mit Hinweisen auf Levy-Lenz, das gemeinsame Wohnen in der Motzstraße sowie Hirschfelds Lernprozess durch trans Patient:innen.
Wikipedia, Dora Richter: Ankunft 1920, Operation 1931 durch Erwin Gohrbandt, Namensänderung 1934 in der Tschechoslowakei, Tod 1966 in Allersberg.
Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V.: Charlotte Charlaque, Schauspielerin. Biografischer Eintrag, Tätigkeit als Rezeptionistin am Institut, Reise nach London 1929.
United States Holocaust Memorial Museum: Magnus Hirschfeld and the Institute for Sexual Science. Darstellung des „Transvestitenscheins“ am Beispiel von Gerd Katter.
Filmportal, Anders als die Andern (Regie Richard Oswald, Drehbuch zusammen mit Magnus Hirschfeld, Uraufführung 28. Mai 1919 im Apollo-Theater Berlin).
Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, errichtet am 27. Oktober 2011
Bundesministerium des Innern und für Heimat sowie Bundeskriminalamt: Lagebericht zur kriminalitätsbezogenen Sicherheit von LSBTIQ* Menschen in Deutschland 2023, veröffentlicht am 13. Dezember 2024.
Lesben- und Schwulenverband (LSVD): Queerfeindliche Gewalt. Angriffe auf Lesben, Schwule, bisexuelle, trans, intergeschlechtliche und a_spec sowie queere Menschen (LSBTIAQ*)*. Aufbereitung der BKA-Daten 2024.
PEN America: Banned in the USA: The Normalization of Book Banning. Bericht für das Schuljahr 2024 bis 2025, veröffentlicht im Oktober 2025. sowie PEN America Index of School Book Bans 2024 bis 2025.




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